Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Vrelleichtj in seiner Jugend, jedoch ist mir nichts davon bekannt; in seinen Mannesjahren gewiß nicht; ich habe wenigstens, als ich nach seinem Tode seine musterhast geführten Nechnungsbücher durchsah, nichts Derartiges gesunden; Papa hat sein kleines Vermögen trefflich verwaltet; die.Bücher reichten freilich«nur zwanzig Jahre zurück." ... Der Oberst war während dieser Mitteilungen vollkommen ruhig geworden; die nervöse Aufregung,, in der er beim Eintritt sich befunden, war wollig von ihm gewichen. . „Sie besitzen, 'Herr Kreisrichter, infolge des Schloß- und Kirchenbrandes, natürlich auch den Trauschein Ihrer seligen Eltern nicht?" „Natürlich fehlt auch dieser, und ebenso der Totenschein meiner seligen Mutter." „Nun, so werde ich ihn beschaffen," rief der Oberst strahlend. , „Doktor, noch nehme ich meinen Abschied nicht. I nn nee; ich sehe Licht. Gute Besserung, Herr Jb. Felseck, und vor allem nichts für ungut, Sohn meiner teuren Cäcilie!" . . Dreizehntes Kapitel. D i e D e p u t a t i o n. . . Der israelitische Gemeindevorstand war inzwischen nicht untätig gewesen. Noch am Mittwoch hielt die eingesetzte Kommission unter Heymann-Ciceros Vorsitz-eine zweistündige Sitzung, in der der Protestantrag trotz seiner eifrigsten Vertretung durch den Herrn Präsidenten zu dessen großen Schmerze abgelehnt, dagegen, ein Antrag des Herrn Bloch angenommen wurde, die ganze Angelegenheit mündlich dem Herrn Kreisgerichtsdirektor vorzutragen und seinen Rat, womöglich auch seine Hilfe zu erbitten- Der Gesamtvorstand hatte in seiner Donnerstagsitzung diesem Kommifsionsvotum zugestimmt, obschon Herr Heymann in einer schmerzbewegten Rede noch eine letzte Lanze für seinen flammenden Protest eingelegt hatte. Mit heroischer Resignation unterwarf er sich der Majorität, und dem Zaun seiner Zähne entfloh nur das für diesen Notfall bereits sorgsam vorbereitete geflügelte Wort: vietrix causa diis placuit, sed victa Heyinanno. Dieser Entsagung und Selbstüberwindung folgte denn auch sofort die verdiente Genugtuung. Man beschloß auf Vorschlag des Herrn Rabbiners, die Mitteilung an den Herrn Gerichtsdirektor durch eine Deputation bewirken zu lassen, die aus dem ersten und zweiten Vorsteher der Gemeinde zusammengesetzt werden solle; da Herr Heymann mitgehe, besitze die Deputation ja den berufensten Redner; habe doch auch dereinst Moses sich seines sprachgewandteren Bruders Aron bei Pharao als Wortführers bedient, und so dürfte wohl auch unser verehrter Herr Mofer Bloch in unserem hochgeschätzten Herrn Heymann seinen Aron gern begrüßen. Herr Bloch war damit ganz einverstanden; auch Herr Heymann akzeptierte den ehrenvollen Auftrag bestens und versprach, mit Herrn Bloch vereint zu stehen und zu fallen, „unzertrennlich wie das Dioskurenpaar Kastpr und Pollux." Man beschloß noch, der Deputation zur Mhphung ihrer Würde den Synägogendiener mitzugeben, dex sie zur Audienz anmelden solle und dessen Kriegsmedaille sicher nicht, verfehlen würde, .auf der Botenmeisterstube einen guten Eindruck' zu machen. So fuhren denn die Herren Deputierten am Freitag morgen zeitig nach, der Kreisstadt, ließen sich 'durch - den alten Synagogendiener melden und wurden denn auch von Herrn Gerichtsdirektor Henke sofort angenom- , Mn und aufs freundlichste empfangen. Er bat sie, Platz zu nehmen, und fragte, was sie zu ihm führe. Nun schoß Herr; Heymann von seinem Stuhle rapide in die Höhe und begann : seine wohleinstudierte Rede, der er um der größeren Wirkung? willen hier und da einen rhthmisch-jambischen. Fall gegeben, wie folgt: „Verehrter Herr Gerichtsdirektor! Im Aufträge und im - Namen des jüdischen. Gemeindevorstandes