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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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Heymann, den die doppelte Korrektur^ seiner Zitate durch den Herrn Gerichtsdirektor etwas, gekränkt und gedemütigt hatte, fand schon auf der Rückfahrt seine Stimmung und seine Selbstzufriedenheit wieder. „Haben wir doch", so rief er Herrn Bloch beim Aussteigen zu, -,wenigstens eine Feuerflocke Wahrheit in seine Seele kühn geworfen, wie Marquis Pösa seinem Knaben Karl." Vierzehntes Kapitel. Krankenbesuche. H e r r H a u p t l e h r e r F i s ch e r. Der Samstag kam. Felseck hatte schlecht geschlafen. Das Gespräch mit dem Oberst hatte ihn doch sehr aufgeregt. Das Fehlen des Taufscheins, das ihn früher nur feiner fast pedantischen Ordnungsliebe halber verdrossen hatte, war ihm nun wirklich peinigend, und die Sicherheit, mit der der alte Sporn die Schrift beschaffen zu können versichert hatte, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Hätte der Oberst am Endedoch recht? Ja, wie käme er dann zum Familienamen der Freiherren v. Felseck? Dazu hätte nicht einmal eine Adoption hingereicht, dazu wäre ja eine besondere Nobilitierung durch des Königs Gnade notwendig gewesen. Das hätte ihm doch alles nicht unbekannt bleiben können. Oder hätte schließlich doch der angefangene Brief des seligen Vaters des Rätsels Lösung bringen sollen? Auch von seinen Taufpaten hatte man ihm in seiner Jugend nur erzählt,, daß sie verstorben seien. Alles das beschäftigte und quälte ihn noch immer, als die Diakonissin mit dem Frühstück ihm wiederum einen Veilchenstrauß nebst Begleitbriefchen überreichte. „Endet das immer noch nicht?" fragte der Kreisrichter, als er dem rosa Kuvert wieder ein Paar Verse entnommen hatte. „Natürlich wieder fast alles unterstrichen und keine Zeile ohne Ausrufungszeichen. Was schreibt die Person denn diesmal?" Und er las für sich: Hoher Herr des Kreisgerichts! Heldenjüngling fürchte nichts! Laß die schnöden Juden dräun! Mopsgebell schreckt nicht den Leun! Reine Liebe wacht für dich! Namenlos dich liebe ich! Wirklich zu dumm, zu dumm, aber wenigstens ist die Namenlose kurz, wieder nur ein Sechszeiler. „Schwester," rief er der Diakonissin zu, „Blumen mit rosa Kuverts werden nicht mehr angenommen. Diese und die gestrigen, bitte ich dem Ueberbringer zurückzugeben; preußische Richter nehmen von Gerichtseingesessenen niemals Geschenke an, nicht einmal Veilchen. Uebrigens eine Frage: gibt. es in Mondenstein viele überschnappte Jungfern?" Die Diakonissin lächelte. „Jungfern freilich nicht wenige, : junge, mittlere und alte; wirklich überschnappte aber wohlüuv eine einzige." „Vor der mich der Himmel in Gnaden bewahre. Ist noch etwas für mich abgegeben worden?" „Ja, diese Visitenkarte." „Ah, der Oberstabsarzt verabschiedet sich schriftlich; ein vortrefflicher Mann, trotz seines Philosemitismus; muß ihm Noch heute meinen Dank schriftlich abstatten. Und sonst noch etwas, Schwester?" „Nur dieser Brief." Der Freiherr öffnete und überflog ihn, während die Diakonissin sich entfernte. „Hm, beabsichtigte Gründung .eines antisemitischen Vereins in Mondenstein; wäre ja erfreulich; ich soll das Ehrenpräsidium übernehmen? Das ist denn doch noch zu überlegen; wer ist denn eigentlich der Schreiber? Heinrich Wilhelm Schuster, Stand nicht angegeben, vortreffliche Handschrift; muß mich doch nach dem Mann erkundigen." Die Diakonissin erschien wieder mit der Anfrage, ob Sekretär Fiedler den Herrn Kreisrichter sprechen könne. „Bitte, lassen Sie ihn eintreten." Der alte Sekretär kam und erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Kreisrichters. „Danke, mein lieber Herr Sekretär. Ja, ja, so geht's, wenn man dem erfahrenen Alter nicht folgt. Aber wie steht's mit den Terminen und dem Dezernat? Liegen schleunige Sachen vor?" „Es sind zwei Landstreicher gestern vom Gendarm Pntke eingeliefert worden; auch ein paar Wechselklagen sind eingelaufen; sonst nichts Schleuniges, nur Requisitionen auswärtiger Gerichte wegen Zeugenvernehmungen." „Danke; und wer besorgt die Vertretung?" „Ich habe gleich nach-Ihrer Erkrankung telegraphische Anzeige erstattet, und gestern ist bereits ein Assessor mit Kommissorium eingetroffen, der sofort alles Nötige verfügt hat." „Welcher Afsessor?" „Assessor Dr. Hildebrand." „Kenne ihn leider nicht.- Was für ein Landsmann?" „Nach der Aussprache wohl ein Berliner. Er wollte morgen dem Herrn Kreisrichter seinen Besuch abstatten, wenn er nicht stört." „Gewiß nicht; aber sein Kommissorium wird wahrscheinlich heute schon zu Ende gehen; ich will Montag bereits selbst terminieren; der Doktor hat gestern seine Erlaubnis so gut wie sicher in Aussicht gestellt. Senden Sie mir also die Akten sämtlich noch heute." „Gewiß. Soll auch die Testamentseröffnung auf Montag angesetzt werden?" „Welche Testamentseröffnung?" „Die Goldenbergsche; die Erben haben die Publikation beantragt." „Also ist der alte. Goldenberg gestorben?" „Ja, am Montag vormittag." „Und haben die jüdischen Männer, die mich nach dem „Adler" gebracht, ihn noch lebend angetroffen?" „Jawohl, sie haben mit ihm noch die jüdischen Sterbegebete gesprochen." „Das ist mir lieb; so hat mein Unfall ihn doch nicht um die Tröstungenseiner Religion gebracht. Hatte er einen schweren Todeskampf?" „Nein, er ist leicht verschieden." . „Waren die Kinder zugegen?" „Nur Miß Smith; sie wich nicht aus dem Sterbezimmer." (Fortievung folgt.) Sprechsasl. , In Nr. 42 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" wird eine Notiz aus einer pädagogischen Zeitschrift mitgeteilt, die den Beweis erbringen soll, daß Provinzialschulrat Dr. Ostermann, Berlin, die Idee der allgemeinen Volksschule nach den Anschauungen der Gegner der jüdischen Volksschule propagiere. In dieser Notiz ist aber die Frage „ob Simultanschule oder konfessionelle Schule" gar nicht berührt. Es handelt sich um die Frage der nationalen Einheitsschule, die den Bildungsgang unserer Jugend über die Volksschule zu den höheren Schulenführen will. Ob diese Volksschule, welche die grundlegende Elementarbildung vermitteln soll, Simnltan- oder konfessionelle Schule ist, darüber wird mit keinem Worte gesprochen. Man will durch die Einheitsschule unter Fortfall der V o r s ch u l e n den Gegensatz der Stände mildern und der Jugend ihre nationale und soziale Zusammengehörigkeit vermitteln. Die Gegner der jüdischen Volksschule können sicher bei der Einheitsschule keine Unterstützung finden, denn sie wird und kann auch von den Anhängern der konfessionellen Schule empfohlen werden. S t e e l e, den 15. Oktober. A. K a tz e n st e i n, Lehrer.

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