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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Nach.Erledigung der 'sta'tü'tenmäßigen Geschäfte der-- GenerälÜerfämm-' lung entspann sich eine sehr lebhafte Diskussion über die derzeitigen- Anssichten der jüdischen Kolonisation im Orient. Von den Anwesenden, beteiligten sich an dieser .Diskussion hauptsächlich Herr Siegfried B r ü nL.,. Professor Dr.' S.. K-abischer, Dr. Isidor GinZk),Lr.g.,.. Dr. Alfred Rv s si g, Herr Alois A. F. M a r e u s, Geheimer Justizrat B.'T im endo rf er. In der diesjährigen Generalvers a m m l nng des Finänzinstitutes der A. I. K. O., „Z h e Orte n t Colonising Co. Ltd.", welche unter' dem Vorsitze von Kommerzienrat Gerson Simon stattfand, wurde der bisherige Auffichtsrat unverändert wiedergewäh'lt. Sobald die mit den Wiener Mtionären vereinbarten Bedingungen erfüllt sein werden, wird als Vertreter der Wiener Aktionäre der Großindustrielle Dr.' Bruno Pol lack Edler von Par n a u in den Aussichtsrat der O. C. C. eintreten. Auch in diesem Jahre, wie im -Vorjahre, wurde der Reingewinn in der Höhe von 2% Prozent des Aktienkapitals auf neue Rechnung vorgetragen, jedoch unter Abzug von 3000 Mark,, die als erstmalige Dotierung dem'Reservefonds Angewiesen" wurden. B; T. Berlin, 28. Oktober. Um gegen die Ritualmordbeschüldigung von Kiew zu protestieren, hatte der „R e i ch s v e r b a n d der deutschen Juden" für den 20. d. M. zwei Versammlungen nach dem Tiergartenhof und den Sophiensälen einberusen.- Der Andrang zu beiden Versammlungen war ein so außerordentlich großer, daß schon länge vor dem angesagten Beginn kein Platz mehr zu erhalten war und zahlreiche Teilnehmer umkehren mußten. Die Einberufer. veranstalteten daher noch weitere Versammlungen in dem Motivhaus, in einein zweiten Saale der Sophiensäle, in der Brauerei Königstndt und in der Bachstraße — im ganzen sechs Versammlungen. Auch hier waren' die Säle überfüllt. In allen Versammlungen sprachen die gleichen Referenten, nämlich die Herren: Dr. med. Gustav Witkowsky, Dr. Heinrich Lowe, Privatdozent Dr. Franz Oppen - h e i m e r , Maler und Radierer Hermann Struck, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, früherer Dumaabgeordneter Dr. S chm a r j a L ev in. Auch wurde in allen Versammlungen die gleiche, tieserstehende Resolution angenommen. Die der Zahl der Teilnehmer nach größte Versanmilung im Tiergartenhof leitete Fabrikdirektor Lichtenstein. Privatdozent Dr. Franz Op p e nh e i m e r erklärte in seiner Hede, man müsse sich schänien, daß eine so schlecht angelegte Komödie wie die in Kiew sich vor -ganz Europa abspielen könne. Wenn.die . Versammlung auch nicht imstände sei, das Ohr der Mächtigsten zu erreichen,.werde ihr Protestschrei vielleicht doch das'Gewissen anderer erschüttern. Mit einem Reiche wie Rußland ständen unsere großen Bankiers in Verbindung! 'Der Bankier Rußlands heiße Mendelssohn! (Entrüstungsruse.) . Vielleicht habe dieser' Protest den Erfolg, daß diesen Leuten endlich das Gewissen schlage. Wie der Prozeß auch enden möge, auch in Rußland werde der.Lenz kommen, und auch die Newablöcke werden tauen. Der nächste ,Nedmr, Dr. Witkowskh, führte aus, der Zarismus -wolle dafür Rache nehmen, daß die russischen Inden, in . der Revolution ihren Mann und mehr -als ihren Mann gestellt hätten, was ein Ruhmesblatt in ihrer Geschichte sei. Dr. Löwe sagte, mit dem gleichen Recht wie Beilis könnte man jeden Juden anklagen, der einenschwarzen Bart habe, und kritisierte in längerer Rede scharf die russischen Zustände und das Verhalten des Staatsanwalts im Kiewer Prozeß. Hermann Struck erinnerte unter anderem daran, daß schon Papst Clemens XIV. vor mehr als 150 Jahren die. RitualnwrdLehauptung als Märchen bezeichnet habe. Nach den Reden des früheren Dum nabgeordneten Dr. Schmarja Levin- und des Dr. Klee wurde, in allen sechs Versammlungen gleichlautend, die folgende Resolution angenommen: „Die vom Neichsverband deutscher Juden einberusene jüdische Volksversammlung erhebt aus Anlaß des Kiewer Beilisprozesses feierlich Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldigung, daß es Juden gäbe, die zuRe ligionSzw ecken Menschenblut verwenden. Sie brandmarkt es -als einen Schandfleck unserer Zeit, daß man es wagen kann, einen solchen wahnwitzigen- Verdacht zu erheben gegen ein Volk, das drei Jahrläüsende menschheitlicher Hochkultur durchlebt und die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordert die Versammlung die ganze -Kulturwelt aus, gemeinsam mit dem jüdischen Volk den Kampf 'gegen die finstere Barbarei zu führen und ihn: zu helfen, die geschändete Menschenwürde und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen." ' A Berlin, 28. Oktober. . Der Verein für A r b e i t s -. n a ch w e i s (begr. von den Berliner Logen N. O. V. B., Monbijouplatz 10) schreibt uns: Die Gestaltung, des hauptstädtischen Arbeitsmärktes'in den Monaten.August