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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 bechol loschon scheatto schomea", „in jeder Sprache die du 'verstehst",. gutgeheißen — dann werden die Fragenden nach dem Ursprung der Einführung landes'sprachlich er Gebete ihren Blick nach Hamburg wenden, in dessen Tempel zuerst neben der göttlichen Sinai- und Zionssprache die Muttersprache im Gotteshause würdige Beachtung gesunden hat. Als in den traurigen Zeiten der Fahnenflucht zu Beginn des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Familien jüdische Kultur minder Entjudung, dem Abfall von der Religion der Väter, dem Verlassen der Synagoge, zur Schmach der Väter und zur Schande, der Kinder, identifiziert wurde, da hat die Aufklärung in der deutschen Muttersprache aus Kanzeln und Kathedern viele davon zurückgehalten, „im großen Allgemeinen", wie Gutzkow sagt, unterzutauchen. Ich kenne die Sprößlinge von Tausenden und aber Tausenden, die der Tempel in Hamburgs bestimmt hatte, treu bei Israels Fahne auszuharren und gegen den Strom der Taufbewegung kühn und ostentativ zu schwimmen, aus voller Ueberzeugung, die ihnen geworden durch das Gotteswort in der reinen Muttersprache, durch die gottesdienstlichen Vorträge, denen Leopold Zunz sein bestes Buch gewidmet hat, und die im Hamburger Tempel mustergültig geworden für alle Gemeinden in Nord und Süd, in Ost und West. Der berühmte Prediger Jsak Noa Mannheimer in Wien, dessen Anordnungen im Kultus maßgebend geworden sind für ganz Oesterreich-Ungarn, lernte . nach seinem Fortzug von der dänischen Hauptstadt von meinem sel. Vorgänger im Amte, von dem Vater der deutschen Kanzelrede in Israel, von Gotthold Salomon predigen, und der größte Kanzelredner des vorigen Jahrhunderts, mein sel. Lehrer A d o l f I e l l i n e k, anerkannte die bahnbrechende Arbeiten der Homiletik, die von der Tempelkanzel zu Hamburg zuerst ausgegangen waren, und nicht minder Abraham Geiger und Manuel Joel sel. Angedenkens. Man lese und studiere die zahlreichen homiletischen Sammelwerke von Ed. Kley und G. Salomon, nach Form, Sprache und Inhalt vortreffliche Hilfsquellen religiöser Belehrung, Fundgruben von Schätzen meisterhafter Kanzelrethorik. Wenn ich von dem Einfluß Hamburgs auf die Judenheit Deutschlands rede, wie könnte ich stillschweigend eine Größe übergehen, vor deren Namen alle Juden im Vaterlande ehrerbietig sich verbeugen? Gabriel Rießer, der unsterbliche Hamburger Advokat und Oberlandesgerichtsrat ist es, derber deutschenGesamtjudenheitdie Emanzipation gebracht, unter gewaltigen Kämpfen in Wort und Schrift. Er gilt uns nach Moses Mendelssohn als der Größte, als Streiter für unser Recht und unsere Ehre. Man lese die vier Bände seiner Biographie von unserem sel. Stadtbibliothekar Dir. Dr. Meyer Jsler, und man wird den Völkerpsychologen Lazarus verstehen, der einmal sagte: „Nur wer auf der Höhe der Persönlichkeit steht, hat seinen Platz im Pantheon d-er Ewigkeit." In Rießer haben wir deutschen Juden ein Vorbild eines Kerndeutschen und einer kern jüdischen Persönlichkeit allezeit. Rießer aber ist Hamburger, er ist geboren, hat gelebt, ist gestorben und bestattet in unserer altehrwürdigen Elbestadt, und schlicht, aber vornehm mahnt sein Denkmal aus dem jüdischen Friedhof am Grindel an sein unsterbliches Lebenswerk: Justitia zertritt den giftigen Drachen des Vorurteils, die Schlange tötenden Unrechts und bahnt die Wege der Religion, der Vaterlandsliebe und der Kultur. Mag unser Hamburg auch fürderhin sein eine leuchtende Säule, die dem Gesamtjudentum der Gegenwart und Zukunst voranleuchte in der Trübsal Wüsten und des Schrcksals düsterer Nacht! Dies zum Gruß für den Verband der deutschen Juden! Lik stillen