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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 . wird zurzeit in sieben Ländern betrieben, wo den Juden 1041 000 Hektar Land zur Verfügung stehen. Von' diesen sieben weit auseinander liegenden Kolonisationsgebieten ist das von Anatolien einstweilen so gut wie aufgegeben. In CYP ern vegetieren noch drei Ansiedlungen mit zusammen 37 Familien. In Brasilien werden seit zwölf Jahren Kolonisationsversuche gemacht, der Erfolg läßt aber immer noch auf sich warten. Auch in Kanada will es mit der Kolonisationsarbeit nicht recht vorwärtsgehen, da die leichte Möglichkeit, in den rapid wachsenden Städten ein gutes Auskommen zu fanden, der jüdischen Kolonisationsarbeit sehr im Wege ist. Die landwirtschaftliche jüdische Bevölkerung ist da im Berichtsjahre sogar etwas zurückgegangen. Sie zählte 2942 mit 49 700 Hektar gegen 3482 Seelen und 54 846 Hektar im Vorjahr. Dagegen wachsen, blühen und gedeihen die jüdischen Kolonien in Palästina, Argentinien -und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Das Kolonisationswerk in Argentinien macht seit 15 Jahren sichtliche Fortschritte. Der jüdische Landbesitz daselbst umfaßt -633 000 Hektar gleich 2% Millionen Morgen, auf denen sieben große Kolonisationszentren bestehen. Im Berichtsjahre ist eine neue Kolonie Montesiore in der Provinz Santa Fe im Umfange von 29 000 Hektar mit 94 Familien und 588 Seelen hinzugekommen. In: Gegensatz zu ihren bisherigen Gepflogenheiten, ihre Schützlinge mit 150 bis 230 Hektar Land auszustatten, hat die I. C. A. den neuen Kolonisten „nur" je 75 Hektar überwiesen. Es muß jedoch betont werden, daß selbst 75 Hektar für eine Bauernfamilie noch vielznviel sind. Der Landhunger des jüdischen Volkes ist viel zu groß, die Mittel zu seiner Stillung sind viel zu winzig, als daß wir uns den Lurus gestatten dürften, jüdische Großbauern mit 300 Morgen Land zu installieren! Die bisherigen Erfahrungen in Argentinien haben auch gelehrt, daß ein allzu großer Landbesitz zur oberflächlichen, ertragsarmdn Extensivwirtschast unter kostspieliger Beschäftigung fremder Arbeiter führt. Wie riskant eine derartige Wirtschaftsmethode in einem Lande ist, wo große Dürren mit allzu reichlichen Regenmengen abwechselnd und Heuschreckenscharen gelegentlich die ganze Ernte vernichten, beweist die Geschichte der letzten sieben Jahre. In diesem Zeitabschnitt konnten die Kolonisten von insgesamt bestellten 678 000 Hektar nur 480 000 ernten, während 198 000 Hektar gleich 29 Prozent umsonst mühsam bestellt wurden. Aus diesem Grunde, und weil die I. C. A. schließlich einsehen mußte, daß sie Gefahr lief, ihren umfassenden Landbesitz binnen wenigen Jahren an einige tausend Bauern zu vergeuden, entschloß sie sich, mit dem in Argentinien immer teurer werdenden Boden sparsaurer umzugehen. Der erste Versuch in dieser Richtung ist im Vorjahre in einer neuen nur 3000 Hektar umfassenden Kolonie Dora gemacht worden, wo 83 Kolonisten aus Parzellen von 25 bis 30 Hektar gntbewüsserten Landes Jntensivkultur treiben sollen. Im Berichtsjahre wurden diese Versuche mit noch viel kleineren Anteilen fortgesetzt. Einschließlich der neuen Kolonie Montesiore weist Argentinien 2525 jüdische Kolonisten mit 3135 Familien, und 17 414 Seelen aus. Daneben leben in ben Kolonien 1385 Arbeiterfamilien mit 6626 Seelen. Dieselben bilden ein anspruchloses, unternehmungsfrohes Element, dem keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer ist. Während der Saison arbeiten sie bei den Kolonisten in Tagelohn und suchen, wenn die Feldarbeiten zu Ende sind, sich als Fuhrleute, Händler und Handwerker durchzuschlagen. Viele von ihnen haben es binnen wenigen Jahren zum bescheidenen Wohlstand gebracht. Für die J.C.A. bilden diese Arbeiter eine unerschöpsliche Reservearmee, der sie ihr bestes Menschenmaterial für ihre neuen Kolonien entnimmt. Der diesjährige Bericht enthält eine Anzahl Tabellen, welche den Fortschritt der Kolonisation in Argentinien graphisch darstellen. Die Zahl der Kolonisten ist von 785 im Jahre 1899 auf 2527, das von ihnen bestellte Land von 50 000 aus 250 000 Hektar gestiegen. Im Jahre 1905 konnten sie nur 464000 Frank zurückzahlen. Sechs Jahre später überstiegen diese Rückzahlungen bereits die erste Million, um tut Berichtsjahre freilich wieder aus 978 000 Frank zu sinken. Die materielle Lage der Kolonisten ließ nämlich in diesem Jahre fast