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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-14 · Heft 46 (14.11.1913) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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in ihrem Nedaktionsstab einige Juden, ja wenn sie nur gemäß ihrer Politischen Anschauungen für die Durchführung der Gleichberechtigung eintritt, so gehört sie zur jüdischen Presse, sobald ihre Haltung dem Gegner nicht gefällt. Gewiß ist es wahr, daß viele Juden sich journalistisch betätigen. Darf aber Deutschland auf seine Presse, nicht stolz sein; überragt sie an moralischen und wissenschaftlichen Qualifikationen nicht die Presse mancher anderen Länder? Die Mitarbeit der Juden hat der deutschen Presse nicht geschadet. Auch sonst haben aus allen Gebieten öffentlichen Lebens Juden mitgearbeitet. Ich glaube nicht, daß in dieser Arbeit eine einheitliche seelische Art . zum Ausdrucke kommt. Aber dagegen verwahren wir uns, daß in der öffentlichen Betätigung der Juden eine zersetzende Art sich zeige. Zudem wird mit diesem Wort ganz allgemein ein großer Mißbrauch getrieben. Wer kann von neuen Gedanken sagen, ob sie zersetzend oder aufbauend wirken? Was der eine als zersetzend empfindet, erkennt der -andere als Grundlage eines zukunftsreichen wertvollen Gebildes. Wer recht behält in seinem Empfinden, darüber entscheiden spätere Jahrhunderte. ' Noch auf einem anderen Gebiet empfinden wir, daß der Staat uns noch nicht völlig als gleichberechtigte Bürger behandelt. Das ist dort, wo der Schutz dem Ausland gegenüber beginnt. Wenn fortgesetzt deutsche Reisende jüdischer Konfession von Rußland mit all den Paßschikanen sich eine geradezu ehrenkränkende Behandlung gefallen lassen müssen, so dürste Deutschland dazu nicht schweigen. Dem Ausland gegenüber gibt es keine deutschen Katholikenkeine deutschen Protestanten und keine deutschen Juden, sondern nur deutsche Staatsbürger. Nicht in erster Linie als Juden, sondern als Deutsche verlangen wir, daß russische Rückständigkeit vor jedem Deutschen haltmacht. Wie immer aber der Staat sich zu unseren berechtigten Forderungen stellt, dem Vaterland verbleiben unsere Liebe und unsere Arbeit. Das sagen wir nicht im Tone einer patrio-! tischen Phrase, sondern in dem ruhigen Bewußtsein, daß alles Unrecht uns die Liebe zu dem Lande, in dem wir geboren wurden, nicht nehmen kann, weil diese Liebe dem Menschen angeboren ist. Ich habe russische Juden kennen gelernt; sie sprachen von all ihrem Elend Und ihrer Not, von all der Grausamkeit und Brutalität; und was war das Ende: sie lieben ihr russisches Land und das russische Volk. Uns geht es besser; es dürfen wohl bei uns noch hinzutreten ein Stück Staatsbürgerbewußtsein und ein Stück Freude am Staat; nicht rein und ungetrübt ist-diese Freude, aber wir wollen . arbeiten, daß unsere Kinder auch des Staates selbst sich voll erfreuen können, weil er keine Rechtskränkung mehr zuläßt. Für die Gleichberechtigung kämpfen wir als Juden und. als Deutsche. Geachtet ist Deutschland in der Welt durch seine Macht, seine wissenschaftlichen Leistungen, seine Kunst, durch die wirtschaftliche Arbeit seines Volkes. Eine Zeit soll kommen, in der die Durchführung der Menschenrechte, die Gleichheit aller Bürger nicht nur vor dem Gesetze, sondern in. der Wirklichkeit des' Staates ein Ruhmestitel Deutschlands ist. Dafür zu kämpfen, ist vaterländische Arbeit. Wir glauben an jene bessere Zukunft, weil wir an Deutschland glauben, weil es vorwärts schreitet und weil diese Vorwärtsentwicklung alle Vorurteile überwindet. Me Mache. Berlin, 11. November 1913. Der lgrilis-Orosrh. (Fortsetzung.) 