Pogrome. Von Rubin Blank, St. Petersburg'), ie blutigen Pogrome haben in Rußland aufgehört. Sie sind auch im Zarenreiche aus der Mode gekommen. Der Judenhaß hat sich vervollkommnet und neue Wege zu seiner Befriedigung entdeckt. Wie es der nationalistische Deputierte Graf Wladimir Bobrinsky offen in der Duma aussprach, wird jetzt von den russischen „Patrioten" zu dem edlen Zwecke der Ausrottung des Volkes, das der Welt die Religion der Liebe gebracht hat, das System der „stillen Pogrome" angewendet. Es hat große Vorteile gegenüber dem alten System. Es ist „seiner" und -wirksamer. Die Wunden, welche durch die „stillen Pogrome" den Juden beigebracht werden, sind viel tiefer als die durch die grobe blutige- Arbeit der Mordbuben verursachten, und doch wird dabei kein Tropfen Blut sichtbar. Unzählige Existenzen werden tagaus tagein vernichtet, und die Welt merkt kaum etwas davon, und das „Gewissen der gesitteten Menschheit" wird aus seiner Ruhe nicht gestört. Worin dieses System der stillen Pogrome besteht, ist wohl genügend bekannt. Man könnte es kurz so definieren: es wird keinem I u d en das Leben genommen, es wird ihnen nur das Leben unmöglich gemacht! So haben es auch gelegentlich russische Antisemiten selbst mit zynischer Offenheit charakterisiert. Durch Beschränkung der Erwerbsmöglichkeiten, durch Einengung des Wirkungskreises aus allen Gebieten, durch gewaltsame Niederhaltung der inneren Entwicklung in materieller und geistiger Hinsicht wird die jüdische Bevölkerung Rußlands systematisch von allen Lebensquellen abgeschnitten und immer tiefer in das Elend hinuntergestürzt. Die furchtbare Bedeutung dieser Politik der stillen Pogrome für die Zukunft der russischen Juden nach allen Richtungen hin zu beleuchten, ist in einem kurzen Aussatze nicht möglich. Wir müssen uns beschränken und wollen daher zunächst nur eine einzige Frage aus dem verhängnisvollen Komplex herausziehen, diejenige Frage, die in der letzten Zeit in den Vordergrund getreten ist und für die Stellung des Judentums in der Kulturwelt eine besondere Bedeutung hat. Es ist dies die große Kultur frage, die jeden Juden nahe berühren muß, er mag noch so fern dem russischen Judentum stehen, der dem jüdischen Volke einen würdigen Platz an der Sonne der Kultur wünscht. Es ist die Bildungsfrage. ' Hier liegt gegenwärtig der Haupttummelplatz des russischen Antisemitismus, der die größten Anstrengungen macht, um den Juden den Weg zur Bildung gänzlich zu versperren. Das Ziel, nach dem dabei gestrebt wird, ist schon vor drei Dezennien von dem russischen Torquemada, dem damaligen Oberprokurator der heiligen Synode Konstantin Pobjedonoszew gewiesen worden; es heißt: Herabdrückung des Kultur Niveaus des Judentums unter das Kulturniveau des russischen Volkes. Pobjedonoszew erkannte, welche eminente Bedeutung die hohe Kultur des Judentums in seinem Kampfe ums Dasein besitzt, daß die Aufklärung sein letzter Rettungsanker, das Wissen seine größte Macht ist — daß der Untergang des Judentums nur dann *) Fast gleichzeitig sind zwei russische Verhältnisse behandelnde Aufsätze in meine Hände gelangt; der eine, der in. dieser Nummer veröffentlicht wird, ist mir von einem in Rußland lebenden Schriftsteller zugeschickt worden, der andere ist durch mich bei einem russischen Gelehrten jüdischen Glaubens bestellt worden, der mich in einer ganz andersartigen, wissen.schastlichen Angelegenheit besuchte. Beide beleuchten die russischen Verhältnisse in ganz eigenartiger Weise, weichen von der üblichen Anschauung ab und ergänzen sich so glücklich, daß ich durch Veröffentlichung beider unseren Lesern und der Erkenntnis der Wahrheit einen Dienst zu erweisen hoffe. L. G.

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