Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 45 Der Oemeindevote. Berlin, 7. November 1913 Veilsge zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums LorrrlpondkNHkn und Kgchrichten. DkutlchlsnL. ### Berlin, 4. November.' Der Professor der Theologie an der Universität Berlin, D. Dr. Hermann L. Strack, veröffentlicht in der „Vossischen Zeitung" vom 2. d. M. folgenden aktuellen Artikel, den wir mit freundlicher Erlaubnis des gelehrten Verfassers zum. Abdrucke bringen: Znm Kiewer Ritrralrnor-prozetz. lieber die „Blutbeschuldigung" als solche will ich mich jetzt nicht auslassen, da das zur-Beurteilung und Verurteilung Erforderliche in fast erschöpfender Weise dargelegt ist in meinem Werke: „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" (Leipzig, I. C. Hinrich's), auf welches ich hier verweisen möchte. Wohl aber ist jetzt die Zeit gekommen, über das vom Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten in Petersburg, Herrn Mafchkewitsch erforderte Gutachten des römisch-katholischen Geistlichen I u ft i n Pranaitis die Oesfentlichkeit aufzuklären; denn es bildet dm Hauptgrundlage für die Ritualmordbeschuldigung (s. meine vorläufige Notiz in der „Voss. Ztg." 417 vom 18. August 1913, abends). Herr Pranaitis hat zu beweisen gesucht, daß das Judentum Ritualmorde kennt,' und behauptet, daß der Fall Juschtschinfki ein „typisches" Beispiel'sei. Behörden und weite Kreise der Bevölkerung haben ihm geglaubt. Demgegenüber' gebe ich aus meinem in russischer Sprache gedruckten und der Verteidigung des Beilis rechtzeitig zugegangenen Gegengutachten einen Teil des von Pranaitis handelnden Abschnittes in deutscher Nebersetzung: A. Pranaitis als Gelehrter. Auf die traurige Rolle, die Pranaitis 1893 als Erpresser gespielt hat, will ich hier nicht eingehen. Wer sie kennen lernen will, lese die „Deutsche Petersb. Ztg." vom 23. Februar a. St. 1894. Das einzige Buch, das Pranaitis über das hier in Rede stehende Thema veröffentlicht hat, erschien im Jahre 1892: „Christianus in Talmude Judaeorum“, „Der Christ im Talmud der Juden öder die Geheimnisse der rabbinischen Lehre über die Christen, enthüllt von I.' P.", mit Druckerlaubnis des Metropoliten von Mohilew. Ich erkannte sofort, daß .es, fast ganz Rohling, Justus (Brimann) und Ecker abgeschrieben war, und legte es daher beiseite. Im Juli 1913 hörte ich, Pr. sei als Gutachter geladen und sein Buch sei 1.911 ins Russische übersetzt. Die Hoffnung, er werde inzwischen etwas hinzugelernt haben, erwies sich als falsch: Die russische Broschüre ist nur eine fast buchstäbliche llebersetzung der zweiten Hälfte des lateinischen Buches mit ganz unwesentlichen Veränderungen und allen Mängeln. Wie steht es nun mit den drei Autoritäten des Herrn Pranaitis? Aug. Rohling ist von Dr. Joses Bloch in 1883 ff. und von mir 1892 ff. mit-starken Worten des Meineids und grober Fälschungen beschuldigt worden und hat geschwiegen ( s. „Das Blut" 8. Ausl., S. 109 sf.). — Jakob Ecker hat das Buch „Der Judenspiegel im Lichte der Wahrheit" 1884 nicht selbst verfaßt, sondern, wie ich schon 1893 öffentlich erklärte, das Maserial von Aaron Brimann erhalten. — Dr. Iustus (Pseudonym für Aaron Br.) hat im Jahre 1883 den „Judenspiegel" verösseptlicht und dadurch viele irregesührt; dann hat er Ecker und Rohling geholfen. Schließlich aber hat er 1886 in der Broschüre „Die Kabbalä" - (Innsbruck) S. 44 über die Bosheit und schmähliche Unwissenheit Rohlings, der ihm blindlings.geglaubt hatte, gehöhnt! (S. „Das .Blut" S. 115.) Dieser Spott Brimanns trifft natürlich auch die, welche Rohling ausgeschrieben haben, also auch' Herrn Pranaitis. , Dazu kommt noch folgendes: Das von Rohling hauptsächlich zitierte Buch ist der Sohar, ein im 13. Jahrhundert vollendeter kabbalistischer Kommentar zum Pentateuch. Die jüdische Kabbala hat den Humanisten, besonders des 15. Jahrhunderts, als Produkt der höchsten Weisheit, und zwar einer dem Christentum sehr nahestehenden Weisheit, gegolten. Diese Geistessürsten benutzten Handschriften und unzensierte Drucke und verstanden, was sie lasen. Ich nenne Giovanni Pico Fürsten von Mirandola (t 1494) und Johannes Reuchlin („De arte cabbalistica“ 1517). Der fromme evangelische Christ Christian Knorr von Rosenroth (f 1689 )hat den Sohar 1684 in Sulzbach drucken lassen und unter dem Titel „Kabbala denudata“ einen zweibändigen Kommentar dazu verfaßt. Fleißige Benutzung der Kabbala zeigt sich auch in dem Werke des frommen (römischen) Katholiken Franz Joseph Molitor. Und sogar im Interesse der Judenmission ist. der Sohar benutzt worden, so von G.. Chr. Sommer 1734, Aug. Tholuck 1824, I. H. R.. Biesenthal 1876. ^./Pranaitis als Gutachter. 