2. November. Das Gericht ging heute zur Vernehmung der ich e o.l o gischen S a ch v e r stü.n d i g e n über. Als -erster erhielt . der katholische .Pfarrer P r a n a i t i s das Wort, der bekanntlich bereits während der Voruntersuchung ein Gutachten abgegeben hatte, wonach jüdische R i t u aInt o x d e keine Legende, sondern eine längst feststehende Tatsache sein sollten. Die Erwartungen, die auf seine Gutachten vom Staatsanwalt und von den Klägern gesetzt wurden, waren sehr hochgespannt. Auch sonst erregte die Persönlichkeit des schweigsamen Mannes, der selbst im Gerichtsfaal immer mit einem Büch in der Hand dasaß, großes Interesse. Der Saal war bis zum letzten Platz voll. Pranaitis enttäuschte aber völlig. Sein Russisch ist unrein, seine Sprache schwerfällig und zusammenhanglos. Was er über Ritualmorde vorbrachte, waren Vermutungen für die er keine Beweise anführen konnte. Er erklärte, man könne in der Geschichte gegen 200 nachgewiesene und nicht nachgewiesene Ritualmorde feststellen. Es sei kein Einwand, daß die meisten von ihnen nur in Erzählungen mittelalterlicher M önch e - vorkämen, denn nicht alles wäre im Mittelalter, schlechtgewesen.' Auch dürfe man sein Urteil nicht etwa darauf ausbauen, daß S tr a ck, Delitzsch und Chwalson Ritualmorde in Abrede stellen. Sie werden nur als erste Autoritäten cmgepriesen, seien aber tatsächlich keine. 3. Novembe r. Pater Pranaitis versagte in dem heute mit ihm angestellten Kreuzverhör völlig. 'Er konnte nicht einmal seine Angaben über, „geschichtlich bekannte Ritualmorde" wiederholen, die er vor dem Untersuchungsrichter gemacht hatte. Sein früheres Gutachten wurde daher auf Antrag des Staatsauwalts verleseu. Das gab dem Verteidiger Grigorowitsch Anlaß, zu erklären, ein Sachverständiger, der sein eigenes Gutachten so gründlich vergessen könne, dürfe als solcher nicht mehr angesehen werden. Aus die meisten Fragen antwortete Pranaitis nur mit einem lakonischen „Ja" oder „Nein", „Kann mich nicht entsinnen". Er g ab zu, daß in den gebräuchlichen jüdischen Religionsbüchern über Ritualmorde nichts zu finden ist, erklärte aber, man müsse die in Betracht kommenden Stellen in „besonderen seltenen Ausgaben" suchen. Diese Stellen gab er indes nicht an. Die russischen Theologen, die Professoren der Petersburger geistlichen Akademie Troitzki und Kokowzow stellten sich auf einen ganz anderen Standpunkt als Pranaitis. Sie erklärten, von jüdischen Ritualmorden könneüberhaupt keine! Redesei n. Die Ritualmord -Legende widerspreche dem ganzen Geist der jüdischen Religion. Ihre bestimmten Aeußerungen machten auf die Geschworenen einen solchen Eindruck, daß siedurch ihren Vorsteher erklärten, die Frage sei völlig aufgeklärt. Die Vernehmung weiterer Sachverständiger sei überflüssig. 4. November. Zum Schluß wurde der MoskauerRabbiner M ase vernommen, der in mehrstündiger Rede die Ethik des Judaismus und ihre Unvereinbarkeit mit Ritualmorden darlegte.. 6. November. Um %2 Uhr nachmittags begann heute der Staatsanwalt Wipper seine Anklagerede, die voraussichtlich bis zum Schluß der heutigen Verhandlung dauern wird. Er erklärte, er sei sich der Schwierigkeit seiner Ausgabe und seiner ungeheuren Verantwortung wohl bewußt: Der Beilis-Prozeß sei ein Weltprozeß, nicht aber deshalb, weil der Knabe Juschkschinski grausam ermordet worden ist. Um ihn kümmert sich die mit ihren Versasiungskämpfen und Kriegen beschäftigte Welt nicht. Sondern nur, weil-auf der. Anklagebank ein Jude sitzt. Man sagt, erklärt der Staatsanwalt, wir hätten ans p o li t is chen Motiven das ganze Judentum auf die Anklagebank setzen wollen. Das ist der Grund,.warum hier die glänzendsten Verteidiger, die berühmtesten Fachleute erschienen sind. Diese Vermutung trifft aber nicht zu. Die Regierung will auch keine Ausschreitungen. Die jüdischen Führer aber machen alles, um das Volk gegen das Judentum aufzubringen. Sie haben alles getan, um den Sachverhalt zu verdunkeln. Die Folge war, daß die russische Justiz sich' zwei Jahre lang damit abplagte. Weiter erklärte der Staatsanwalt, er werde sich vor allem der Verteidigung d e r L e u t e zuwenden müssen, die fälsch li ch mit dem Morde in Zusammen h a n g g -e b r a ch t wurden. Der Staatsanwalt schloß seine siebenstündige Rede erst gegen 11 Uhr. Ihren größten Teil bildeten emphatische Ausführungen über angebliche Bestrebungen der Juden, den wahren Sachverhalt zu verdunkeln, über die Unschuld der Frau Tscheberjak und ihrer Freunde. Erst , zum Schluß, berührte der Staatsanwalt die Zeugenaussagen gegen Beilis und. erklärte sie für glaubwürdig, gab. aber zu, daß die

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