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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Rat und Tat zur Seite und bleibt nach tote vor der Ersatz des Elternhauses. Die Wahlperiode der Berwaltung war abgelaufen, und es war eine Generalversammlung behufs Neuwahl auf den 27. Oktober nach Frankfurt a. Nt. einberufen worden. In dieser wurden in den Borstand gewählt die Herren: Bezirksrabbiner Dr. Weingarten in Bad Ems als Vorsitzender, Dr. med. Samter in Bad Ems als Schriftführer, Eduard Fei st in Frankfurt a. M. als Schatzmeister, ferner A. Salomon in Bad Ems und Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M. In das Kuratorium, das mit dem Vorstand gleiche Rechte und Pflichten hat, wurden gewählt die Herren: Eugen Goldfisch und Hermann Low enstein in Bad Ems, Adolf Landsberg in Oberlahnstein, Louis Schloß in Koblenz, Siegfried Simon in Köln, Max Ettinghausen in Höchst a.- M., S. L ö w e n st e i n, Meyer M o s b a che r, Anselm S chw a b a ch e r, Sally Goldschmidt tn Frankfurt a. M., Heinrich Fränkel, Generaldirektor B. K o ß m a n n, Manuel Schwarz in Berlin. Die Anstalt nimmt arme verlassene Mädchen aus allen Teilen der Diaspora aus, vom Lande und aus der Stadt. Sie öffnet ihre Pforten auch denen, die von anderen Waisenhäusern satzungsgemäß zurückgewiesen werden; denn sie will überall da rettend eingreifcn, wo Not und Gefahr sich zeigen. So mögen denn im neuen Jahre der Anstalt so reichliche Spenden zufließen, daß sie ohne materielle Sorge sich einzig und allein den idealen Aufgaben der Erziehung und Versorgung armer israelitischer Mädchen widmen kann. « Schweiz. 22 Zürich, 22. Oktober. Zu einer wuchtigen Kundgebung gegen den schmachvollen N i tu alm ordp r ozeß in Kiew gestaltete sich die von der sozialdemokratischen Partei der Stadt Zürich und den sozialdemokratischen Organisationen Rußlands in Zürich auf gestern, Dienstag, abend ins Volkshaus einberufene Protestversammlung. Schon lange vor der für den Beginn der Versammlung festgesetzten Zeit war der große Saal des Volkshauses derart überfüllt, daß es sich notwendig erwies, die Türen zu schließen und in dem geräumigen Korridor eine Parallelversammlung zu veranstalten, die ebenfalls mehrere hundert Teilnehmer zählte. Die Redner des Abends, die abwechselnd zu der Versammlung im großen Saal und demjenigen im Korridor sprachen, hatten die Aufgabe übernommen, den Fall Beilis als das darzustellen, was er in Wirklichkeit ist, als den Ausfluß eines verbrecherischen Regiernngssystems, das mit allen Mitteln die freiheitliche Bewegung zu unterdrücken Jucht, und das sein Ziel am besten dadurch erreichen zu können hofft, daß es die Empörung des ausgeplünderten und entrechteten Bolkes von sich auf die Träger und Führer der freiheitlichen Bewegung ablenkt. Und sie haben ihre Ausgabe mit glänzendem Erfolg gelöst. Das Schicksal des armen Juden Mendel Beilis verschwand als Einzelschicksal, es wurde zum Flammenzeichen eines Kampfes auf Leben und Tod, den der Zarismus gegen die revolutionäre Bewegung zu führen entschlossen ist, und damit auch znm Flammenzeichen für das internationale Proletariat, diesen Kampf gegen den verbrecherischen Zarismus in entschlossener Solidarität mit dem Proletariat Rußlands auszunehmen. * Frankreich. g/»>. Paris, 21. Oktober. Aus Anlaß des Ritualmordprozesses in Kiew hat der Bischof Dnchesne, Mitglied der französischen Akademie und der Academie des Inscriptions et Belles-Lettres, Direktor der französischen Schule in Rom, eine in dieser Angelegenheit an ihn gerichtete Anfrage folgendermaßen beantwortet: Paris, den 12. Oktober 1913. Mein lieber Kollege! Anläßlich des Kiewer Prozesses bitten Sie mich, Ihnen zu sagen, wie ich über den Ritualmvrd der Juden denke. Sie wissen sehr wohl, luic ich darüber denke, denn ich habe es bereits mehrere Male gesagt, und der Herr Abbe Bacandard hat es in seinem ausgezeichneten Buch über diesen Gegenstand wiederholt. Gleich' den Päpsten und Bischöfen, die Gelegenheit hatten, sich über die Rit-ualmordsrage auszulassen, bin ich der Ansicht, daß es sich um ein abgeschmacktes Märchen handelt, ähnlich gewissen Verleumdungen, die ehemals über die Christenversammlungen in Umlauf waren, und die ebenfalls gänzlich jeder Grundlage entbehren. So absurd solche Lügen sein mögen, ist es doch nicht immer klug, sie unbeachtet zu lassen. Bis zum Ende aller Tage wird es Einfältige geben, die behaupten, die Kirche habe in einem Konzil