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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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589 Wamba Chindawinth und Recesvinch, den burgundischen Gundobad und so viele andere? Warum die hebräischen Marien, Elisabeths und Annen anstatt der fränkischen Fredegunde und der burgundischen Churdotilde, Chriemhilde und Ute? Selbst der deutsche Michel, was ist er anders als ein verstümmelter hebräischer Erzengel, ein Verwandter von Gabriel, Raphael und Uriel?" „Da bin ich ganz anderer Ansicht, Herr Fischer; wir haben jene orientalischen Worte doch vollständig germanisiert und zu eigenen Kosenamen umgestaltet; Aennchen, Hannchen, Else, Michel, Hans und Jochen haben für mich wenigstens keinen hebräischen, sondern einen sehr heimelnden, einen ganz deutschen Klang." „Die Abwandlung ändert nichts am Ursprung." „Doch wohl sür jeden, der kein Pedant ist." I „Wieder ein Fremdwort, freilich ein griechisches; übrigens ist Pedant sür mich kein Vorwurf, sondern ein Lob, denn Pe- | dant, kommt ja, wie Sie wissen, von xaiäeuo her, und dies heißt, erziehen; ein Erzieher aber soll ja der Lehrer sein; Ihr Pedant ehrt mich also nur." „Nun, diese Ehre mache ich Ihnen nicht streitig." „Danke verbindlichst; aber ein offenes Wort gegen das andere. Als einem vollen Antisemiten oder, in reinerem Deutsch, als einen Gegensemiten dürften Sie sich bei Ihrer Vorliebe sür das Kirchenjüdisch und die jüdischen Vornamen auch nicht mehr ausgeben. Nun, nichts für ungut, Herr Kreisrichter, immer ehrlich und offen; „im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist", sagt ja Goethe im „Faust". Also recht schnelle und volle Genesung! Dienstag sehen wir uns doch . hoffentlich im Verein wieder." „Kann es nicht versprechen. Adieu, Herr Hauptlehrer." „Adieu? auch wieder ein so unvölkisches Wort. Zu Gott, Herr Kreisrichter, zu Gott!" Felseck sah ihm nach und schüttelte den Kopf. „Was will der komische Kauz eigentlich von mir? Etwa mich anzapsen und übertrumpfen? Oder gibt es wirklich so große Fanatiker? .Glaube doch, daß es eher ein Narr als ein Schelm ist; nun „Original, fahr hin in deiner Pracht", sagt Goethe auch in der gleichen „Faust"-Szene." Es klopfte. „Vivat S6gu6ns! Herein!" Fünfzehntes Kapitel. Der Bibliothekar. Es war der wohlbeleibte Bibliothekar a. D. Dr. Hagen, der eintrat, trotz seiner Pensionierung noch ein Mann in den besten Jahren, auch ein Mitglied des Dienstagsvereins. Nach den ersten Begrüßungen und Erkundigungen über das Befinden des Patienten brachte dieser die Rede auch aus die landschaftliche Schönheit des Ortes. „Ja," erwiderte Hagen, „Mondenstein liegt wirklich anmutig; hautpsächlich deshalb habe ich mich in mein Heimatstädtchen zurückgezogen, als ich mich pensionieren ließ. Hier finde ich alles, was ich suche: eine hübsche Gegend, die zu Spaziergängen einladet, historischen Boden, volle Freiheit vom Bureaudienst und auch vom nervenerschütternden Residenzlürm, so recht die Ruhe und Stille, wie ich sie zu meinen wissenschaftlichen Arbeiten notwendig habe." „So arbeiten Sie hier literarisch? Fehlt es Ihnen denn nicht an den wissenschaftlichen Hilfsmitteln?" „Doch nicht so ganz; ich habe mir im Laufe der Jahre eine hübsche, eigene kleine Bibliothek sammeln können, da ich als Junggeselle mein Gehalt nicht aufbrauchte und keine noblen Passionen besitze. Natürlich fehlt mir gar manches, aber was Bibliotheken und Archive ausleihen dürfen, das lasse ich mir durch