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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-14 · Heft 46 (14.11.1913) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 Petersburg, 6. November. In Saratow hat ein? starke Agitation des Verbandes echtrussischer Leute zur Vorbereitung von P o g r v m e n begonnen. In der gestrigen Abendsitzung der Reichsdmna nannte der Sozialdemokrat Kerenski den Beilis-Prozeß ein Staatsverbrechen; der Prozeß verdanke seinen Ursprung jener Gruppe, die als vereinigter Adel Rußlands ihr schädliches Wesen treibe. Dem Redner wurde das Wort entzogen. Der srühere Minister für Volksaufklärung Sänger erklärt in einem Interview das ganze Gutachten von Pranaitis für eine schmachvolle Täuschung. Prauaitis habe viele Zitate angeführt, die in den Quellen gar nicht vorhanden seien. Der A d v o k a t e n v er b a n d am Petersburger Gerichtshof hielt eine Generalversammlung ab, in der beschlossen wurde, in einem Telegramm an das Kiewer Gericht in den schärfsten Ausdrücken gegen die offene Untergrabung der Gerechtigkeit im Prozeß Beilis zu p r o t c st i e r e u. Der Prozeß wird als Schmach und Schande für ganz Rußland bezeichnet. In der Universität kam es während einer Vorlesung des . Professors Kossvrotow, der als S a ch v e r st ä n d i g e r in Kiew tätig gewesen war, zu S k a n d a l s z c n e n. Die Studenten empfingen ihn mit Zischen und Geschrei, in das sich laute Ruse „Mörder!" mischten. Die Studenten demolierten einen Teil des Auditoriums. Lude des Lkilis-Oro?ktz. 10. November.- Nach Eröffnung der heutigen Sitzung wurde die vom Gericht aufgeworfene Schuldfrage verlesen. Nachdem von den Privatklägern und den Verteidigern einige Ausstellungen an der Abfassung der Schuldsrage gemacht worden waren, wurden vom Gericht den Geschmort n r n zwei Fragen mit folgendem Wortlaut vorgelegt: Erstens: „Ist es bewieseu, daß in der Ziegelsabrik des jüdischen Krankenhauses Andrei Juschtschinfki, indem ihm der Mund zugedrückt wurde, mit einem Stechinstrnment an den Schläfen, am Nacken und Halse verwundet wurde, wobei die Hirnvenen, die Arterien der linken Schläfe und die Halsvenen verletzt wurden, was einen starken Blutausguß zur Folge hatte? Ist es ferner bewiesen, daß, als Juschtschinfki bis fünf Glas Blut verloren hatte, ihnr aber in a l s mit dem gleichen Instrument am Körper, an den Lungen, der Leber, der rechten Niere und dem Herzen Wunden beigebracht wurden, wobei die letzten Stiche gegen das Herz gerichtet waren? Ist es endlich bewiesen, daß alle Wunden, insgesamt 47, Qualen I u s ch t s chi n s k i s hervorgerufen und eine fast völlige Blutleere des Körpers und seinen Tod veranlaßt haben?" Zweitens: „Wenn der in der ersten Frage beschriebene Vorgang bewiesen ist, ist dann der Angeklagte Beilis schuldig, im vorangegaugcnen Einvernehinen mit nicht entdeckten Personen aus religiösem Fanatismus, um dem Knabeu Juschtschinfki das Leben zu rauben, am 25. März 1911 in Kiew in der Ziegelfabrik des jüdischen chirurgischen Krankenhauses, welches von dem Kaufmann Saitzew verwaltet wurde, zur Ausführung seiner Absicht den dort befindlichen I,uschtschinski ergriffen und in die Fabrik geschleppt zu haben, wo mit dem Angeklagten im Einvernehmen befindliche, nicht entdeckte Personen die geschilderte Tat begingen?" Die erste Frage wurde von den Geschworenen bejaht, F rage 2 dagegen verneint und Beilis daraufhin f r e i gesprochen.' Wir kommen auf dieses Geschworenenverdikt, das zwar den armen Mendel Beilis nach jahrelanger Untersuchungshaft frei spricht, aber durch die Bejahung der ersten Frage das Judentum als des Ritualmordes verdächtig verurteilt, in einem besonderen Artikel zurück. 10. November. Beilis, der nach Verlesung des Verdikts einen Schwächeansall bekam, wurde bereits des Abends, von etwa zehn Polizisten eskortiert, in seine Wohnung zurückg e s ü h r t. Er wird voraussichtlich für die nächste Zeit im Saitzewschen Krankenhaus untergebracht werden, obschon die Bevölkerung des von ihm bewohnten Stadtteils von seiner Unschuld überzeugt und gegen ihn durchaus nicht feindselig gestimmt ist. Die Fanatiker des „Doppeladlers" haben aber mehrfach erklärt, daß sie Beilis l y n ch' e n werden, falls er sreigesprochen werde. Die heute in der Sosienkathedrale abgehaltene Messe für Justschinski hatte eine g e - waltige Menge herbeigelockt. Es kam gleichwohl nicht zu R u h e st ö r u n g en, da der Gouverneur zur Vermeidung von Exzessen die nötige Vorsorge getroffen hatte und selbst am Schauplatz sich befand. Das Urteil wurde trotz der Beschränkung durch die Bejahung der e r st e n Frage von der jüdischen Bevölkerung besonders amch deswegen so freudig ausgenommen, weil die letzte Ansprache des Präsidenten nur eine lange Anklagerede gewesen war, die zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß gab. Allein die Geschworenen fällten ihr Urteil nach kaum einst findiger Beratung. 