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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-14 · Heft 46 (14.11.1913) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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aber, der um Karriere zu machen oder um gesellschaftlicher Vorteile willen seinen Glauben wechselt, treibt Handel mit den heiligsten Idealen; er spricht um seines Nutzens willen eine Lüge aus; er begeht eine Handlung, die das religiöse Empfinden des Juden und des Christen in gleicher Weise verletzt, und die von jedem vornehmen Menschen mißachtet wird. Paß ein solcher Mann den Regierungen des Reichs und den der Bundesstaaten willkommener ist als der aufrechte Jude, der seiner Gemeinschaft treu bleibt, ist eine der bedauerlichsten Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens. Wir verlangen vom Staat unser Recht; wir lehnen aber ab, es uns durch eine Gesinnungslosigkeit zu erkaufen. Lieber sollen unsere spätesten Urenkel in diesem Kamps stehen und unter schweren Rechtskränkungen leiden, als daß wir eine Handlung begehen, die gegen die Ehre und die Ueberzeugung verstößt. Würde die deutsche Oessentlichkeit sich mehr um diese Seite - der Judenfrage kümmern, so wäre das Urteil der Oessentlichkeit bald gefällt und würde dahin gehen: Der deutsche Jude muß nach Gesetz und Vernunft im staatlichen Leben wie jeder andere Bürger behandelt werden; hat er aber, ohne innere Ueberzeugung seine Religion gewechselt, dann besitzt er.die Eigenschaften nicht mehr, die Deutschland bei seinen Beamten voraussetzt. Aber auch Gründe der Tradition spielen bei unserer Stellung zur Taufe mit hinein: Wer seine Familie achtet, verbleibt in der Gemeinschaft, für die die Vorfahren gelitten haben. Wir werden träditionslos, wenn wir uns aus unserer Gemeinschaft lösen. Unser Anspruch auf Gleichberechtigung bedarf keiner Begründung. Die Geschichte der deutschen Kriege,, von den Freiheitskriegen an, lehrt, daß die deutschen Juden dem Vaterlande gegenüber jederzeit ihre Pflicht erfüllt haben. Auf diese Pflichterfüllung dürfen wir mit um so mehr Stolz Hinweisen, weil man uns die Jahrhunderte vorher ausgesondert hatte von der deutschen Kulturgemeinschaft. Aber trotz allem» Zwang und Druck, aller Rechtlosigkeit und allem Elend geht es an einer Gemeinschaft' nicht spurlos vorüber, wenn sie jahrhundertelang in einem Lande wohnt. Deutschland ist unsere Heimat geworden, und viele von uns sind - eingeborener in diesem Lande als manche der Männer, die ihr Deutschtum gegen uns ausspielen wollen. Aber auch darauf wollen wir Hinweisen, daß wir auch auf dem Gebiete friedlicher Arbeit unsere Pflicht erfüllt haben. An der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands, -die die Grundlage unserer nationalen Größe bildet, war die Arbeit der deutschen Juden mitbeteiligt. Die deutschen Juden haben aber auch jederzeit durch ihr Interesse am politischen Leben gezeigt, daß sie ihr Vaterland lieben. Politische Betätigung ist ein Beweis für vaterländischen Sinn und für Staatsbewußtsein. Es wird zwar auf lange Jahre hinaus noch so sein, daß der politische Gegner den deutschen Juden die politische Tätigkeit verdenkt. Bleibt aber der deutsche Jude bei all den großen Fragen, die unser öffentliches Leben bewegen, abseits stehen, so würde ihm erst recht wieder aus dieser Gleichgültigkeit ein Vorwurf gemacht. Immer wieder wird auch der Vorwurf erhoben, daß die deutschen Juden vor allem in den Rechen des Liberalismus und der Demokratie zu finden sind. Man wollte das gelegentlich schon aus der jüdischen Art erklären, aus der zersetzenden 7-wischen Art, wie es im antisemitischen Sprachschatz heißt. Mit der jüdischen Art hat die politische Stellung der deutschen Juden gar nichts zu tun. Es sind unter den deutschen Juden mindestens ebensoviel konservative Tendenzen vorhanden als liberale und demokratische. Der Jude Stahl hat der konservativen Staatsauffassung die wissenschaftlichen Grundlagen gegeben. Es zeigt außerdem die Tatsache, daß die Juden durch' die