Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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obwohl an sich höchst achtungswert, sind die Leistungen der A ng 1 o - Je wish exhibi ti on (1887), die grundlegenden Arbeiten von Jacobs und die der Rechtshistoriker Rigg und Groß — auch letzterer verschied vor wenigen Jahren vorzeitig — sowie der noch blühenden Jewish historical society of England. .•. Diese Gesellschaft druckt nun hier die dankenswerten Vorarbeiten eines anglikanischen Geistlichen, der absolut vorurteilsfrei die mühsamen Studien des Sammelns und Bestimmens der Namen, Orte und anderer Einzelheiten vollzieht, aber auch die innere Verfassung der Juden durch zusammenfassende Abschnitte über deren Aemter erhellt. Der Familienname Episcopus übersetzt Koh en, als Amt bezeichnet das Wort den Parnes. Rabbi vor dem Namen heißt selten „Meister", meist nur „Herr". — Ein ganzes Drittel des Buches behandelt „Die Juden in Cambridge bis 1275." Damals nämlich schon wurden sie hier vertrieben, fünfzehn Jahre früher als aus dem Staate, weil die Stadt Cambridge zum Wittum der Königinmutter, Eleonore von Provence, gehörte, die von Bettelmönchen fanatisiert wurde. Diese Lokalgeschichte tritt würdig an die Seite der trefflichen Arbeit Neubauers, der einst Oxfords Juden eine Monographie widmete. Aus Cambridge stammte jener Jude, der, Mönch geworden, die Lüge vom Nitualmord am Knaben Wilhelm zu Norwich förderte: die früheste dortige Blutbeschuldigung. Zur Universität, die damals, jung und arm, noch keine prächtigen Colleges hatte, knüpfte die Cambridger Judenschaft zwar keine Fäden; dagegen spiegelt sie im kleinen die allgemeinen Verhältnisse der Juden zu den Geldsuchern und zum Staate. Diese Stadt hat, im Gegensatz zu mehreren anderen Verkehrsmittelpunkten, sich nicht mit Judenmoxd befleckt. Auch hier blieben die Juden bei der französischen Sprache ihrer Väter, ohne Englisch zu lernen: Eine Quittung von 1265 bezeichnet Allerheiligen als Tusseinz. Die Familiennamen lauten Bundi (Guttentag, Jomtob), Bonenfaunt (Gutkind); und ein Mutun (Schöps) zahlt dem König Geld, um seinen Namen ändern zu dürfen. Schöne Faksimiles und die Abbildung von zum Teil hebräisch beschriebenen Kerbhölzern von 1241, die als Quittungen dienten, sowie eine Karte von Cambridge im Mittelalter schmücken den prächtig ausgestatteten Band, der nach guter englischer Gewohnheit mit sorgfältigen Jndices und Tafeln versehen ist. Und der Erforscher des Mittelalters begrüßt mit Freuden den zum Teil erstmaligen Abdruck oder Auszug wichtiger Urkunden. Allgemeinerer Teilnahme aber dürfen die kurzen Notizen versichert sein über die an Zahl geringen neuzeitlichen Juden in Cambridge, das — ein Beispiel für Deutschland — jetzt längst eine Universitätsdozentur des Neuhebräischen besitzt. Dort lebten ein jüdischer Nordpolfahrer Lyons 1773 und die berühmten Dramatiker, die den Juden aus die Bühne brächten, Marlowe und Cumberland. Den „Juden" des'letzteren zu kennen, scheint Verfasser seinen Lesern nicht zuzutrauen; in Deutschland ist das Lustspiel noch in unserer Zeit gedruckt worden. Ein eigenes jüdisches College an der Universität zu errichten, ist wenigstens geplant worden. Erst 1872 wurde vom Eide auf die anglikanische Liturgie für den zu Immatrikulierenden abgesehen. Erst 1874 ward der Vizekanzler ermächtigt, bei der Erteilung akademischer Grade die Worte in nomine Patris et Filii et Spiritus sancti fort- Alassen — zwei Jahrzehnte nur, bevor die-, Universität den Ehrendoktor dem jüngst verstorbenen Rechtslehrer Asser aus Amsterdam und einem deutschen Juden verlieh1). y