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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
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Heb er gangn ämli ch zum v r gani s ch eit Staadtsgebilde. Einer Schlingpflanze gleich hat die osmanische Herrschaft sich über weite Räume ausgebreitet, ohne für die Dauer am Stamm eine hinreichende Stütze gefunden noch aus den Wurzeln die genügende Kraft gezogen zu haben, so daß die Beschneidung der überwuchernden Aeste ganz naturgemäß sich als Stärkung von Stamm und Wurzeln und als Anregung zu neuer Triebbildung erweisen müßte. In diesem Sinne bedeutet in der Tat die rückwärtige Konzentration aus Anatolien, das ^Geburtsland alter Osmanenmacht, eine radikale Umgestaltung des türkischen Reichslebens, das erst jetzt sich aus einer national zusammengewürfelten zur homogenen Staatsform durchzuringen befähigt wird. Wohl würde die Türkei dadurch zum ausgesprochenen kleinasiatischen Staat werden, aber lange nicht deswegen die Rolle eines kleinen > asiatischen Staates zu spielen verurteilt sein. Was sie noch^ an Besitz in Europa behauptet, bietet ihr hinlänglich Gelegenheit, mit unserem modernen Kulturleben in unmittelbarem Kontakt zu verbleiben. Und so würde sich fast ganz von selbst für sie die Ausgabe ergeben, wie von jeher schon die natürliche Verbindungslinie Zwischen Asien und Europa bildend, nunmehr auch auf geistigem Gebiete die Brücke zu schlagen und als Mittlerin und Fördererin europäische Zivilisation und europäische Geistesart unter den asiatischen Völkern zu verbreiten. Dazu dürfte die Türkei gerade infolge der letzten Krisis^ besonders berufen erscheinen, welche ihrer ferneren Entwicklung den- Weg zum nahezu geschlossen ' mohammedanischen Einheitsstaat gewiesen hat. Die Bevölkerung Anatoliens setzt sich in ihrer großen Mehrzahl aus'Jslambekennern zusammen, und die Christen, welche, von wenigen Bezirken abgesehen, fast überall nur eine Minorität bilden, leben zerstreut unter den. mohammedanischen Massen. Dieses -Verhältnis Pflegte in der Regel sogar sich durch stärkere Zuwanderungen zugunsten der islamitischen Bevölkerung zu verschieben, so oft die Türkei von erheblicheren Gebietsverlusten betroffen wurde. Ohnehin vermag,, was ein richtiger Türke ist, sich nur in Asiens Landen ganz heimisch zu fühlen, wo allein das „dewlet alie", das erhabene Reich, sich befindet. Selbst Konstantinopels europäische Seite überläßt er neidlos dem Giaur, wenn ihm bloß nicht genommen bleibt, aus dem heiligen Boden von Skutari zu leben und, was seine noch größere Sorge ist, dort auch begraben zu werden. Muß nun gar die Fahne des Propheten aus einem Landstrich in die- Verbannung, dann ist es, wenn äußere Gründe ihn nicht davon Zurückhalten, für ihn fast selbstverständlich, daß er ihr folge,-nachdem ihn innerlich nichts mehr an die dortige Scholle .fesselt. Seit, dem Frieden von Kütschük Kainardschi im Jahre .1774, von denr ab eigentlich erst, da der. früher erwähnte ..Kavlowitzer Friede nur ganz locker angegliederte Reichsteile betraf, der seitdem sich freilich unaufhaltsam vollziehende Ab- .bröckelungsprozeß der Türkei in Europa datiert werden muß, kann man das dauernd wahrnehmen. Während 1888, nachdem bereits in den vorangegangenen zehn Jahren der staatlichen Unabhängigkeit ein großer Teil der mohammedanischen Bevölkerung ausgewandert war, die Zahlder in Bulgarien lebenden Türken! sich aus über 600 000 und noch um die Wende 'des Jahrhunderts aus nahezu 550 000 belief, betrüg sie nach einer Zählung vom Jahre 1910 nicht mehr als 488 000: und daß' nach der Losreißüng Serbiens und Montenegros von der osmänischen Herrschaft die Auswanderung der in jenen Ländern wohnenden Mohammedaner eine. überaus starke war, habe ich bereits früher erwähnt. So wird es die türkische