Jahrhunderte hindurch unter den schwersten Verhältnissen ihre Gemeinschaft aufrechterhalten haben, ganz gewiß auch-genug konservative Art.; Die Juden sind von Natur aus ebensowenig konservativ wie liberal oder demokratisch. Wir bringen gewiß auch hi-er^ grundverschiedene Anlagen mit auf die Welt, die allerdings durch die Lebenserfahrung und durch äußere- Einflüsse in der. einen oder anderen Richtung bestimmt werden. Daß-der Jude in Deutschland Heute nicht , konservativ sein kann, ist selbstverständlich. Sollen wir für das Tivoliprogramm kämpfen? Wäre die konservative Partei frei von antisemitischen Vorurteilen und würde sie sich bei den berechtigten Forderungen der deutschen Juden bedingungslos auf den Boden der Verfassung stellen, so würden sicher viele Juden gemäß ihrer Grundstimmung und der Art ihres Denkens in den Reihen der konservativen Parfei stehen. Naturgemäß, werden übrigens in einem Volksteil, der durch die Jahrhunderte hindurch, unterdrückt war und noch Heute im Kampf um sein Recht steht, liberale und demokratische Gedankengänge ein besonders starkes Verständnis finden. Ebenso naturgemäß wird *in einer wenigstens gesetzlich befreiten Schicht die Tatsache lange nächwirken, daß ihre Befreiung den Gedanken des Liberalismus zu verdanken ist. Eines wird allerdings im öffentlichen Leben immer jüdischer Art sein; das ist ein weitgehendes soziales Verständnis. Die große Grundlage der jüdischen Religion, die mosaische Gesetzgebung, war von so ungemein sozialem Geiste erfüllt, daß sie auch dem modernen Sozialpolitiker Bewunderung abringen muß. Diese Religion wollte einen Staat schaffen, in dem es keinen Armen und keinen Reichen gab; die Agrargesetzgebung des mosaischen Rechts wollte keinen auf die Dauer von seinem Grund und Boden lösen. Aber auch-später haben die Juden durch die Jahrhunderte hindurch unter den schwierigsten Verhältnissen wertvolle soziale Arbeit geleistet. Unbewußt wirkt auf die Nachgeborenen ein der Geist der Vorfahren. Eine Politik zugunsten der Starken gegen die Schwachen wird bei einem Juden nie Verständnis, finden. Noch, eine Anschauung brachten die Juden, wenn sie sich politisch betätigten, mit in die Politik; das war ein starkes Gefühl für politische und religiöse Duldsamkeit. Man wird " keinen Fall Nachweisen können," in dem Lasker und Bamberger gegen dieses Prinzip verstoßen haben. Der Jude hat ein volles Verständnis dafür, daß der moderne Staat sicher nur beruhen kann auf der völligen Gewissensfreiheit,, daß aber auch der einzelne Staatsbürger verpflichtet ist, den religiösen Anschauungen seiner Mitbürger mit Achtung zu begegnen. Wenn irgendwo ein Jude oder'ein Christ gegen dieses Gebot einfachsten Anstandes verstoßen hat, so wird die Mißbilligung in jüdischen Kreisen sicher" so stark sein wie anderwärts. Deswegen wird es aber auch immer ein Unrecht sein, die jüdische Gemeinschaft verantwortlich zu machen, wenn wirklich einmal ein einzelner von uns — vielleicht ein Journalist — in der Besprechung kirchenpolitischer Dinge einen Fehler begangen haben sollte. Andere in ihrem religiöseü Empfinden zu kränken, ist immer ein schweres Unrecht. Begeht ein Jude dieses Unrecht, so ist es eine doppelte Sünde, eine Sünde gegen den Staat und den Frieden unter den Konfessionen, aber auch eine Sünde gegen die jüdische Gemeinschaft, die ja nach älter Gewohnheit für die Taktlosigkeit und die Fehler des einzelnen . verantwortlich gemacht wird. Im Mittelalter war die jüdische Gemeinschaft für die Steuern aller Juden haftbar. Wir waren dem Staate gegenüber Gesamtschuldner für die Steuern der einzelnen. Steuerpolitisch ist das Recht anders geworden. Aber im öffentlichen Leben, im geschäftlichen Verkehr, in Literatur, Politik und Journalistik sind wir Gesamtschuldner geblieben auch für die Fehler der einzelnen, und mögen wir sie noch so sehr ver- - dämmen. So erklärt sich auch das Wort von der jüdischen Presse. Ist eine Zeitung von einem Juden gegründet, oder hat sie

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