Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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531 Klagen lebhaft, gerecht und mit Entschiedenheit vorgetragen werden sollen. Ein solches Programm ist für eine Versammlung, die etwa drei Stunden währt — denn für längere Zeit reicht selbst bei einer kleinen Pause die Geduld und Aufnahmefähigkeit der meisten Kongreßteilnehmer kaum hin — völlig genügend. Ich hätte es freilich gern gesehen, wenn in Hamburg, wo die Versammlung tagt, ein Hamburger Redner zum Worte gekommen wäre; es wäre ferner wohl eine Pflicht der Dankbarkeit gewesen, nicht bloß vor der Versammlung, um 10K> Uhr, durch eine Abordnung das Grab Gabriel Rießers besuchen zu lassen, sondern Gabriel Rießer eine Rede zu widmen. Denn das verdiente wohl dieser geistige Patronatsherr des Verbandes, der Mann, der in einer schicksalsschweren Zeit den deutschen Juden Ziel und Kampfart wies, der, man kann wohl sagen, den Begriff des deutschen Juden prägte, mit flammenden Worten das Unrecht aufzeigte, das man den Juden angetan hatte und weiter antat, der als erster das Deutschtum der Juden lebhaft betonte und der in mustergültiger Art seine Glaubensgenossen zur Selbstwehr aufrief. Hat man dies auch versäumt, so fei der Versammlung herzlicher Gruß entboten, und als bester Wunsch ausgesprochen, daß die Versammlung des Verbandes, der in echt Rießerschem Geist arbeitet und bereits schöne Erfolge zu verzeichnen hat, auch im Geiste Rießers abgehalten werde. * Der Leilis-Orosrh. (Fortsetzung.) 25. Oktober. Den bisherigen Zeugen, die Wera Tscheberj n k als M v r d ii r h e b e r i n st e m p e l n und gravierende Tatsachen gegen sie -ansühren, schließt sich der R e v i e ra n sfeh er Ki ritsch e n k o an. Seine gestern spät abends begonnene Vernehmung nahm -auch den heutigen Vormittag in Anspruch. Der Zeuge, der bescheiden und vorsichtig über alles berichtet, bestätigt auf Grund eigener Recherchen und persönlicher Beobachtungen einen großen Teil der Erzählu n gen Kr as>s onu skis, so über die verdächtigen Vorgänge kurz vor dem Tode Schenja Tscheberjaks, die er noch mehr in den Einzelheiten charakterisiert. Heute nachmittag wurden M o n d z e l e w s k i, S i n g >a j e w s k i und N u d n i z k i vorgeführt, die beiden letzteren in Arrestantenkleidern und von einer Eskorte begleitet. Singajewski, der aus dem Gefängnis, und Nudnizki, der aus der Katorga (Zuchthaus) gebracht wird, sollen nach Karajews Feststellungen zusammen mit Latyschew im Haufe der Tscheberjak den Mord begangen haben. Latyschew hat sich vor einiger Zeit, als er bei einem Verhör in anderer Sache vom Untersuchungsrichter nach dem Fall Juschtfchinfki befragt wurde, aus dem Fenster des Gerichtsgebäudes auf die Straße gestürzt und ist dabei umgekommen, während Singajewski und Nudnizki wegen anderer Verbrechen eing-esperrt wurden. Aeußerst spannend gestaltet sich die Vernehmung Singajew sk i s, des Bruders der Fr au Tsch ebe r j a k. Niemand zweifelt daran, daß er das Geständnis, das er vor Karajew und Machalin abgelegt hat, im Gerichtssaal zurücknehmen werde. Singajewski macht einen erbärmlichen Eindruck. Man erfährt, daß er bis zum achtzehnten Lebensjahr Schul- und Privatunterricht genossen hat, aber -nur seinen Namen schreiben kann. Von ihm und seinem Busenfreunde Nudnizki wird sestgestellt, daß sie im Sommer 1911 vor dem Untersuchungsrichter sich bezichtigt haben, in der Nacht zum 13. März einen Diebstahl begangen zu haben, der Untersuchungsrichter hat indes das Verfahren gegen sie eingestellt, weil er darin eine f i k t i v e S e l b st b e z i ch t i g u n g erkannte, um ein Al l i b i g egen d i e B e s ch u l d i g u n g d e s Mordes zu haben. Der Verteidiger Grusenberg fragt den Singajewski, der dies zugibt, welches Alibi es wäre, -wenn er zwölf Stunden nach dem Zeitpunkt, au dem der Mord geschah, einen Diebstahl begangen habe. Der Zeuge schweigt. Da springt chm Samyslowski bei. „Sie beginnen -wohl", fragt er, „ein neues Verbrechen, wenn das frühere vollständig liquidiert ist, und Sie bereiten wohl jedes Verbrechen einige Zeit vor?" — „Ja", erwidert Singajewski, instinktiv ahnend, daß Hilfe kommt. „Wenn Sie also den Juschtschinski ermordet hätten, so hätten Sie noch viel Zeit gebraucht, um die Leiche sortzuschafserr. Sie hätten also einen Diebstahl in der nächsten Nacht nicht begehen können. Das wollten Sie -wohl mit der Selbstbezichtigung seststellen." Der Zeuge besaht -auch dies und ist vorläufig gerettet. Im weiteren Verlauf