Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229115--69891-3282218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

77. Jahrgang Nr. 45 Berlin, 7. November 1013 Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße 4S/4S, zu richlen. vevlag von «udolf rNofse, Berlin. Tiftftftff Emigration und Kolonisation im Jahre 1912. Von H Turosf, Berlin — Die Woche. — Der, Beilis-Prozetz. — Archimandrit Autonom und seine Dokuttlente. Von Albert Katz. — Professor Dr. Josephus Jitta. — Jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Von Dr. Jacob Segall, Berlin. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. — Sprech saal. — Letzte Nachrichten. Der Gemcindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Thorn, Aus der Provinz Posen, Breslau, München, Hannover, Kassel, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Wien, London. — Von Nah und Fern. Emigration und Kolonisation im Jahre 1812. Aus dem Jahresbericht der Jewish Colonisation Association für 1912. Von I. Tu r off, Berlin. on all den Fragen, welche das Judentum der Gegenwart bewegen, ist keine so bedeutungsvoll geworden wie die der Emigration. Die Auswanderungsfrage, d. h. die Frage, wohin Juden, die in ihrer bisherigen Heimat nicht länger verweilen können, ihren Schritt lenken sollen, hat in den letzten 80 Jahren allmählich so wachsende Bedeutung gewonnen, daß ihr gegenüber alle anderen Fragen zu Nebenfragen herabzusinken beginnen. In der Tat bildete die Sorge für die Unterbringung des Ueberschusses der wachsenden Bevölkerung bei allen anderen Nationen von jeher den wichtigsten Teil ihrer inneren und äußeren Politik, und Krieg und Frieden, Diplomatie und Völkerwanderung waren im Grunde nichts weiter als Versuche zur Lösung dieser Auswanderungsfrage. Nur die Juden, welche doch seit 2000 Jahren auf einer ewigen Wanderung sich befinden, vermochten bisher nicht zu erkennen, daß die Emigrationsfrage eben die Judenfrage ist. Es zeugt von der hohen Begabung des sel. Barons Hirsch und seiner klaren intuitiven Auffassung der ganzen Judenfrage, wenn er schon vor 25 Jahren die hohe Bedeutung der Emigrationsfrage erkannt und für ihre Löslmg sehr bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt hat. Die Rechtsnachfolgerin des Barons Hirsch, die von ihm ins Leben gerufene „Jüdische Colonisationsgesellschaft" (I. E. A.), ist seit 15 Jahren bemüht, den jüdischen Auswanderungsstrom schon an seiner Quelle abzufangen, ihn auf seinem weiteren Lauf zu regulieren und an seiner Mündung in die geeignete Stelle zu lenken. Wir entnehmen dem soeben erschienenen Bericht folgende Angaben: Die Zahl der jüdischen Emigranten hielt sich am Beginn des Jahres 1912 noch in mäßigen Grenzen. Infolge der Balkanwirren jedoch und des Ausbruchs des Judenbohkotts in Polen .ging sie im weiteren Verlauf des Jahres rapid in die Höhe. Es sind im Berichtsjahre Juden ausgewandert: nach den Bereinigten Staaten von' Nordamerika 85 793, nach Kanada 6903 (gegen 5044 im Vorjahre), nach Argentinien 13 416 (statt 6378 im Vorjahre). Im ganzen sind nach Amerika 106 058 Juden ausgewändert. Rechnet man die Emigration nach den änderen Ländern, welche bei den Juden mit 20 Prozent zu veranschlagen ist, hinzu, so dürste die Zahl der Jud.en, welche im Jahre 1912 die Heimat verlassen mußten, etwa 128 000 betragen haben. Um diese Auswanderungsmasse zu lenken, sie unterwegs zu schützen und in der neuen Heimat nach Möglichkeit zu fordern, bestehen und arbeiten unter Kontrolle der I. C. A. zahlreiche Organisationen, von denen das Jnfvrmationsbureau in Petersburg die wichtigste ist. Die I: C. A. unterhielt im Berichtsjahre 444 über ganz Rußland verbreitete Provinzialkomitees, welche im Laufe des Jahres 83 620 Personen Auskunft erteilt resp. mehr oder weniger wirksame Hilfe geleistet haben. Des ferneren bestehen in allen Dnrchgangslündern kleinere und größere Körperschaften, welche die Aufgabe haben, den Emigranten das Ueberschrerten der Grenzen zu erleichtern und sie auf dem langen Wege von der östlichen Grenzstation bis zum fernen Einschiffungshafen vor Bedrückung und Ausbeutung zu schützen. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat 40 808 Durchwanderer beschützt, von denen 9576 Rat und Hilfe von ihm erhalten haben. Dafür bekam er von der J.C. A. eine Subvention von 85 000 Mark. Die übrigen jüdischen Anstalten in Antwerpen, Basel, London und Rotterdam erhielten die Hälfte ihrer Unkosten ersetzt. Endlich wirken in den Einwanderungshäfen New' Porks, Buenos Aires und Montreal jüdische Institutionen, welche die ankommenden jüdischen Immigranten empfangen, ihnen mit Rat und Tat beistehen und sie womöglich dauernd unlerbringeu. In New Jork wirkt nebst einem eigenen Jmmigrntionskomitee, das den Empfang der Emigranten zur Aufgabe hat, seit 11 Jahren noch das bekannte Removalkomitee, das mit Hilfe einer weitverzweigten Organisation von Arbeitsnachweisbnreans bemüht ist, die Einwanderer außerhalb New Ports unterzubringen. Demselben'ist es im Berichtsjahre gelungen, 6025 Personen in 356 Städten Arbeit und Brot zu verschaffen. Seit seiner Gründung hat das Komitee gegen 60 000 Juden aus'New Port entfernt. Seinen ursprünglichen Plan, auf diese Weise das Ghetto von New Port zu sprengen, hat es endlich als. Zwecklose Sisyphus- .arbeit aufgegeben, seine Bemühungen aber, jüdische Einwanderer außerhalb New Porks gut unterznbriugen und somit zahlreiche jüdische Gemeinden in den Vereinigten Staaten zu gründen' und die bereits bestehenden durch Zufuhr neuen Menschenmaterials zu kräftigen, setzt es mit erneuter Kraft und gutem Erfolg weiter fort. Das gleiche Komitee in Montreal in Kanada hat im Berichtsjahre 2765 Personen gut untergebracht. Von den 13 416 jüdischen Einwanderern in Argentinien gingen 1453 Personen als Landarbeiter in die jüdischen Kolonien, und 5108 wurden von der Negierung an verschiedene Stellen dirigiert, an denen Nachfrage nach Arbeitern vorhanden war. Der Nest fand gute Unterkunft in Buenos Aires selbst. Ueberhaupt scheint Argentinien ein vorzügliches Einwanderungsland zu werden, das eines Tages, wenn die amerikanischen Hasen den jüdischen Einwanderern endgültig geschlossen fein werden, in die Lücke treten und auf Jahre hinaus die Massen jüdischer Einwanderer aufnehmen dürfte. Das Ko l oni so t ionswerk. Das jüdische Kolonisationswerk, das gegenwärtig mehr oder weniger unter Kontrolle der I. C. A. steht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.