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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 „Auch Goethe war nur ein Sohn seiner Zeit. Unser Reichstag, unser Bundesrat kann das Rad der Weltgeschichte nicht mehr, zurückdrehen wollen. Und selbst, weny er es wollte, konnte er als Ehehindernis doch nur die Religionsverschiedenheit, nicht die Abstammung aufstellen. Oder verlangen Sie wirklich die Ahnenprobe, etwa wie beim alten Adel, bis zu den sechzehn-Ahnen hinauf? Dieser Prüfung ist kein Standesbeamter, kein Heroldsamt und kaum das zehnte Brautpaar gewachsen. Und was wird aus den Konfessionslosen und aus den getauften Juden, sollen sie alle des Konnubiums entbehren?" „Ich begnüge mich auch mit dem Hindernis der Religions- Verschiedenheit; damit werden wenigstens die meisten und die krassesten Fälle getroffen." . „Dadurch befördern Sie aber gleichzeitig, wie durch jede Entrechtung, die Ihnen doch unerwünschten Uebertritte der Juden zum Christentum und überdies noch die Zahl der illegitimen Verhältnisse. Das letztere war wenigstens in Ungarn der Fall, als König Ladislaus im Jahre 1092 die Mischehen in seinem Lande verboten hatte. Oder wollen Sie den illegitimen Verkehr auch wieder unter Strafe stellen?" Felseck schwieg. „Würde auch wenig nutzen. Die Macht der Leidenschaft spottet aller staatlich gezogenen Schranken, und die nachhinkende Strafe kann die voraufgegangene Tat nicht ungeschehen machen/ Auch fehlt es dem Reichen nicht an dem bekannten Mittel, sich vor der Strafe zu schützen und dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen." „Welches Mittel meinen Sie?" „Nun, die Zürcher Stadtbücher des Mittelalters wissen davon zu erzählen. Es gab schon damals arme Christen, die sich gegen Geld gewinnen ließen, sich als Vater der Judenbastarde auszugeben, um der Dirne die schmähliche Austreibung mit dem Judenhütlein zu ersparen." „Und doch kann der deutsche Patriot dieser Vermischung von Germanentum und Semitentum nicht ruhig zuschauen. Das fortgesetzte Einströmen von Judenblut muß leiblich und seelisch das Deutschtum verwandeln." (Fortsetzung folgt.) Mrechsasl. Jüdische Ettern! Was »Eingeweihte schon seit langem sagen, was Unkundige nie glauben wollten, ist eingetreten. Der Wandervogel ist antisemitisch geworden! Der Ausschluß der Juden aus der ältesten und größten Organisation für Schülerwandern steht bevor! Schon verweigert die Zit t au e r Ortsgruppe ungestraft die Aufnahme jüdischer Kinder, trotzdem das Bundesstatut den Wandervogel ausdrücklich „politisch und religiös völlig neutral" nennt. Ein energisches Eintreten der Bundesleitung für die durchbrochene Satzung i st n i ch t zu erwarten! ' Entschlossen stellt sich die überwiegende Mehrheit der Führerschaft aus die Seite der Rechtsbrecher. Schlimmeres als die Oktobernummer der W a n'd e r v o g e l - F ü h r e r z e i t u n g kann auch das schärssteantisemitische Pamphlet nicht bringen. . Jüdische Eltern! Selbst wenn sich die Leitung des Wandervogels zu einem leisen Tadel aufschwingt, wollt ihr eure Kinder Führern anvertrauen, die sie öffentlich charakterisieren als „hinterhältig, nie harmlos, ewig lauernd", die von ihrer „ange- . borcnen Scham-, und Ehrlosigkeit" sprechen? Wollt ihr eure Jungen ■ zum „Gegenstand.der Hänseleien und des Spottes" ihrer christlichen . Kameraden werden lassen? Die Wandervogel-Führerzeitung sagt es: 0;!'