Wir dürfen unseren Lesern wohl verraten, daß der „deutsche Jude" der Verfasser des öbenstehenden Artikels ist. Die Red. , i Hamburg in keinem Linüntz auf die neuzeitliche Iudeuheit. Bon Dr. D. L e i m d ö r f e r, Rabbiner uitö Prediger zu Hamburg. s naht der Tag, an dem Deutschland, soweit es das Judentum betrifft, in Hamburg erscheinen wird, um im Verband der deutschen Juden Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, Ideen von ewigem Werte und Ratschläge voll wichtigen Gehalts für die Zukunft in großer illustrer Gemeinschaft seiner auserwählten Vertreter zur öffentlichen Besprechung und zum prägnanten Ausdruck — am 9. November 1913 — zu bringen. Die Hamburger Deutsch-Israelitische Gemeinde trifft geeignete Vorbereitungen, um Fernen und Nahen freundliche Brüdergrüße zuzurufen und in würdiger Weise die Tagung innerhalb der Mauern unserer schönen Vaterstadt zu gestalten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einiges Hinweisen, was sich aus Hamburg in seinem Verhältnis zu den Gemeinden des deutschen Vaterlandes bezieht, was die historische Bedeutung der Hamburger Judenheit in Helles Licht rückt, was vielen bekannt ist und doch im Laufe der Zeiten der Vergessenheit anheimfiel. Insbesondere aber soll das Memento wachgerufen werden an die kampsreiche Epoche der nachmendelssohnschen Zeit, sofern sie der Entwicklung und Ausgestaltung der israelitischen Gemeinden im gesamten Vaterlande nicht nur in religiöser, sondern auch in kultureller Hinsicht gedient hat. Welchen Einfluß nahm diese Epoche aus unsere Gesamtheit? Nicht der von den verschiedenen Geschichtsschreibern — je nach ihrem subjektiven Empfinden — bald mit leuchtenden, bald mit düsteren Farben geschilderten Gärung im sogenannten „Tempelstreite" sei gedacht, sondern der Frucht dieser Bewegung. Alle oder die meisten Gotteshäuser in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, mögen sie welcher Kultsorm immer huldigen, botest seit jenen kampsdurchwühlten Tagen der Genesis des Tempels in Hamburg ein Bild der Ordnung und der Würde, der ästhetischen Anstandswahrung und der feierlichen Harmonie, die man früher meist vermißt hatte, obgleich die Heilige Schrift sie in ihrer Weisung „Ehrsürchtet mein Heiligtum" in einem Atem betont mit „Haltet meine Savbate", und obgleich die rabbinische Tradition jedermann in die Seele schrieb: „Wisse, vor wem du stehst, der höchsten Atajestät, dem Allheiligen, gelobt sei Er." Weihe, Andacht, Ruhe, Anstand und- Harmonie scheinen als etwas Aeußerliches zu gelten, sie sind aber ties Innerlich es, und diese haben sich allenthalben gehoben, haben eine allgemeine Veredelung im Kultus geschaffen, die ihren Ausgang genommen von der Stätte, die nicht selten mit Hohn, Spott, ja selbst mit Bann und,,Much belegt worden. Wie wohltuend für Freund und Feind, für Wohlwollende und Mißgünstige wirken die abgeklärte, reine, heute fast allenthalben vorwaltende weihevolle Würde und Pietäre Ehrfürchtigkeit in den Synagogen! Wenn wir heutzutage die tonangebenden Gemeindegotteshäuser in Europa und Amerika aussuchen und in Berlin, Breslau, Frankfurt, München, Dresden, Leipzig, Wien, Prag, Budapest, Agram, Paris usw., selbst wo das alte Gebetbuch beibehalten wurde, die Gebete beim Ausheben und Einbringen der Thora, das Gebet für Regenten und Regierung in der Landessprache vernehmen, und viele, denen das Verständnis der heiligen hebräischen Sprache, insbesondere den Frauen und der Jugend, vielfach abgeht, solche Gebete in der Muttersprache sprechen und hören — und der Talmud hat selbst das Hauptgebet des jüdischen Bekenntnisses, „Schma