Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Var dem Gericht wurden Heute aus Antrag des Staatsanwalts Auszüge aus dem Buche des griechischen Mönchs N e o p h y t verlesen, das den Hauptbeleg für die Existenz der Nitulmorde bildet. dem Buche heißt es unter anderem, daß alle europäischen Juden an Geschwüren am Gesäß, alle asiatischen am Kopfende, alle afrikanischen an Beingeschwüren, alle amerikanischen an Augenkrankheiten leiden, daß-jüdische Speisen sich viermal im Jahre mit Blut bedecken,' und daß jeder Jude, der davon, kostet, sdfort stirbt. Auch wird in dem Buche behauptet, daß jeder Jude mindestens einen Christen töten müsse. * . Eine höchst merkwürdige Folge har der Prozeß in Amerika, wie wir nachstehender Notiz der „Frankfurter Zeitung" entnehmen: New Pork, 23. Oktober, Die New Dorker Ostseite, der Stadtteil, der nur von russischen Jude:: bewohnt ist, steht ganz im Bann des Kiew er N i t u a l m o r dp r o z es s es. Darin li^t^ auch die psychologische Erklärung für die Erfolge Sulzers, der bekanntlich vom sechsten Distrikt als Kandidat sür die Wahl zur Staatslegislatur ausgestellt worden ist- „Tribüne" schätzt die Zahl seiner Zuhörer in der letzten Nacht aus 50 000. Die Jargonpresse erzielt durch eigene Depeschen aus Kiew eine gewaltige Verbreitung. Jede Kiewer Nachricht wird verschlungen. Sulzers Kandidatur ist als eine Art Protest gegen das Mordmärchen gedacht respektive gefühlt, da er der Vorkämpfer sür die Aushebung des russischen Handelsvertrages war, der bekanntlich deshalb gekündigt wurde, weil Rußland sich weigerte, amerikanische Juden unter den gleichen Bedingungen zu behandeln wie andere Amerikaner. Sulzer hat sich auch sonst stets gegen jeden Antisemitismus bekannt. Die Israeliten anderer Distrikte protestieren gegen seine Kandidatur, doch wahrscheinlich unnütz, da seine Wahl gesichert erscheint. * Erfreulicherweise mehren sich in allen europäischen Ländern die Stimmen.derjenigen, die den unseligen Wahn bekämpfen und Zeugnis dafür oblegen, daß ein Ritualmord undenkbar ist. Davon belehren uns die Berichte der „Vossischen Zeitung" und-des „Berliner Tageblatts^, die so lauten: G e n s , 29. Oktober. Eine Protestversammlnng unter Vorsitz des Advokaten Nationalrats Willemin,, die von über zweitausend Per-. souen aller konfessionellen und religiösen Richtungen besucht war, nahm gestern Stellung gegen den Kiewer Skandal. Nach Anhörung namhafter Persönlichkeiten, so der Universitätsprofessoren Moutet, Moriand und Milhaud und des Pastors Frank Thomas, die das Thema von: juristischen, politischen und theologischen Standpunkt beleuchteten, nahm die Versammlung einstimmig eine Tagesordnung an, worin ste erklärte, von der Ungerechtigkeit der gegen Beilis gerichteten Verfolgungen überzeugt und mit Entrüstung im Namen der Zivilisation gegen den Kiewer Prozeß und die Vergewaltigung der Verteidigung sowie gegen die Nitualmovdbeschuldigung protestieren zu müssen. Die Versammlung nahm Kenntnis vonder Gründung einer Liga zur Verteidigung der russischen Juden. L o n d o n, 29. Oktober. . Bei überfülltem Saal fand gestern in der Memorial Hall die Protesbversammlung gegen den Kiewer Ritualmordprvzeß statt. Es wurden zahlreiche eingelausene Sympathietclegramme von hervorragenden Staatsmännern und Bischöfen verlesen. Lord Rvsebery telegraphierte, er wünsche gegen das Wiederaufflackern jener furchtbaren Anklage in Rußland Protest einzulegen. Die südafrikanische Abteilung der Heilsarmee sandte ein Telegramm, daß sie über die Nachricht von bevorstehenden Pogromen in Rußland beunruhigt sei. Bonar Law telegraphierte: „Ich glaube nicht für einen Augenblick an die Möglichkeit, daß ein derartiges religiöses Verbrechen begangen sein soll." Zahlreiche Bischöfe der Kirche von England, Politiker, Professoren und Beamte hatten Zustimmungsadressen geschickt. Sir Francis Montesiore, der.den Vorsitz führte, erklärte, es sei nicht beabsichtigt, Unfriede zwischen den europäischen Nationen zu säen oder der englischen Regierung im Verhältnis zu den fremden Nationen Schwierigkeiten zu machen. In früheren, Zeiten sei das ganze jüdische Volk des Ritualmords augeklagt worden. Da das als absurd erkannt worden sei, werde jetzt nur eine angebliche