sestgestellt, daß die Frauen keine Seele haben. Diese Dummheit ist indessen ohne große Folgen geblieben; man hat nicht wahrgenommen, daß sie die Beziehungen der Frauen zur Kirche gestört hätte. Anders die Ritualmordlegende. An ihr kann man sterben! Diese Geschichten von abgeschlachteten Kindern haben wirkliche Opfer gefordert. Sie können noch mehr fordern. Und wir dürfen uns nicht schmeicheln, sobald damit am Ende zu sein. Man streitet nicht mit den religiösen Leidenschaften, und was die menschliche Dummheit betrifft, die in diesen Dingen eine große Rolle spielt, so ist sie unüberwindlich. Doch das ist gleichgültig. Trotz allem muß man protestieren. Sagen wir die Wahrheit! Vielleicht wird sie doch' einmal gehört werden! Herzlich der Ihre Dnchesne. * England. K. Z. London, 25. Oktober. Die Ernennung des Attornehgenerals Sir Rusus Jsaacs zum Lordoberrichter von England ist insofern schon ein interessantes Ereignis, als zum erstenmal ein Jude nicht nur von Abstammung, sondern auch von Bekenntnis die erste Stelle aus der englischen Richterbank erreicht. Diese Beförderung bringt außerdem in Erinnerung, daß es genau 80 Jahre her ist, daß der erste Jude, Herr Francis H. Goldsmid, zum höchsten englischen Advokatenstande, der hierzulande die Brücke zur Richterbank bildet, zugelassen wurde. Dieser Herr Goldsmid wurde dann auch der erste englische Jnstizrat und beerbte in der Folge seinen Vater, der der erste jüdische Baronet gewesen war. Was den neubeförderten Lordoberrichter anbelangt, so wird heute selbst von der Opposition offen eingeräumt, daß, falls seine Ernennung vor Jahresfrist erfolgt wäre, sie bei Freund und Gegner in gleichem Maße die beste Aufnahme gesunden hätte. Sir Rusus Jsaacs hatte sich als Jurist wie als Sachwalter einen so angesehenen Namen erworben und selbst im Kampfe der politischen Parteien durch mildes versöhnliches Wesen auch bei der Opposition so viel Anerkennung gesunden, daß nicht leicht eine Ernennung zürn höchsten Richteramte beifälliger ausgenommen wäre wie die seinige — wenn nicht die leidige Marconi- ‘ angolegenheit ans Licht des Tages gezerrt worden wäre. Es ist schon wiederholtim Lause dieses Jahres, als die Marconigeschichte spukte, dargelegt worden, daß Sir Rusus Jsaacs in der bekannten Spekulation in amerikanischen Marconiaktien, die er mit dem Schatzkanzler Lloyd George und dem früheren Ersten Einpeitscher der Ministeriellen, Lord Murray os Elibank, gemacht hatte, nichts Gesetzwidriges getan hat. Der neue Lordoberrichter ist dvernndsünszig Jahre alt, der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns und Schiffsmaklers, und hat seine höhere Schulbildung in Brüssel, Hannover und hier am University College erhalten. Er ist.dann keineswegs schnurstracks in die juristische Laufbahn eingelenkt, sondern zunächst aus einem Dreimaster als Lehrling zur See gegangen, aber nach der ersten langen Fahrt von seiner Seeabenteuerlust vollständig geheilt heimgekehrt. Alsdann ging er im Zusammenhang mit dem väterlichen Geschäft nach Magdeburg, wo ihm seine Tätigkeit jebodE) auch nach kurzer Zeit nicht zusagte. Den dritten Anlauf machte er dann hier an der Fondsbörse. Dort blieb er drei oder vier Jahre, fand aber, weder den rechten Erfolg noch Befriedigung, so daß er als 24 jähriger nochmals umsattelte, sich dem Nechtsstndium znwandte und drei Jahre später zum höheren Advokatenstande zugelassen wurde. Hier fand er sich! bald in seinem Elemente, und die früher erworbene Geschäfts- und Finanzkenntnis kam ihm dabei außerordentlich zustatten. In wenden Jahren erwarb er sich einen Namen als Spezialist in Handelssachen, und gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, als er kaum ein. Dutzend Jahre praktiziert hatte, wurde er bereits in Juristenkreisen als einer von den Leuten bezeichnet, die eine große Zukunft vor sich hätten und in der Gegenwart schon Schätze sammelten. Seine klare, sichere Darlegung der Dinge, sein ruhiges, einschmeichelnd überzeugendes Wesen, seine Genauigkeit und seine unermüdliche Tätigkeit führten ihm, als andere namhafte Sachwalter auf die Nichterbank oder in politische Aemter übergingen, immer neue Klienten zu. Um 1904 errang er einen Parlamentssitz, sechs Jahre später wurde er Solicitorgeneral, und nicht lange daraus Attorneygeneral. Seitdem sind dann weitere drei Jahre verflossen, und nunmehr ist seine Advokatenlaufbahn abgeschlossen. "•!;!!

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