Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5S8 * „Nein, leider gar nicht; aber Dyktor Loewisohn soll sein Freund gewesen sein; der wird wohl Bescheid wissen, er, oder der Bruder, der Jakob Goldenberg." „Nun, werden ja sehen; also bitte alle Akten für Montag." „Gewiß. Gute Besserung, Herr Kreisrichter." „Danke, danke, lieber Fiedler. Adieu, Doch halt, noch eine Frage, Herr Sekretär. Kennen Sie einen Heinrich Wilhelm Schuster hier?" „Gewiß." „Was ist es für ein Mann?" „Ein ehemaliger Anwaltschreiber aus der Kreisstadt, der vor einer Reihe von Jahren hier einen Basar etabliert und später falliert hat; er ist dann wegen betrügerischen Bankrotts bestraft worden und ist jetzt Agent und Winkelkonsulent." „Fatal; was für Gelichter sich doch an einen herandrällgt! Nochmals schönsten Dank für Ihren Besuch." Als der Freiherr allein war, überlegte er, ob er nicht an Miß Smith ein Kondolenzschreiben richten solle; sie hatten doch früher freundschaftlich miteinander verkehrt, und der alte Goldenberg war immerhin ihr Großvater. Aber der Brief wollte ihm nicht recht aus der Feder; schon die Anrede machte ihm Bedenken. „Sehr verehrtes gnädiges Fräulein", nein, das ging denn doch nicht, und „Dear Miß Smith", das war wieder zu vertraulich; so setzte er denn auf seine Visitenkarte nur die Worte „spricht sein inniges Beileid aus", und schloß sie in ein Kuvert mit schwarzem Rand. Indem er es adressierte, erinnerte, er sich des Gesprächs mit dem Oberstabsarzt, und die Namen Goethe, Schlegel, Herwegh, Heyse, Grillparzer, Varnhagen summten chm durch den Kopf; sie alle hatten Jüdinnen geliebt; warum sollte nicht auch er Miß Smith gern haben? Ihr seines blondes Köpfchen nickte ihm aus den Buchstaben der Adresse, die er schrieb, gar freundlich zu. Neue Besuche entrissen ihn seiner Träumerei. Der Apotheker Karlchen erschien unbesetzte dem Rekonvaleszenten mit großem Eifer alle erdenklichen Eventualitäten seines Sturzes auseinander; wie leicht hätte nicht eine Fraktur des ospedestre oder doch eine Luxation eintreten können, und Karlchens Frau besitze einen Vetter, der mit einem ganz ähnlichen' Sturz sich die Sehne der rechten Achillesferse zerrissen habe und von einem alten Chirurgus der ehemaligen zweiten Chirurgenklasse mit Moxen und Urikaria-Emulsionen malträtiert und so schlecht kuriert worden sei, daß der arme Cousin noch heute an einem gelinden Tremor leide; es wäre denn doch auch ein großes Glück für den Herrn Kreisrichter gewesen, daß er gerade in die bewährten Hände des Dr. Loewisohn gekommen sei. Ein noch größeres Glück schien es Felseck freilich, daß Karlchen bald wieder fort mußte, da auf seinen Lehrling Kuntze in der Apotheke eben noch gar kein rechter Verlaß sei. Der Herr Apotheker wurde von Herrn Muthe abgelöst, der es als eine besondere Gunst des Schicksals bezeichnete, daß der Unfall gerade das linke und nicht das rechte Bein betroffen habe. Nur mit Mühe unterdrückte Felseck die Bemerkung, daß er auch mit dem rechten Bein weder schreibe noch musiziere, und daß er es nicht für anmutiger erachte, links statt rechts zu lahmen, und geduldig ertrug er all die banalen Trostworte, dabei des großen Dulders Hiob eingedenk, der ja auch den Genuß der Krankenbesuche und in noch weit höherem Grade dereinst auszukosten gehabt hatte. Nach Herrn Muthe erschien Herr Lehrer Fischer; einer gab dem anderen förmlich die Tür in die Hand. Herr Fischer versicherte, daß es ihn dränge, seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen für die kernigen und urdeutschen Worte, die der Herr Kreisrichter im Dienstagsverein so zündend gesprochen. „So, sind Sie auch Antisemit?" „Ein Judenfeind bin ich eigentlich