Sekte angeklagt, das sei hinterlistiger; aber unter den Juden gebe es keine solche Sekte. Andere mchtjüdische Redner folgten.. Der bekannte englische Rechtslehrer Dicey brachte eine Tagesordnung ein, in der gegen das Wiedevausslnckern der absurden Anklage protestiert wird. Der neue Oberrabbiner Dr. Hertz, der in dieser Protestversammlnng zum ersten Male in London öffentlich erschien, hielt.eine eindrucksvolle Rede. Er erklärte, die Frage sei keine Frage des Judentums, sondern der Menschlichkeit, der Zivilisation und des Christentums. „Die Blubbeschuldiguug," so sagte er unter anderem, „ist ein Ueberbleibsel ans den Tagen der schwarzen Magie. Es ist eine grausame Verleumdung. Nach der jüdischen Lehre harf man einen toten Körper nicht anfassen, weil man hierdurch unfähig wird, eine religiöse Handlung vorzunehmen, denn die Berührung mit etwas Totem macht einen unrein." - - * * Ueber eine imposante Kundgebung in Jerusalem entnehmen wir der „N. I. K." folgende Notiz: Am 8. Oktober d. I. versammelten sich in der großen.Synagoge des Rabbi Jochanan ben Sakkai zu Jerusalem 71 Rabbiner und Leiter der großen Talmudschulen sämtlicher Gemeinden der Aschkenasim, Sephardim und Jemeniten, um gegen den Kiewer Ritualmordprozeß öffentlich Protest zu erheben. Die Versammlung, der ein vieltausendköpfiges Publikum beiwohnte, wurde vom greisen Chachambaschi von Jerusalem, Rabbi Mose Franco, mit einer kurzen Ansprache eröffnet. Nachdem Rabbiner Horowitz über die Entstehung der wahnwitzigen Ritualmordlegende und das viele Leid, das sie über die Juden der verschiedenen Länder und Zeiten gehäuft, ausführlich gesprochen hatte, verlas Rabbi Haim Aljaschar in feierlicher Weise vor geöffneter Bundeslade eine hebräisch abgesaßte Protestkundgebung des Jerusalemer Gesamtrabbinats gegen die niederträchtige Ritualmordbeschuldigung. In tiefer Ergriffenheit lauschte die Versammlung dieser eindrucksvollen Kundgebung der angesehenstell rabbinischen Autoritäten des Heiligen Landes. * Außerdem wird aus Wien gemeldet, daß der Abgeordnete Straucher un Parlament eine Anfrage an die Negierung gerichtet hatte, ob sie geneigt sei, bei dem Minister; des Aeußern dahin zu wirken, daß dieser die Aufmerksamkeit der russischen Regierung auf die den Juden Rußlands drohenden schweren Gefahren lenke, damit diese rechtzeitig wirksame Maßnahmen zu deren Abwendung treffe. * Profess o r H. L. S t r a ck veröffentlicht in der „Voss. Ztg." 2. Nov.) einen Artikel, in dem er den für den Ritualmord auftretenden Pranaitis als Gelehrten und Gutachter brandmarkt. Der interessante Artikel gelangt an erster Stelle im „Gemeindeboten" zum Abdruck. - * Endlich erheben sich auch in Rußland Stimmen gegen die Art, wie der Prozeß geführt wird, und gegen den Wahn, der der Anklage zugrunde liegt. Ein „echtrussisches" Blatt, ' „Kiewljanin", hat den Prozeß in einer Nummer beleuchtet, die konfisziert worden 'ist. Bon diesem Artikel gibt die „Tägliche Rundschau" einen Auszug, der mit den Worten schließt: Ebensowenig, als wir daran glauben, daß die Inden die gesamte! Kiewer Polizei bestochen haben, glauben wir auch nicht daran, daß es Herrn Tscha-plinfki gelungen sein sollte, alle seine Untergebenen Zll '-terrorisieren. .Wir sind überzeugt, daß sich auch inmitten der kleinen Leute ehrliche Menschen finden werden, die selbst vor dem gestrengen Herrn Staatsanwalt nicht „umsallen". Wir haben aber Grund zn versichern, daß der Staatsanwalt Tschaplinski seine Untergebenen eingeschreckt, den Versuch, die Angelegenheit allseitig zu beleuchten, aber gewaltsam unterdrückt hat. Wir haben unsere Worte genau abgewogen, denn wir kennen ihre Bedeutung. Wir mußten aber sprechen und haben ein Recht dazu. Wir werden weiter sprechen. . . nicht müde werden, zu Wiederholern daß eine ungerechte Sache keine guten Früchtetragen kann. Immer wieder werden wir sagen, daß das Gericht weder eine Waffe der Linken noch der Rechten sein darf. Es muß nur Gericht sein, der Zufluchtsort, wo jedermann Schutz findet gegen Ungerechtigkeiten, die durch Politische Leidenschaften diktiert worden sind. Wie vorteilhaft und notwendig es auch vom Parteisbandpunkt sein, möge, das Bestehen der Ritualmorde zu beweisen, so hatte die Staatsanwaltschaft