Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 46 Berlin, 14. November 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheiut wöchentlich. Ä bo n n e me n t s»p r e i s: durch d en Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S M. — Postscheckkonto 32^. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheime« RegierungSiRatr Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums', Berlin SW.; Jerusalemer Straße zu richlen. Verlag von riudolf rNoss«, Berlin. Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands. Vortrag . SM*"***** von Stadtrat 2)r.. §aa§ . ouf . ■fcem 5. Verbandstag der deutschen Juden. — Die Woche. Der Beilis-Prozetz. — 5. Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Moderne jüdische Grabmalskunst. Von Karl Schwarz. — Der Zionismus. Von L.‘G. — Antisemitische Berichterstattung. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Jnsti. — Nachtrag zu dem Bericht über die 5. Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeinvebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Breslau, Elberfeld, Münster i. W., Hannover, Burgkundstadt, Bad Dürrheim, Strasrburg i. E., Amsterdam, Prag, Paris, New Bork. — Von Nah und Fern. Me Iuvm im ökkentlichrn Leben Deutlchlsnlls. Vortrag von Stadtrat Dr. Haas auf dem Z. verbandstag der deutschen Juden. Hamburg, S. November 1913. n der Stadt Gabriel Rießers soll ich vor Ihnen sprechen. * V Unsere Freunde aus Hamburg werden an diesem Tage mit besonderem Stolze ihres aufrechten Landsmannes gedenken, dessen Lebensarbeit dem Kampfe für die Gleichberechtigung der deutschen Juden gewidmet war. Ich kann aber dem guten und berechtigten Hamburger Stolz und Ihrer guten Hamburger Freude, daß Sie diesen Mann zu den Ihrigen zählen dürfen, einen ebenso berechtigten badischen Stolz und eine starke badische. Freude gegenüb erstellen'. In dem Jahre 1806, in dem Gabriel Rießer geboren wurde, hat Großherzog Karl Friedrich die Grundlagen der Gleichberechtigung der badischen Juden mit den anderen Staatsangehörigen geschaffen. Schon im Geburtsjahr Gabriel Rießers ist der badische Jude badischer Staatsbürger geworden. Daraus weise ich aber in Wirklichkeit nicht deswegen hin, um Ihnen als Badener zu sagen, daß schon im Jahre 1806 bei . uns manches anders und besser war als anderwärts, sondern ich möchte einen anderen Gedanken damit in Ihnen auslösen. .1791 hat Frankreich die Menschenrechte und die Gleichberechtigung aller Konfessionen proklamiert. 1796 machte Holland seine Juden zu Staatsbürgern. Bon 1806 bis 1812 wurde in vielen deutschen Staaten die Emanzipation der Juden durchgeführt. Aber der Rückschlag kam, und zum Teil wurde die Emanzipation wieder gesetzlich aufgehoben, zum anderen Teil wurde sie in der Praxis nicht durchgesührü 25 Jahre, nachdem der erste deutsche Staat die Grundlagen der Emanzipation geschaffen hatte, mußte Gabriel Rießer jenen Kampf um die Gleichberechtigung aufnehmen, in dem wir heute, noch stehen, wie unsere Väter und Großväter darin standen. Vielleicht war es uns am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu. gut ergangen; wir hatten unsere Rechte nicht erkämpft, svndern man hatte, sie uns auf Grund philosophischer und staatspolitischer Erwägungen gewährt. Dauernden Bestand haben aber immer nur Rechte, die erkärnpft sind und für deren Erringung und Erhaltung die Schichten, die das Recht verlangen, alles einzusetzen gewillt sind. Vielleicht ist es gut für unsere Gemeinschaft, daß dieser Kampf um unser Recht geführt werden mußte. und heute noch geführt werden, muß. So sehr uns jedes Unrecht kränkt; der Kampf, der notwendig war, hat doch besondere Werte geschaffen, um die wir froh sein wollen. Noch eines soll in diesem Zusammenhang gesagte werden: Wäre das Lebenswerk Gabriel Rießers restlos von Erfolg gekrönt gewesen, so könnte man über das Thema, über' das ich vor Ihnen sprechen soll, überhaupt nicht mehr sprechen; wäre die Gleichberechtigung durchgeführt, dann hätten wir keine For- ' derungen an den Staat, und unsere Tätigkeit im öffentlichen Leben würde betrachtet werden als das, was sie ish als die Arbeit, die wir als Menschen und als Deutsche in der Öffentlichkeit leisten. Wir wissen aber, und die deutsche Öffentlichkeit weiß es, daß die Gleichberechtigung der deutschen Juden zwar verfassungsmäßig garantiert, aber, in der Praxis nicht.ausgeführt ist. Ich . brauche Ihnen hier nicht, auseinanderzusetzen, welche Stellung man den Juden gegenüber, in der Armee, einnimmt, in der nach den feierlichen Erklärungen unseres Kriegsminister eine Zurücksetzung aus konfessionellen Erwägungen niemals erfolgt. Auch die Tatsache brauche ich nicht darzulegen, daß viele staatliche Aemter jüdischen Bewerbern verschlossen sind.. Es ist unsere Pflicht, daß wir als Juden gegen all diese Zurücksetzungen ankämpfen. Niemals würden wir die Durchführung der Gleichberechtigung verdienen, wenn wir schweigend das Unrecht hinnehmen.. Es ist aber auch unsere d e utsche Pflicht, diesen Kampf zu führen; Recht und Gesetz müssen im Staate gelten; es ist ein unerträglicher Zustand, wenn einer Klasse, von Staatsbürgern gegenüber die grundlegenden Bestimmungen der Verfassung mißachtet werden. Es. ist eine gefährliche Sache, wenn der Staat es zuläßt, daß seine eigenen Gesetze nicht beobachtet werden. .Wo irgendwo im Staat der Versuch unternommen wird, gesetzliche Rechte zu beschränken oder zu umgehen, da sprechen die Eingeweihten so gern von „Verwaltungsmaxime". Die beste Verwaltungsmaxime ist die genaue und peinliche Beobachtung der Verfassung. Die Mißachtung der Grundsätze der Gleichberechtigung aller Konfessionen ist eine Sünde gegen das Gesetz. Die Tatsache aber, daß man den Juden die Gleichberechtigung gewährt, wenn sie sich haben Laufen lassen, ist eine Sünde gegen die.Moral. Die Stellung des Juden im deutschen Staate wird eine andere, wenn.er sich entschließt, zum Christentum überzutreten. Wenn ein Jude aus innerer ehrlicher Ueberzeugung seinen Glauben wechselt, so achten und ehren wir selbstverständlich diesen Schritt, weil ihn seine Ueberzeugung dazu zwingt. Nie wird bei uns Unduldsamkeit eine Stätte finden können.' Der Jude