alles zu wünschen übrig. Infolge allzu reichlicher Regenmengen konnten von den bestellten 196 000 Hektar nur 132 000 geerntet werden. Sie erbrachten 85 600 Tonnen Getreide im Werte von 11% Millionen Frank, von denen aber 10 % Millionen Frank Unkosten abgingen, so daß den Kolonisten etwa 600 000 Frank Reingewinn übrigblieben. Ein kaum nennenswerter Lohn für die mühevolle Bestellung von 196 000 Hektar Land! - Erfreulicherweise ist die materielle Lage der Kolonisten so festgefügt, daß sie nicht so leicht erschüttert werden kann. Beträgt doch das von ihnen ersparte, in Vieh, Maschinen usw. investierte Kapital gering gerechnet 31 Millionen Frank. Auch haben sie in den 20 Jahren bereits vom Städter soviel abgelegt und vom Bauer sich soviel angeeignet, daß die Mißernte des Jahres 1912 nicht ohne günstige Folge für sie bleiben dürfte. Bereits haben sie für die landwirtschaftliche Kampagne 1912/13 gegen 13 000 Hektar weniger bestellt, die nunmehr als Weideland dienen werden. Des ferneren wurden 23 500 Hektar Flachs und Getreide weniger und dafür 10 000 Hektar Mais mehr bestellt. Die Kolonisten werden, statt wie bisher alles auf eine Karte zu setzen, fortan nebst dem Getreidebau auch der Vieh- und Geflügelzucht erhöhte Aufmerksamkeit schenken. - Erfolgreicher noch als selbst in Argentinien hat sich die jüdische Kolonisation in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gestaltet. Die Leitung des Kolonisationswerks liegt da. in den Händen des jüdischen Hilfsvereins für Ackerbau und Industrie, der ohne alle B e v o r m u n d u n g s s u ch t jüdische Bauern zu unterstützen bemüht ist. Es ist nur ausfallend, daß trotz dieser Zurückhaltung sich in diesem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten in kaum 15 Jahren ein kräftiger und zahlreicher jüdischer Bauernstand entwickeln konnte, weit kräftiger und zahlreicher als in Palästina, zahlreicher selbst als in Argentinien. Die jüdischen Farmer werden da aus 5000 Familien mit 26 000 Seelen geschätzt, die zusammen 243 000 Hektar Land bestellen. Das von ihnen investierte Kapital wird auf 140 Millionen Mark geschätzt. Ganz genaue Daten fehlen, lveil viele Hunderte jüdischer Farmer von der Existenz eines zu ihrer Förderung begründeten Hilssvereins noch nie etwas gehört haben. Nur 3700 Familien sind dem Verein bis jetzt bekannt, und auch von diesen hatten nur 2334 mit ihm geschäftlich etwas zu tun gehabt. Diese 2334 gleich 47 Prozent aller jüdischen Farmer haben von ihm in den letzten 13 Jahren Darlehen im Gesamtbeträge von h% Millionen Mark erhalten, von denen 2,8 Millionen an Kapital und Zinsen bereits zurückgezahlt sind. So ist mit Hilfe eines geringfügigen Betrages von 2 700 000 Mark ein Werk geschaffen respektive gefördert worden, welches weder in Palästina noch in Argentinien seinesgleichen hat, obwohl man in beiden Ländern mit ganz anderen Summen zu Werke ging. Jedes Land hat eben die Kolonisten, die es verdient. Die Moche. Berlin, den 4. November 1913. nmittelbar, nachdem diese Nummer in die Hände der Leser gelangt, beginnt der Juden tag, wie man kurz die Versammlung des Verbandes der deutschen Juden nennt. Es ist nicht, wie der Protestanten- und Katholikentag, eine Zusammenkunft, in der viele Brandredengehalten werden und stürmische Debatten sich abspielen. Die letzteren wurden bisher wenigstens durch die Geschicklichkeit des Vorsitzenden entweder ganz verhindert oder auf ein Minimum beschränkt. Ob es diesmal anders sein wird, steht dahin. Im allgemeinen sind munserem Falle solche Debatten eher von Nebel als von Vorteil, weil ungeschickte oder ungehörige Worte ertönen können, die mehr geeignet sind, unserer Sache zu schaden als zu nützen. Das Programm, das unseren Lesern an anderer Stelle mitgeteilt wird, sieht allerdings eine solche Erörterung im Anschluß an den letzten Vortrag vor. Sonst besteht die Tagesordnung außer aus rein geschäftlichen Dingen aus dem Geschäftsbericht des Vorsitzenden, einem Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Goldschmidt-Königshütte über die soziale Fürsorge in der jüdischen Religion und einer Ansprache des Reichstagsabgeordneten Stadtrat Dr. Haas-Karlsruhe: „Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands", also einer theoretisch-religiösen Auseinandersetzung und einem Hinweis aus das gegenwärtige Leben, in dem gewiß unsere Ansprüche und unsere

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