von Mondenstein ’ erscheinen wir vor Ihrem Stuhl, um Rat und Hilfe flehend gegen Haß und Bosheit. Der neue Richter, den man uns gesandt, hegt Grimm und Feindschaft gegen unseren Glauben, und hat in einer öffentlichen Rede, voll gährend Drachengift statt frommer Denkart, als Judenfeind und -hafser sich bekannt, nicht eingedenk der preußischen Verfassung, die gleiche Rechte allen Bürgern gibt, nicht eingedenk des WortA der Iphigenie: „nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da." „Sie meinen die Antigone," unterbrach hier lächelnd der Direktor den Redeschwall.. Herr Heymann war durch diese unerwartete Rektifikation, die ihm noch dazu vor Herrn Bloch zuteil ward, an seiner wundesten Stelle getroffen; er wurde dadurch ein bei ihm noch nie dagewesener Fall — vollständig aus dem Konzept gebracht und suchte, indem er.'die Augen' unwillkürlich schloß, nach dem Faden seiner Rede. ' Der Direktor kam ihm zu Hilfe. Er habe auch schon von einer antisemitischen Rede des Herrn Kreisrrchters sprechen hören; aber er glaube, daß Frau Fama wieder, einmal stark übertrieben habe; oder wären die Herren Vorsteher persönlich zugegen gewesen? Das mußten nun beide Deputierte freilich verneinen, aber Bloch bemerkte doch, daß jedenfalls der Herr Apotheker und der Herr Hauptlehrer Zeugen gewesen seien.' „Ja, und durch zweier Zeugen Mund wird allerwärts die Wahrheit kund," rief rasch aufspringend Herr Heymann, der mit diesem Zitat seine Redeflut und auch den verlorenen Faden wiedergefunden hatte. Ehe er aber ihn weiter abhaspeln konnte, fragte ihn der Direktor, ob er nicht freundlichst wieder Platz nehmen wolle, und.fuhr nun seinerseits fort: „Ja, meine Herren, diese neue Berliner Bewegung ist in der Tat eine sehr traurige Erscheinung; der Kronprinz hat sie ja mit Recht als eine Schmach des Jahrhunderts bezeichnet; ich halte sie für eine epidemische Krankheit, die zunächst noch wachsen, aber in etlichen Jahren oder Jahrzehnten wieder erloschen sein wird. Der neue Herr Kreisrichter scheint mir zwar auch angesteckt zu sein, aber er ist doch eine wahrhaft vornehme Natur und ein viel zu. gewissenhafter Jurist, um seine Abneigung gegen die Juden aus dem gesellschaftlichen Verhalten in den Dienst zu übertragen; er werde dies auch gewiß durch ein paar Worte dem Gemeindevorstand zu erklären bereit sein; in diesem Sinne wolle er noch heute, an ihn privatim schreiben; zu einem amtlichen Einschreiten liege gar kein Grund vor, da es sich doch eben nur um einen Toast in einem.ganz geschloffenen Kreise handle; so hoffe er denn, daß die unerquickliche Angelegenheit, die schon zu viel Staub ausgewirbelt habe, durch die Erklärung, an deren Abgabe er gar nicht zweifle, ihre Erledigung finden werde." Da Herr Bloch schwieg, glaubte Herr Heymann es der Sache und sich selbst schuldig zu sein, nochmals das Wort zu ergreifen. - „Bei allem Dank, den wir Ihnen, hochverehrter Herr Direktor, für diese gütige Intervention, zollen, entspräche es unseren Wünschen doch noch weit mehr, wenn der Herr Kreisrichter um seine Versetzung einkommen wollte. Das volle Vertrauen läßt sich doch durch eine solche Erklärung nicht so leicht und so voll und ganz wiedergewinnen; und auf das volle Vertrauen in die Unparteilichkeit der Rechtspflege kommt alle? an; ohne dies Vertrauen gelangen wir lawinenmäßig auf die schiefe Ebene der Selbsthilfe und damit zum bellum ommbus contra omnibus; noch aber gibt es Richter in Berlin und einen Müller in Sanssouci, und auch in Preußen gilt der unentwegte Satz: „Justitia reginae fundamentum." „kleguorum kundamontum", korrigierte der Gerichtsdirektor, neigte sich, schüttelte Herrn Bloch die Hand, und die Audienz war beendet.