die Post hierher senden." „Ist das nicht zu umständlich und auch zu kostspielig?" „Ganz und gar nicht; all das Porto beträgt im ganzen Jahr zusammen noch nicht 200 Mark, und das Leben, besonders die Wohnung ist hier doch um so vieles billiger als in jeder Großstadt." „Das ist richtig; aber das nicht ausleihbare Material?" „Ich fahre einmal im Jahre auf vier Wochen in die Residenz, wo ich es -exzerpiere und einarbeite." „Und haben Sie jetzt auch eine größere Arbeit unter der Feder?" „Jawohl; schon f&t mehreren Jahren hält mich ein Thema gefesselt, und ich stehe noch immer in den Anfängen." „Darf ich nach dem Gegenstände fragen?" „Gewiß. Ich behandle die Vermischung der Semiten und der Europäer." „Sie scherzen; wie wenn Wasser mit Feuer sich menget." „Nein, es ist gewiß kein Scherz. Der erste Teil behandelt die historisch bezeugten Fälle der Uebertritte zum Judentum, der zweite Teil unter anderem die Bekehrung der Juden zum Christentum." „Für den zweiten Teil gibt es allerdings einige Beispiele; für den ersten Teil aber doch wohl kaum." „Glauben Sie das nicht, in beiden Teilen handelt es sich um ganz gewaltige Zahlen." „Auch für den Uebertritt zum Judentum?" „Natürlich. Und das schon im Altertum'; denn die Propaganda des alten Judentums ivar nicht gering." Der Bibliothekar gab eine lange Auseinandersetzung der Chasaren sowie eine große Liste aller der Priester und hervorragenden Männer, die in den verschiedensten Jahrhunderten teils aus Liebe zu einer andersgläubigen Frau, teils aus innerer Ueberzeugung vom Christentum zum Judentum übergegangen seien. Bei einem zweiten Besuche, den der Bibliothekar am Nachmittage desselben Tages dem Freiherrn abstattete, gab er eine gelehrte Darlegung über die vielen Uebertritte vom Judentum zum Christentum, infolge deren sehr viele hervorragende Männer und Frauen als Mischblut zu bezeichnen feien, konstatierte die ungeheure Zahl der Opfer der Judenverfolgungen, zählte die Edikte mancher Päpste und weltlicher Regenten gegen die zwangsweise vollzogenen Judentaufen auf, ferner die für die Juden günstigen Aussagen mancher Konvertiten, z. B. den Nachweis des Märchens der Blutbeschuldigung, der durchstochenen Hostien und anderer. Er brachte außerdem vielfache Beispiele von jüdischen Renegaten vor, die reuig zu ihrem ursprünglichen Glauben zurückgekchrt seien, allerdings auch solche von enragierten Judenfeinden, die dein Judentum entstammten und von vielen Versuchen, von denen manche glückten, andere mißglückten, hochstehende Juden zum Uebertritt zu bewegen. Auch der zahllosen, wirklich zum Christentum übergetretenen Juden, der ungeheuren Zahl buh Mischehen wurde gedacht, die bewirkten, daß legitime und illegitime Mischlinge zu Tausenden im Deutschen Reich leben, und daß seit Gewährung des Konnubiums die Zahl der ersteren zunimmt und zunehmen muß. „O, daß ich nein sagen könnte," entgegnete der Kreisrichter. „Aber die Gesetzgebung muß und wird sich aufraffen!" „Ja, was soll,, was kann sie tun? Die Juden totschlagen oder austreiben?" „Gewiß nicht; Toleranz müssen wir ihnen schon gewähren." „Nur Toleranz? Toleranz sollte, wie Goethe sagt, eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt, beleidigen." „Besser, die Juden beleidigen, als die deutsche Nation verjuden. Die Mischehe zwischen Juden und Christen soll und muß der Gesetzgeber verbieten; das hat auch gerade Goethe in ' seinem Gespräche mit dem Kanzler Müller geraten."

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