Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229114--69881-3282207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
526 sicher ist, wennes - in die Finsternis der Unwissenheit und des Rückschritts Zurückgeworfen wird. Auf die Anregung Pobjedonoszews hin sind daher schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die berüchtigten „prozentualen Normen" für die jüdische Bildung eingeführt worden und so ein Damm errichtet gegen den Zustrom der Juden zu den Bildungsstätten. Die ersten Schritte aus diesem Wege waren indessen verhältnismäßig Zaghaft. Selbst einem Pobjedonoszew fehlte der Mut, das Volk der Verheißung mit einem Schlage auf die unterste Stufe der Menschenkultur hinunterzustürzen. Er blieb .auf Halbem Wege stehen. Erst jetzt soll das Werk vollendet werden/ 'Das Geschlecht russischer Staatsmänner, das an den grausigen Pogromen von Kischinew, Bjalostok, Hornel usw. erzogen wurde, ist ohne Furcht und Tadel. Es schreckt vor nichts mehr zurück. Und. so ist jetzt das Ziel, das Pobjedonoszew gesteckt hat) nahezu erreicht, teilweise vielleicht sogar überschritten/ i . Die „prozentualen Normen" für jüdische Bildung werden nun im ganzen Reiche strikte durchgeführt: 5 bis 15 Prozent in den Mittelschulen, 3 bis 10.Prozent in den Hochschulen — das finb; bie durch einen kaiserlichen. Ukas festgesetzten. Bildungsnormen der russischen Juden. Schon, diese Normen stehen bedeutend zurück hinter dem Anteil der Juden an der entsprechenden Gesamtbevölkerung. Die höchste Norm von 15 Prozent gilt für die Städte des jüdischen Ansiedlungsrayons, in denen die Juden im Durchschnitt 40 Prozent, vielfach 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung, ausmachen. Die Norm von 3 Prozent gilt für die bedeutendsten Bildung san statt en des Reiches, die Hochschulen von Petersburg und Moskau. Damit nicht genug, ist eine große Anzahl von Bildungsanstalten, für Juden gänzlich gesperrt, und diese Zahl wird mit unverkennbarer Absicht von Jahr zu Jahr vermehrt. So ist beispielsweise vor einigen Jahren die medizinische Hochschule des Kriegsministeriums, die bedeutendste medizinische Lehranstalt Rußlands, die einzige in Petersburg (abgesehen von der Frauenhochschule), ganz für Juden gesperrt worden, auch sür getaufte Juden und ihre Nachkommen b i s z u m vierten' G.liede. Mittelschulen werden schon von untergeordneten Behörden nach ihrem Ermessen, für „judenrein" erklärt. So hat. z. B..im vorigen. Monat der Prokurator des Odessaer Lehrbezirkes mit einem Federstrich vier Gymnasien von Odessa den Juden gesperrt. Die Normen Pobjedonoszews sind offenbar schon zu weitherzig, zu liberal ssir die finsteren Mächte der Gegenwart. . . . Fast jeder Tag bringt den Juden eine neue Beschränkung der Bildungsmöglichkeiten. Und es ist'kein Ende abzusehen, denn der Judenhaß der gegenwärtigen Machthaber Rußlands ist wirklich grenzenlos ... Was tun?! Wie könnten die unheilvollen Folgen dieser Verfinsterungspolitik abgewendet oder wenigstens gemildert werden? — Die russische Judenheit ist bekanntlich ohnedies in ihrer, kulturellen Entwicklung arg zurückgeblieben. Das ist zuerst eine Folge ihrer wirtschaftlichen Notlage, aber auch zugleich eine Ursache derselben. Wenn nun dieses Kulturniveau noch weiter, heruntergedrückt wird, während die ganze Welt ringsum, nicht nur außerhalb, sondern a u ch i n n e r h a l b R u ß l a n d s, mit aller Kraft vorwärts strebt, wie wird dann die Läge der russischen Judenheit sich gestalten?! Nimmt sie schon jetzt den letzten Rang unter den Kulturvölkern ein, wie wird es' dann erst werden! Wir verschonen den geneigten. Leser