5. tzauptoerlsmmlung des Verbandes der deutschen Luden. y Hamburg, 9. November. uch m Hamburg, der schönen Alsterstadt, hatte es sich' die jüdisck»? Gemeinde nicht nehmen lassen, die 5. Tagung des Verbandes der deutschen Juden mit einem ganzen Kranze von Festlichkeiten und Unterhaltungen für die Teilnehmer zu umgeben. Dazu kam, daß in Verbindung mit der Hauptversammlung von einer ganzen Reihe weiterer Vereinigungen Besprechungen und Konferenzen gleichzeitig stattsanden, so daß es eigentlich von Freitag mittag bis zum Montag nur eine Kette von wichtigen Versammlungen und Festlichkeiten gegeben hat. Bereits am 7. November sprach Herr Rabbiner Dr. Leimdörfer in seiner bekannten eindrucksvollen Weise in der „Gabriel-Rießer-Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" über „Die Erziehung zur Einheit". Am Freitag abend sowie am Sonnabend waren-in allen Hamburger Shnagogen Festgottesdienste veranstaltet, die außerordentlich stark hesucht waren. Anr Sonnabend mittag wurde im Staatsmuseum für Völkerkunde auf Veranlassung der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" ein hochinteressanter Vortrag über altjüdische Münzen und Medaillen gehalten. Am Sonnabend abend endlich fand im Deutschen Schauspielhaus e eine S o n d e r v o r st e l l n n g für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden statt. Zur Aufführung gelangten neben einem Akt aus Grillparzers „Esther" u. a. der Drei-Ringe-Monolog aus Lessiugs „Nathan" und eine Reihe weiterer Vorträge der ersten Kräfte des Deutschen Schauspielhauses. Daran schloß sich dann ein kleines Festessen. Der Hauptarbeitstag aber war der Sonntag. Bereits in früher Vormittagstunde traten die „Korrespondenten des Verbandes der deutschen Juden" zu einer Versammlung zusammen, die nicht öffentlich war, und über die daher auch nicht berichtet werden kann. Zu gleicher Zeit tagten in dem Sagebielschen Etablissement, in dessen größtem Saale, dem Marmorsaale, später die Hauptversammlung abgehalten wurde, eine Reihe anderer Vereinigungen, so das „Antizionistische Komitee", das „Komitee der Freunde des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" zusammen, und auch die Vertreter der Großgemeinden hielten zu gleicher Zeit eine Besprechung ab, die gleichfalls nicht öffentlich war und über die daher ebenfalls nichts mitgeteilt werden kann. Kurz vor Beginn der Hauptversammlung endlich fand eine Huldigung der Manen Gabriel Rießers an dessen Grabe auf dem Alten Hamburger Friedhof statt. Als Vertreter des Verbandes der deutschen Juden, von dem diese Gedenkfeier veranstaltet war, wurden die Herren Landtagsabgeordneter Dr. Cohn- Dessau, Handelsrichter Willibald L o e w e n t h a l - Berlin, Justizrat Dr. L ö b-Darmstadt und Rechtsanwalt Dr.Guggenh e i m - Qsfenbach delegiert. An dem mit Blumen reich geschmückten Grabdenkmal hieß namens der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg Herr Alfred L e v y die Erschienenen willkommen. Namens des Verbandes grüßte Herr Dr. Cohn- Dessau die Manen Gabriel Rießers. Er führte weiter aus, daß Rießer nach dem prophetischen Wort gehandelt habe, indem er nicht mit Macht, nicht mit Gewalt, sondern durch seinen Geist unendlich Großes gewirkt habe. Ein Heiligtum sei sein Grabmal nicht nur den deutschen Juden, sondern der Menschheit, für deren Rechte und Freiheit sein stolzer Geist im Kampfe gestanden habe. In diesem Geist arbeite der Verband der deutschen Juden, dem aus allen Teilen Deutschlands die Gemeinden und Vereinigungen sich angeschlossen hätten. So lange es deutsche Juden, so lange es Menschen gäbe, die für Recht und Freiheit, die höchsten Ideale des Judentums, sich einsetzen, so lange wird Gabriel

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