1. Nicht ein einziges seiner Zitate aus der jüdischen Literatur stammt aus selbständiger zusammenhängender Lektüre der Originale. Die meist ungenannten Quellen seiner „Weisheit" sind Rohling (besonders „Polemik und Menschenopfer des Rabbinismus" 1883), Ecker-Brimann, Buxtorf, Eisenmenger und an einigen Stellen Wagenseil und Edzard. Gar manche Zitate sind durch ihre Fehlerhaftigkeit als Plagiat zu erkennen; so wird die italienische Zeitung „Fansulla", die Rohling als „Judenblatt" bezeichnet, zu einer „hebräischen Zeitung". 2. Pranaitis weiß nicht, daß das Wort Akum weder in den Handschriften noch in den ersten Drucken des Talmuds, des Schulchan Aruch und anderer jüdischer Schriften vorkommt, sondern lediglich' ein Produkt der christlichen Zensur ist; eine, bis vor kurzem sogar vielen Rabbinern unbekannte Tatsache. 3. Pranaitis weiß nicht (wie auch Rohling es nicht, gewußt hat), daß am ha-arec im jüdischen Schrifttum den nichtgelehrten (gesetzesunkundigen) Juden bezeichnet, vgl. schon Evang. Joh. 7,49, und .deutet daher die gegen diese gerichteten Worte als Beweise von jüdischer Mordgier gegenüber Christen! 4. Pranaitis führt eine Reihe angeblicher Geschichtsbeweise für das Vorkommen jüdischer Ritualmorde an, ohne zu wissen oder zu sagen, daß diese „Beweise" fast sämtlich schon in „Das Blut" Kap. 18 (das Buch ist 1911 auch in russischer llebersetzung erschienen) widerlegt sind^, 5. Pranaitis' verkennt. die Zahl, .und die hohe Bedeutung der teils ausdrücklich, teils indirekt gegen die Blutbeschul.digung gerichteten päpstlichen Bullen; s. „Das.Blut" S,. 177—184. (Dort ist auch über. Jnnocenz lV. und Ganganelli . Auskunft gegeben. Lord Rothschild in London hatte nicht nötig, deswegen, nach Rom zu schreiben.) 6. Pranaitis weiß nicht oder, er' verschweigt böswillig, daß . die Schriften Rohlings, und der „Judenspiegel" oft und gründlich widerlegt, sindvgl. außer meinen Schriften, namentlich Franz Delitzsch, Josef Bloch, David Hosfmann. 7. Zweimal zitiert Pranaitis den „Gelehrten Meyer". Das ist der wegen Verleumdung, Majestätsbeleidigung usw. wiederholt schwer bestrafte Paulus Meyer, s. „Das Blut" S. 160 f. 8. Noch, weniger Glück hat Pranaitis mit der Autorität Neosit, dessen ebenso von Unwissenheit zeugendes wie verleumderisches Buch sogar , in russischer llebersetzung den Akten gegen Beilis beigefügt ist.. (Wer für diese Maßnahme.verantwortlich, entzieht sich meiner Kenntnis.) Das Wort Neosit ist gar kein Name, sondern bezeichnet den anonymen'Versasser als (durch die.Taufe) „Neugeborenen", d.. h. als. Proselyten. . Das Buch erschien zuerst 1803 in. Jassy in moldauischer Sprache (aus. dieser Tatsache hat Rohling de.n .„Exrabbi Moldowo" entstehen lassen), dann 1834. in griechischer llebersetzung. .Ich besitze diese (aus. welcher auch die oben erwähnte russische llebersetzung gemacht, ist), habe auch den zweiten moldauischen Druck und eine französische llebersetzung (Paris 1889) vor mir, und ich kann auch sonst, noch beweisen, daß dieses jämmerliche Machwerk nicht „so gut-wie -völlig seitens der Juden vernichtet ist". Pranaitis hat für Zein Gutachten nicht die ihm gegebene „Belohnung" (wosnagrashdemie, „Honorar."), auch keine Bezahlung verdient, sondern Strafe, weil er durch sein Gutachten den Untersuchungsrichter, das Gericht, und die gesamte Kulturwelt tatsächlich verhöhnt hat. .Da noch immer, und zwar gerade wieder gelegentlich des Kiewer. Prozesses, von jüdischen Geheimschriften und Geheimsekten geredet und geschrieben wird, wiederhole ich hier, was ich schon mehrfach feierlich erklärt habe: Es gibt keine jüdischen Geheimschriften und Geheimsekten. Innerhalb des gesamten Judentums gibt es. weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche -kundigen Christen unzugänglich wäre.' Weder suchen die.Juden vor den Christen etwas zu verbergen, noch, können sie vor ihnen etwas verbergen. . .. T. R. Berlin, 4. November. Der russische Publizist und Mitarbeiter der „Nowoje Wremja", Alexander Sto.lhpin, ein : Bruder des verstorbenen Ministerpräsidenten, hat nach längerer Zeit