mit der Antwort. Aber etwas darüber nachzudenken, ist wohl unser .aller Pflicht und Schuldigkeit. —--- . , Aber was tun? Auf diese. Frage-sehen wir nur eine Antwort: Selbsthilfe, angestrengte Selbsthilfe! Gegenüber den sür die Juden gesperrten russischen Bildungsanstalten müssen eigene jüdische Anstalten errichtet werden, 'in denen die Ausgesetzten Aufnahme finden könnten. Ein ganzes Netz von jüdischen Bildungsanstalten der verschiedensten Art) den mannigfaltigen praktischen Bedürfnissen entsprechend, muß in Rußland selbst ins Leben gerufen werden.. Zunächst,- soweit möglich, in Rußland selbst; denn'außerhalb Rußlands speziell für die' russischen Juden errichtete Lehranstalten würden den Zweck nur halb erfüllen. Am wenigsten könnten den russischen Juden jüdische - Bildungsanstalten in Palästina Helsen,, wie sie neuerdings empfohlen werden. Denn diese' würden nur für Zion, und Zionismus' arbeiten, das russische. Judentum aber eher s ch wä ch e n a l s stärke n, indem sie ihm einen Teil seiner Intelligenz entziehen würden, an der wahrlich kein Ueberfluß vorhanden ist. Soweit möglich, eigene Bildungsanstalten in Rußland, im übrigen systematische und zweckmäßige Ausnutzung der Bildungsanstalten Westeuropas, das wäre unserer Ansicht nach das zweckmäßigste, den tatsächlichen Verhältnissen und Bedürfnissen am besten entsprechende Programm der Selbsthilfe des. Judentums in der brennenden Bildungsnot. Dieses Programm Ist freilich nicht himmelstürmend, hat aber dafür den Vorteil, vollkommen durchführbar zu sein.. Dazu sind natürlich neben einer zweckmäßigen. Organisation bedeutende finanzielle Mittel nötig. Wie wären diese aufzutre'lben? Die bestehenden großen jüdischen Organisationen sind von ihren nächsten Aufgaben- undalten Verpflichtungen zu stark belastet, um, bei aller ihrer Leistungsfähigkeit, eine' neuegroße Last aus sich nehmen zu können. Wenn sie auch der neuen Not sicherlich nicht teilnahmslos gegenüberstehen, kann man ihnen doch wohl-billigerweise nicht die ganze' Sorge für dieselbe zuschieben. Für diesen speziellen Zweck muß eine neue große Organisation geschaffen'werden, welche die nötigen '^Nittel sammeln und für deren zweckentsprechende Verwendung Sorgetragen werde. ' - Sokönnten die - Verwüstungen der Pogrompolitik wenigstens in kultureller Hinsicht einigermaßen äbgewehrt werden. Sind wir machtlos allen anderen Greueln gegenüber, die am unglückseligen russischen Judentum verübt werden, so ist es um so mehr unsere Pflicht-, da uns kräftigst zu betätigen, wo Abhilfe möglich ich Politisch entrechtet, gesellschaftlich erniedrigt, ökonomisch auf -die unterste Stufe heruntergedrückt, habenes die russischen Zuden trotzdem vermocht, ihre letzten Kräfte anstrengend, kulturell immer höher emporzusteigen und die heiligsten Güter .zu wahren, undzu Pflegen,, die das einzige Pfand für eine bessere Zukunft bilden. Jetzt droht auch hier der Untergang. .Dieses Verhängnis abzuwehren, ist d i e gro,ßeFo rd e r n n g d,es T ag es, an.das Judentum aller Länd er) . Der Antilrmit. Roman von Ernst Theodor Justi. xvm. ' ■' . . ntschuldigen Sie, Herr Kreisrichter," nahm der Oberstabsarzt das Wort, „Sie sagten doch, daß Sie das Testament Ihres seligen Herrn Vaters bei Ihren Papieren haben; enthält dies vielleicht eine Andeutung?" „Nun sehen Sie selbst; es ist ganz kurz; hier meine Einsetzung zum' Universalerben und ein paar kleine Legate und zum Schluß die Wiederholung' der so oft mündlich ausgesprochenem Warnung, mich nie mit Juden einzulassen." - „Seltsam. Ist Ihr seliger Herr Vater denn von Juden stark bewuchert oder betrogen worden?" .