seiner Vernehmung bestreitet S i n g a j e w s k i, vor Karajew ein G e st ä n -d n i s a b g e l e g t zu haben. Er habe mit jenem über den Mordfall gesprochen, aber nur Karajew habe ihm auf den Kops gesagt, daß er Singajewski, mit Conrplioen das Verbrechen begangen habe. Immer dramatischer -wird das Verhör Singajewskis, als dieser mit dem einzigen Zeugen des Geständnisses, mi t M -a ch a l i n konfrontiert wird. Als er Machalin erblickt und gefragt wird, ob er ihn kenne, bleibt er minutenlang stumm. Dreimal dringt der Präsident in ihn, bis er schließlich, leichenblaß, leise sagt: „Ja." Man fühlt, daß ein solidarisches Vorgehen aller Parteien dom Zeugen den Mund lösen würde. Aber in dieseni Moment springen der Staatsanwalt und S a m y s l o w s k i von ihren Plätzen empor -und schauen ^ihn suggestiv an. Singajewski fühlt sich gestärkt und leugnet alles, ivas Machalin, ihm fest in die Augen sehend, über jenes Geständnis erzählt. Frohlockend schaut sich der Staatsanwalt um. Singajewski hat das Examen bestanden. Sein Freund Nudnizki bietet nicht mehr ein solches Interesse, denn von diesem Ministerkopf, wie ihn Singajewski nannte, wird nichts erwartet. Nudnizki geht in seinem Leugnen soweit, daß er behauptet, von der Tscheberjak nicht einmal gehört zu haben, obwohl sestgestellt ist, daß er -bei dem Geliebten -der Frau Tscheberjak, Miste, viel verkehrte. Trotz der ergebnislosen Vernehmungen hat das Erscheinen dieser ausgesprochenen Berbrechertypen -einen starken Eindruck hinterlassen. In den Couloirs des Gerichtsgebäudes wird folgendes Gespräch z w i s ch e n S a in y s l o >w s k i u n d d e m S t -a a t s a n w a l t, das vor der Vernehmung Singajeniskis stattgef-nndeu haben soll, erzählt. Samyslowski habe zu dem Staatsanwalt Tschaplinski geäußert: „Wenn er -wirklich im Gerichtssaal auf die Knie fallen -und eingestehen sollte, wie schrecklich wäre es." „Seien Sie ruhig, er -wird nicht eingestehen", habe der Staatsanwalt Tschaplinski erwidert. 26. O k t v b e r. Die Z e u g e n v e r n e h m u n g unitöe heute abend zu Ende geführt. In den letzten Tagen wurde der Name L e i l i s von den Zeugen fast gar nicht mehr genannt, es handelte sich nur um die Frage, ob gegen Frau Tscheberjak triftige Schuldbeweise vorliegen. Eine erschöpfende Aufklärung des Mordes brachten die Zeugen nicht. Heute sagte der Zeuge Gendarmerieoberst I w a n o w aus, er habe es aus allerzuverlässigster Quelle erfahren, daß die Personen, die als Privatdetektive gearbeitet hätten, Gratifikationen erhalten hätten. B r a s u l habe vor seiner Reise nach der Krim 3000 Rubel erhalten. Ferner sei sestgestellt, daß K r a s s o w s k i ebenfalls ein Honorar erhalten habe. Aus K a r a b - tschewskys Frage, woher der Zeuge die Nachrichten über diese Summe habe, erwiderte der Zeuge, er verbürge sich für die Nachrichten, deren Quelle jedoch sein Dienstgeheimnis bilde. Auf Ersuchen des Verteidigers Grusenberg wird protokolliert, daß bei dem Verhör des Obersten Iwanow der Gerichtspräsident und die Zeugen nicht erklärt haben, daß die Wahrheit höher stehe als das Dienstgeheimnis. Zeuge Schriftsteller Jablonowfky sagte aus, er habe durch Brasuls Vermittlung Wera Tscheberjak in einem Restaurant kennen gelernt und habe beim Verlassen des Restaurants dem ihm begleitenden Brasul erklärt: „Dieses Frauenzimmer lügt wahrscheinlich immer, selbst wenn sie die Wahrheit sprechen will." Auf das Ersuchen des Verteidigers Grusenberg fand angesichts der Aussage Weras, im Restaurant sei ein Unbekannter gewesen, der ihr und Charikow 40 000 Rubel an geboten habe, eine Konfrontation mit Wera statt. Letztere bat, Jablonowfky einen Stuhl zu reichen. Als der Zeuge sich setzte, die Arme aus der Brust kreuzend, rief Wera: „Das ist derselbe", worauf das Publikum lachte. Wera erklärte, nach dem Aussehen, den Haaren und der Art, wie er sich hinsetzend die Arme kreuzt, sei er derjenige, der ihr und Charikow 40 000 Rubel angeboten habe. Jablonowfky rief: „Zieht Recherchen ein und konstatiert, wer von uns beiden dem Gericht vorlügt." Der Staatsanwalt ersuchte, zu Protokoll zu nehmen, daß er einem Wunsche Weras zufolge die Pantomime zugelassen habe, die.beim Publikum Gelächter hervorgerufen habe. Der Vorsitzende erklärte, er werde dem P u b l i k u m eine Verwarnung erteilen. Heute erregt im Gerichtssaal die allgemeine Aufmerksamkeit die vornehme Gestalt des zum erstenmal erschienenen D i ch t e r s K o r o - lenko. Infolge seines Krankheitszustandes ist ihm ärztlicherseits