Regierung als eine ihrer vornehmsten' Ausgaben in nächster Zeit ansehen müssen, dem aus den abgetretenen europäischen Provinzen sich jetzt schwellend ergießenden Strom emigrierender Flüchtlinge nach Kleinasien zu leiten und mit geschickter Handräder das Land zu verteilen. Viele hunderttausende guter Bürger ließen sich aus diese Weise durch die „Muhadschirs" für den Staat gewinnen, deren Ansiedlung nicht allein den öde und brach liegenden Territorien höchst wertvolle Arbeitskräfte, sondern darüber hinaus noch dem Reiche einen für seine Reorganisationszwecke besonders geeigneten Menschenschlag zuführen würde. (Schluß folgt.) Studien?ur englilch-jüdilchenGelchichte'. Von F e l i x L i e b e r ui a n n. rst im Gefolge des normannischen Eroberers siedelten sich Juden, bald nach'1066, in. England an, Unter dem Urenkel seines Urenkels wurden sie-1290 sämtlich, vertrieben. Verglichen mit den Stammesbrüdern des Festlandes, trugen sie verhältnismäßig wenig zur reichen. Geistesgeschichte des Judentums im Mittelalter bei. Eine um so bedeutendere Rolle spielten sie als Kapitalisten und Großhändler zunächst in der Wirtschaft, dann mittelbar auch in der Versassungsentwicklung der Insel während jener zwei Jahrhunderte. Jüdisches Geld half zum Bau der prächtigen Kirchen wie zur Bezahlung des Lösegeldes für Richard Löwenherz an den Kaiser. . Es sollte der Krone ermöglichen, von der Steuerbewilligung durch die Großen unabhängig zu regieren. Während das Kirchenrecht dem Christen baren Zins von geliehenem Gelde zu nehmen verbot, bereicherten sich die Juden schnell, zum Teil mit einem Zinsfuß von über 40 Prozent jährlich. In den städtischen Prosanbau, der nur Holz, Lehm und Stroh verwandte, führten sie das Steinhaus ein: reizt uns daran heute ein romanischer Bogen kunsthistorisch-— damals sollte es zunächst gewiß vor Feuer und der schlimmeren Gefahr, der räuberischen Gewalttat, den Schatz des Besitzers an Edelmetall sichern. Das Volk haßte in ihm den wucherischen Blutsauger und den Nichtchristen, viel weniger den Rasse- - fremden. Das Königtum der Anglonormannen, innerlich stärker und feiner organisiert als das des Festlandes jener Zeit, schützte zwar, abgesehen von wenigen grausigen Ausbrüchen des Kreuzzugfiebers und des Schuldnerhasses, Leben und Habe der Juden, aber ihr Eigentum hing allein von des Königs gutem Willen ab. Sie unterlagen seiner unbedingt willkürlichen Besteuerung, die im 13. Jahrhundert überaus hart geübt wurde. Sodann fiel der Nachlaß des Juden, wie allerdings der eines christlichen Wucherers auch, von Rechts wegen der Krone heim; ebenso das Vermögen des Juden, der sich taufen ließ und in einem — dünn genug besetzten — „Hause der Bekehrten" Krönpensionär wurdet In richtigem Bilde sagt ein früherer Forscher, daß die Krone den Juden wie einen das Geld des Volkes aufsaugenden Schwamm benutzte, um ihn dann zu ihrem Zwecke auszupressen. Dank Englands frühreifem zentralisierten Finanz- und Archivwesen ist eine Fülle von Urkunden von und über Englands Judenheit aus dem 12. und 13. Jahrhundert in lateinischer und in gar nicht geringer Menge auch hebräischer Sprache auf uns gelangt, wie das Festland nichts entfernt Aehnliches aufweist. In völlig richtige Beleuchtung rückt diesen Stoff nur der Rechts- und Sozialhistoriker, der die Verfassung der französischen Juden vergleicht, von der die der englischen nur ein Tochterrecht bildet. Einem Meister wie Georg Earo hat der Tod den Griffel zu früh entwunden. Insular nvm, h Studies in Anglo-Jewish histöry. By the Rev. H. P. S ,t b k e s. L. L. D., F. S. A., Hon. Fellow of Corpus Christi College, Cambridge. For .the Jewish h i s t o r i c a 1. s o c i e t y of England. Ballantyne, Hanson & Co., Edinburgh 1913. XII u. 304 8. 8°.

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