Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 22 Thorn, 31. Oktober. Am 18. Oktober fand in der hiesigen Synagoge in Verbindung mit dem Morgengottesdienst eine Gedenkfeier statt, zu der von der Kommandantur auch die hier garnisonierenden jüdischen Mannschaften befohlen waren. Eingeleitet wurde diese Feier durch' den vom Synagogenchor vorgetragenen Choral „Der Herr ist mein Hirte". Darauf bestieg Herr Rabbiner Dr. Rosenberg die Kanzel und hielt anknüpfend an die Psalmverse (118, 21—25) „Ich danke dir, daß du mich gedemütigt hast — Dies ist ein Tag, den Gott gemacht, O, Ewiger, hilf doch, o, Ewiger, beglücke doch' eine der Bedeutung des Tages entsprechende Rede, indem er in Anlehnung an jene Psalmworte der einstigen Erniedrigung und des durch die weisheitsvolle Waltung der Vorsehung vollzogenen wunderbaren Aufschwunges unseres deutschen Volkes gedachte und zum Schlüsse Gottes Hilse und Beistand für die Zukunft erflehte. Das Gebet für den Landesvater und das Vaterland und abermaliger Chorgesang beschlossen diese engere Feier, aus die dann das Mussagebet folgte. — Die kirchliche Vorbereitung für die Rekruten fand am 31. Oktober statt. Die jüdischen Mannschaften wurden unter Führung eines Hauptmannes zur Synagoge geleitet, woselbst Herr Rabbiner Dr. Rosenberg die Feier mit einer Psalmrezitation einleitete und darauf eine von Begeisterung durchdrungene Ansprache all die Rekruten hielt.- Das Karsergebet und ein kurzes Schlußwort, das mit dem Priestersegen endete, beschlossen die Feier. W. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Posen. Der Kaufmann Arthur Warschauer, Begründer und Inhaber der Firma Arthur Warschauer, Fabrik seiner Parfümerien, Berlin, beging sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Die Firma ist hier im Jahre 1888 gegründet worden. — Nach dein Verwaltungsbericht vom 1. April 112 bis 31. März 1913 entstammen von den 4520 ehelich Lebendgeborenen 87 mosaischen Ehen. Von den im Berichtsjahre geschlossenen Ehen waren rein mosaisch 41. — Dem Ledigenheim des Vereins zur Fürsorge für krallkeArbeiter schenkten Herr Kommerzienrat Hamburger ein Billard, Herr Kaufmann Petersdorss eine Kegelbahn; Herr Fabrikbesitzer Lesser überwies dem Verein 5000 Mark, die zum Teil für Zlvecke der Walderholungsstätte in Unterburg, zum Teil für das Ledigenheim verwendet werden sollen. — Fabrikbesitzer Siegfried Lesser hat den Noten Adlerorden vierter Klasse erhalten. — Der ehemalige Prokurist der Posener Straßenbahn ist im 77. Lebensjahre gestorben. Der Verewigte gehörte diesem Unternehmen seit seiner Gründung im Jahre 1880 an und widmete ihm 29 Jahre hindurch | seine ganze Arbeitskraft, bis zunehmendes Alter ihn zwang, von der ihm liebgewordenen Tätigkeit zurückzutreten. Am Grabe schilderte Herr Rabbiner Professor Dr. Bloch die sonstigen Tugenden dieses edlen und braven Mannes. — In einer Protestversammlung von Posen verstieg sich der Redakteur Karl Rzepecki zu folgenden Ausfällen gegen die Inden: „Ein Verräter ist, wer zu Juden und Deutschen geht." „Kröben hat seine Schuldigkeit getan, aber der Rest von Juden muß noch fort." „Aus die Juden müsse der Boykott ausgedehnt werden, denn sie seien die Blutegel am polnischen Arbeiternmrkt." — F r a u st a d t. In der Synagoge hier wurden wiederholt die Fensterscheiben mit Steinen eingeworsen. Als Uebeltäter wurde ein Schüler ermittelt. — Grätz. Herr Kreisarzt Geheimer Medizinalrat Dr. Rubensohn, welcher viele Jahre hindurch hier amtlich tätig gewesen, trat am 1. d. M. in den Ruhestand. Aus diesem Anlaß ist ihm der Kronenorden 3. Klasse verliehen worden. — W o ng r o w i tz. Am 15. Oktober starb hier der Kaufmann Isaak Färber im Alter von 66 Jahren. Jahrzehntelang gehörte er dem Repräsentantenkollegium, in letzter Zeit als Vorsteher an. Sein biederer Charakter und das rege Interesse für alle Gemeindeangelegenheiten sichern ihm ein ehrendes Gedenken. — Hohensalz a. Ihren 101. Geburtstag feierte dieser Tage die älteste Einwohnerin unserer Stadt, Frau Friederike,Schaye im Kreise ihrer Söhne, Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen. Frau Schaye erfreut sich größter geistiger Frische, und ist noch so rüstig, daß sie mit der Enkelin einer verstorbenen Tochter ihren Haushalt selbst verwaltet. — Z n i n. Die Leichenhalle aus dem jüdischen Friedhofe ist nun fertig hergestellt. Die Baukosten beliefen sich auf 5500 Mark. — Samt er. Zwei Stiftungen sind der hiesigen jüdischen. Gemeinde zuteil geworden. Kommerzienrat Lubczynski-Berlin, welcher zum Besuch hier weilte, spendete zum Neubau einer Leichenhalle auf dem jüdischen Friedhof 4000 Mark. Kaufmann Holländer-Breslau spendete ebenfalls zum gleichen Zwecke 5000 Mark. — Schönlank e. Lehrer Wolfs von der aufgelösten Schule der jüdischen Gemeinde ist in den Ruhestand getreten und nach Frankfurt a. M. verzogen. — Gncsen, Die gegenwärtige Zahl der Schüler des hiesigen Gymnasiums beläuft sich auf 264 katholische, 208 evangelische und 40 jüdische Schüler. — Kempe n. Lehrer Georg Schaefer aus Landsberg in Ostpreußen ist an der hiesigen Simultanschule angestellt lind hat sein neues Amt bereits angetreten. — Krojanke. (Die älteste Frau unserer Stadt, die einhundertjährige Witwe Minna) Gotthilf, wurde hier unter großem Gefolge zu Grabe getragen. Kinder und zahlreiche Enkel' und Urenkel gaben ihrer hochbetagten Ahne das Geleit. 