nicht, Herr Kreisrichter, und ein Antisemit schon aus sprachlich völkischen Gründen erst recht nicht. Was die Frage des Glaubens betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt der Lessingschen drei Ringe, und was die schlechten Eigenschaften der Juden anbelangt, so denke ich mit Hebbel, der Jude ist gerade so schlecht wie der Mensch, d. h. ich unterscheide gute und schlechte, und ich habe neben manchen schlechten auch viele recht gute Juden gefunden, ja, einzelne sind mir Gönner, ja, wahre Freunde geworden." „Und doch danken Sie mir für meine Rede?" „Gewiß, freilich nur in einer Beziehung, allerdings in der allerwichtigsten." „Und die wäre?" „Natürlich Ihre Zurückweisung der Fremdwörter, die unsere edle deutsche, reine Sprache schänden; haben Sie doch gegen Ressource, Klub und Kasino für das schöne völkische Wort Verein eine Lanze, wollte sagen einen Speer gebrochen." „Gewiß, die überflüssigen französischen und englischen Wörter soll man vermeiden, wenn man gleichwertige deutsche hat." „Herrlich, herrlich; aber nicht nur die welschen, sondern auch die hebräischen Wörter sollen wir ausmerzen." „Ganz meine Meinung; aber ist denn auch unsere Sprache bereits vom jüdischen Gifte so stark infiziert? Ich erinnere mich eigentlich nur eines halben Dutzends hebräischer Wörter, die allerdings und leider gerade unter den Gebildeten große Verbreitung gefunden haben." „Nur einer halben Zwölfzahl?" „Gewiß, mir fallen augenblicklich nur der Schachergeist ein und die häßlichen hebräischen Bezeichnungen für Konkurs, Verwandtschaft, Geistesstörung und Geschäftchen, und dazu etwa noch die Wörter für Reinheit oder Unreinheit der Speisen oder Gesinnung." „Ach, wenn es mit denen abgetan wäre! Pleite würde ich übrigens noch in den Kauf nehmen, da Konkurs, Bankrott, Fallissement und Insolvenz ja auch Fremdwörter find. Aber der schlimmste Einbruch in unsere völkische Sprache bleibt doch jenes entsetzliche Kirchenjüdisch, von dem selbst unser großer Gottesmann Martin Luther uns nicht befreit hat." „Kirchenjüdisch? Ich verstehe Sie wirklich nicht, Herr Fischer." „Aber ich bitte Sie, Herr Kreisrichter, ist etwa Amen nicht hebräisch, und Sela, und Zebaoth, und Zion, und Sabbat, und Messias, und Hosianna, und Halleluja? Alles jüdisch oder,/wie Sie es jetzt nennen, semitisch," i Der Kreisrichter schüttelte verdrießlich den Kops. , „Aber, Herr Fischer, gerade diese hebräischen Wörter haben doch unsere edelsten deutschen Dichter und Sänger mit Begeisterung gebraucht und mit unsterblichen Tönen verherrlicht. Denken Sie nur an Händel und an Sebastian Bach und an den urdeutschesten Lobredner unserer deutschen Sprache, an Klopstock, der sein unsterblichstes Werk den Messias und nicht den Gesalbten oder den Erlöser oder den Heiland genannt hat. Mich haben diese Hallelujas und Amens in unserem Gottesdienst immer nur erhoben, nie gestört, so wenig wie das griechische Wort Christus für unseren Herrn oder das Kyrie eleison." „Ich meinerseits komme einmal über diese Eindringlinge nicht hinweg; sie sind und bleiben eben unvölkisch; von der sogenannten Eindeutschung will und mag ich überhaupt nichts hören." „Da gehen Sie denn doch viel zu weit, Herr Hauptlehrer." „Ich stehe eben auf einem unverrückbaren Standpunkt und mache in völkischen Fragen keinerlei Zugeständnis. Und nun gar die Taufnamen," fuhr Herr Fischer giftig fort. „Statt unserer schönen urdeutschen Bezeichnungen, welche hebräischen Wörter! Warum nur der jüdische Johannes, Joseph und Joachim, warum der hebräische Mathias, während wir doch ebensoviel und sinnvollere deutsche Königspamen besitzen, den langobardrschen Rothar und Liutprand, den westgvtischen