* „Hier gibt es nur eine Möglichkeit: :R e i n.l i ch e.S ch eidun g"! Aber wie:. Soll die jüdische Jugend jetzt der körperlichen und ' geistigen Förderung entbehren, die Wandern nach Wandervogelart mit sich bringt? Gerade wir Juden, die seit Generationen den Zusammenhang mit der Natur verloren haben, sind doppelt verpflichtet, unsere Kinder in Wald und Flur hinauszusenöen, um sie vor den Schädigungen der Großstadt zu schützen. Jede Statistik lehrt, in wie erschreckendem Maße der Jude zu geistiger und nervöser Erkrankung neigt. Jeder Blick auf unsere Heranwachsende Jugend' zeigt, wie nötig sie körperliche Krästigung braucht. Heute, wo Tausenden von jüdischen Kindern die Möglichkeit dazu genommen wird, gilt es, vollwertigen Ersatz zu schassen! Jeder Jude, der Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber' der Heranwachsenden Generation besitzt, ist berufen, hier mitzuarbeiten. Jüdische Eltern, mit eurer Hilfe wird das große Werk der Für« sorge für unsere Jugend gelingen! ,<y Eure Kinder tu erben e s e u ch danken!. I ü disch er Wanderbund „BlJam--We i ß". D i e Führerschaft: : r. \ I. A.: Karl Glaser. ' * Wenn der Kampf um die jüdische Volksschule, der noch immer tobt, den Stempel der Gehässigkeit an sich trägt, so ist das ein sicherer Beweis, daß nicht bloß objektive, sondern auch subjektive Gründe maßgebend ■ sind, daß in sich widerstrebende Gesichtspunkte (in der Theorie: Streben nach einer allgemeinen Volksschule, in der Praxis: Streben nach Gründung jüdischer Volksschulen) einen innerlichen Zwiespalt, doppelzüngiges Gebaren, auslosen. Haß wird erzeugt angesichts der Erkenntnis, daß eine reiche Intelligenz bei einem aussichtslosen Kampfe verschwendet wird. Der Verfasser des Artikels inlden „Bl. f. E. u. 1t.": „Von der Liga zur Bekämpfung -der jüdischen Volksschule" läßt die Lehrerschaft „glücklicherweise nur in folgenden drei Exemplaren" vertreten sein: „Hamel-Nawitsch, Frankenstein-Crone a. d. B. und Spanier-Magdeburg". Warum Lehrer S. Ottensoser, Gemeindevorsteher in Markelsheim (Württemberg) sortgelassen ist, entzieht sich ineiner Kenntnis. Irrtum liegt.wohl nicht vor, Jrrtümer werden nur den Gegnern vorgeworfen. In der Mitgliederliste des Komitees der Freunde des Deutsch-Israelitischen 'Gemeindebundes ist die Shnagogengemeinde Magdeburg durch folgende Herren vertreten: Rabbiner Är. Wilde, G. Hehnemann, Vorsitzender des Vorstandes, Justizrat Lichtwitz, Vorsteher und Vorsitzender der Schul- und Kultuskommission, Max Weil, Vorsteher, Samtätsrat Dr. Wiesenthal, Vorsteher, L. Sperling, Vorsteher, Justizrat Choyke, Vorsitzender, Dr. med. Frankenstein, Mitglied der Repräsentantenversammlung. Mit Erlaubnis des Herrn Redakteurs werde ich in einer der nächsten Nummern meinen Standpunkt zu der Volksschulsrage kennzeichnen. ' - ' Dr. Sp a n.i er-'Magdeburg. Letzte Nachrichten. London, 4? November. Sir Edward Grey and die rumänische Judenfrage. Wie gemeldet, hatten zwei jüdische Vereinigungen Londons durch den Präsidenten der englisch-jüdischeck Vereinigung Claude Montefiore Sir Edward Grey ein Schriftstück vorgelegt, in dem sie daraus aufmerksam machten, daß der Bukarester Friedensvertrag die Garantien der bürgerlichen und religiösen Freiheit und Gleichheit aus dem Londoner Protokoll und dem Berliner Vertrag nicht wiederholt habe. Es handelte sich bei diesem Vorgehen hauptsächlich um die Lage der Juden in Rumänien, für die der heute noch unerfüllte § 44 des Berliner Vertrages Bestimmung getroffen hatte. Daraus antwortete Sir Edward Grey, daß die Paragraphen des Berliner Vertrages, auf welche die Eingabe Bezug nimmt, keineswegs äbgeschasst sind und für alle darin genannten Gebiete bindend bleiben. Trotzdem wolle die englische Negierung mit den anderen Mächten über den Weg beraten, der eiüzuschlagen wäre, um die Bestimmungen des Berliner Vertrages über den Schutz religiöser und anderer Minderheiten in den genannten Gebieten neuerdings zu bekräftigen, wenn an die Großmächte die Frage herantritt, die jüngst auf dem Balkan erfolgten territorialen Aenderungen anzuerkennen.

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