22 Breslau, 3. November. Heute abend wurden hier zwei große P r v t e st v e r s a m m l u n g e n gegen den Kiewer Ritualmordprozeß im Kvnzerthause abgehalten. In beiden Versammlungen sprachen die gleichen Redner: der erste Rabbiner Prof. Dr. Güttin (um, Reichstagsabgeordneter Gothcin und Prof. Dr. W o h - laue r. Der Vorstand verlas daraus eine Erklärung des Dekans der evangelischen theologischen Fakultät Prof. Dr. Roth st 'ein, die den Ritualmord als völlig unhaltbar und unbegründet kennzeichnet. Dieselbe Erklärung gab auch der Professor der katholischen Fakultät Nickel ab. 21m Schluß wurde in beiden Versammlungen eine gleichlautende Protestresolution angenommen. München, 31. Oktober. Auf Einladung eines Kreises namhafter Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde, dem unter anderen die Herren Justizrat Ofner, Rabbiner Dr. W e r n e r , königlich bayerischer Hosmöbelfabrikant L. Ballin, Julius Basch, Justizrat E. Beer, Kommerzienrat . S. Dreh, Dr. M. L. Ettinghausen, Ingenieur F. F e u ch t w a n g e r , Justizi‘at F x»ankenburger, Kommerzienrat S. F r a e n k e l, Rentier 2t. Landauer, Landrat M. Nußbaum, Justizrat L. Siegel angehörten, fand am 18. Oktober in der „Münchenloge" des .UOBB. eine Versammlung statt, die dem humanitären Werke der Allgemeinen jüdischen Kolonisationsorganisativn gewidmet war. 2lls Referenten'waren die Vertreter der Leitung der AJKO., Großindustrieller Georg Lachmann und Dr. Alfred N o s s i g , aus Berlin eingetroffen. Herr Justizrat Ofner, der die Versammlung leitete, hob in seiner Begrüßungsansprache die Tragweite des von der 2lJKO. bereits verheißungsvoll unternommenen Kolonisationswerkes hervor. Die Bedeutung der LlJKO. läge vornehmlich darin, daß sie, entgegen den bisherigen vereinzelten und zumeist nach philanthropischen Gesichtspunkten unternommenen Kolonisationsversuchen, ein planvolles, aus wirtschaftlicher Grundlage und kaufmännischen Prinzipien beruhendes, großzügiges Ansiedlungswerk schaffen, wolle, das — unter Ausschluß nationaler, politischer oder anderer Parteitendenzen — den notleidenden Juden Rußlands, Galiziens und Rumäniens im Orient auf eigener Scholle dauernde Daseiusbedingungen sichern soll. Herr Georg L a ch m anu - Berlin legte in seinem Referat überzeugend dar, warum die LlJKO. gerade den Orient — insbesondere Palästina, Syrien und die Sinaihalbinsel — zum Felde ihrer Tätigkeit ausersehen mußte. Wirtschaftliche Momente, wie die Nähe des Orients an die Ursprungsländer der jüdischen Emigration, die Fruchtbarkeit und Aufnahmefähigkeit dieser Gebiete, andererseits aber die religiöse Pietät der jüdischen Lluswanderermassen für das Heilige Land waren hier maßgebend. Dr. Alfred N o s s i g - Berlin berichtete über die umfassenden Llrbeiten, durch die die AJKO. die Orientkolonisation nach rationellen Prinzipien vorbereitet habe. Eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten bestand in der Organisierung behördlich legalisierter Bodenerwerbsgenossenschaften aus den jüdischen Auswandererkreisen in Rußland. Andererseits sorgt die AJKO. durch ihr Finanzinstitut, „The Orient Colonising Co.", für Agrarkredit. In besonders warm empfundenen und zu Herzen gehenden Worten appellierte dann Herr Rabbiner Dr. W e r n e r an die Erschienenen. Er wies eindringlich daraus hin, daß seit den furchtbaren Ereignissen in Spanien im Jahre 1492 keine annähernd so harte Judennot geherrscht habe, wie gegenwärtig im Osten. „Sie wissen nicht am Abend, was am Morgen sein wird." Mit diesem Spruche kennzeichnete er die beklagenswerte Lage der östlichen Juden. Den Bestrebungen der LlJKO. komme deshalb eine exzeptionelle Bedeutung zu, weil sie ein großzügiges Abhilsswerk darstellen, das den hilfsbedürftigen Massen die elementarsten Lebensbedingungen verschafft, nämlich ein Stück Land, das ihnen durch ihrer Hände Arbeit täglich Brot verbürgt. Die begeisternden Worte, die auch der Vorsitzende, Herr Justizrat Ofner, in beredter Weise unterstützte, hatten denn auch den Erfolg, daß