und September hat eine wesentliche Veränderungnicht erfahren- Die mit dem Fort-schreiten der'Saison in den Vorjahrem gesteigerte Nachfrage nach Arbeitskräften ist in - diesem Jahre fast völlig ÄuSgebliebeiy" so daß sowohl der gegen- -wärtige Standdes Arbeitsmarktes wie der Ausblick auf die Zukunft als nicht günstig bezeichnet werden müssen. Es gelang der Vermittlung unseres-Bureaus' 1-74 Kausleute, 215 -weibliche" Angestellte,- 196 gelverbliche Arbeiter, znsanlnren 586 Petenten (44 init Sabbatheiligung) in zum größten Teil feste Stellungen zu bringen. Wiederum konnte eine Anzahl vorübergehend arbeitsloser Bewerber mit: Aushilfsarbeiten in unserer Schreibstube beschäftigt und hierdurch vor der dringendsten Not bewahrt werden. Bei dem gegenwärtig erheblich verminderten Arbeitsangebot wäre es im Interesse der stellenlosen Bewerber außerordentlich wünschenswert, wenn unsere Abteilung Schreibstube, in welcher Schreib- und Maschinenarbeiteil aller Art schnellstens und billigst erledigt werden, noch weit lebhafter in An- , sprach genommen würde. L/D. Allenstein, 19. Oktober.-' Weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus wird eine Trauerbinde tiefes Mitgefühl erregen, die am Jom-Kippur-Abend unsere Stadt durcheilte: Sanitätsrat Dr. Jsaac Kamnitzer-ist einem Herzschläge erlegen. Im Alter von 54 Jahren ist ein Mann unerwartet aus uilserer Mitte gegangen, der in seinem Hause, in seinem Berufe und in seiner weit ausgedehnten öffentlichen Wirksamkeit als ein Vorbild galt'. Ein Sohn unserer Heimat, eiir geborener Ortelsburger, der in Königsberg und Berlin studiert hatte, kehrte er nach der Ableistung seiner Militärpflicht in Straßburg i. tzls. nach Ostpreußen zurück und kam im Jahre 1884 nach Allenstein, wo er ein Jahr daraus sich vermählte. Aus seiner sehr glücklichen Ehe sind drei Söhne hervorgegangen, von denen einer sich in der Kunstwelt bereits einen angesehenen Namen erworben hat. Er hat als Arzt in unserer Mitte gewirkt, und jedermann schätzte sein reiches Wissen und seine Erfahrung, nicht minder aber schätzte jeder.das warme.Herz dieses Menschenfreundes, seine Tatkraft, seinen lauteren, vornehmen Charakter, seine Klugheit und seine Arbeitskraft. Der Stadtverordnetenversammlung gehörte er 16 Jahre lang an, und was er hier, nicht minder in deni Gesundheitsansschuß, in der Stadtschuldeputation und vielen anderen städtischen Kommissionen in langjähriger Tätigkeit geleistet hatte, das -sichert ihm den Dank der ge-' samten Allensteiner Bürgerschaft. Sell 18 Jahren.war er der Vorsteher der Allensteiller Synagogengemeinde, 'nachdem er schon vorher- .dev Repräsentantenversamlung angehört hatte. Und weiter war er'Verbandsvorsteher der Shnagogengemeinden Ostpreußens — ein Amt, dessen Bedeutung erkennen läßt, wie hoch der Ver-' ewigte in der ganzen Provinz geschätzt wurde. .In der jüdischen Gemeinde hat Snnitätsrat Dr. Kaumitzer ganz besonders segensreich gewirkt. Nur eine seiner Schöpfungen sei hier besonders genannt: das für die ganze Provinz Ostpreußen bestimmte jüdische Altersheim und' Siechenhnus in Allenstein — eine Anstalt mit vorbildlichen Einrichtungen, d'eren Gründet: der Verstorbene war. Dr. Kamnitzers gemeinnütziges Wirken beschränkte sich aber keineswegs aus den Kreis seiner Glaubensgenossen'. Wo er eine ernste Aufgabe zu lösen fand, da griff er zu. Vor 25 Jahren, gründete er in Gemeinschaft mit dem Rechnungsrat Mohr die Allensteiner Freiwillige Sanitätskolonne. Er ist auch der - Gründer des Aerztevereins Allenstein-Rössel; dem Kriegerverein gehörte er als. Vorstandsmitglied an, und welche Verdienste er sich um'die Leitung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur erworben hat, ist allgemein bekannt.' Auch Seine Majestät hat die Verdienste des nun so jäh Verstorbenen anerkannt durch die Verleihung des Roten Adlerordens vierter Klasse und der Roten-Kreuz-Medaille. Die allgemeine Liebe und Verehrung, deren der Entschlafene sich bei Lebzeiten erfreute, zeigte sich so recht bei der Beerdigung, die am 15. d. M., nachmittags, unter ungewöhnlich großer Teilnahme stattfand. Die Spitzen der Behörden folgten dem Trauerznge, der in seiner fast unübersehbaren Länge wohl der imposanteste war, den Allenstein. je gesehen hat/ Im Trauergesolge sahen wir außer den Familienmitgliedern und^ Verwandten den Regierungspräsidenten v. Hell m a n n , Oberregicrungsrat I ach - ni a n n, Oberbürgermeister a. D. Geheimrat B e l i a n, Landral Dr. P a u l h) alle städtischen Behörden/ denen die Stadtfahne vorausgetragen wurde- Superintendent H affe nstein, Prediger L o t t, den Kriegerverein, die freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, die Vertreter des Aerztevereins, Vertreter fast aller jüdischen Gemeinden Ostpreußens, fast ausnahmslos alle Mitglieder der' hiesigen jüdischen Gemeinde und eine sehr große Anzahl von Bürgern anderer

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