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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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Daß irgend jemand derartige Niederträchtigkeiten zu schreiben wagt, ist seine Sache, aber an den Juden ist es, sich derartige Angriffe nicht gefallen zu lassen. Es ist unerlaubt, daß ein Schriftsteller hundertmal widerlegte Jrrtümer wieder von neuem vorträgt; es ist verbrecherisch, den deutschen Juden des' 20. Jahrhunderts Ansichten zu imputieren, die sie nie gehegt haben; es ist unerhört, das Blutmärchen als eine Tatsache hinzustellen; es ist geradezu eine Schmach, die Juden in Deutschland, die an ihrer Veredlung und Vervollkommnung mit aller Macht arbeiten und zum Heile Deutschlands zu wirken bestrebt isind, als „eine verderbte Sippe" zu denunzieren.? Warum haben wir keine Gemeinschaft, die imstande ist, solche unwürdigen Angriffe sofort unschädlich zu machen? Was der einzelne schreibt, das muß er verantworten; daß aber die Leipziger Behörden ein derartiges, von giftigen Bemerkungen strotzendes Blatt ungehindert verkaufen lassen, obgleich sie gebeten worden waren, den Vertrieb zu inhibieren, das ist nicht nur eine kaum zu sühnende Beleidigung der Juden, das ist vielmehr ein Schandfleck aus der Jahrhundertfeier. . Aach dem Mrdmslchluh. Von Dr. AlphonsJ. Sußnitzki. V. Türkei mußte aüshören, ein internationales Problem zu sein und einen Gegenstand zu bilden, dessen Wohl und Wehe lediglich von der äußeren politischen Konstellation abhängig ist, und bei dem die Regelung selbst seiner internsten Angelegenheiten nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Rückwirkung' auf die Interessen der anderen Mächte vollzogen zu werden pflegt. Beruhte ja das ursprünglich gleichgültige Verhalten Deutschlands gegenüber der Türkei, das in dem bekannten Bismarckschen Aus spräche, „der Orient sei für Deutschland nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert", seinen drastischsten Ausdruck fand, ebenso wie die dann erfolgte totale „Abkehr von diesem Standpunkt, die bis. zum förmlichen Buhlen itm die osmanische Freundschaft und zur Investierung von Hunderten von Millionen deutschen Kapitals in der Türkei, ging, zum allergrößten Teile auf der Voraussetzung des Politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Großbritannien, die im Laufe der Jahre eine durchgreifende Wandlung erfahren hatte. Und entsprang doch umgekehrt wiederum die Stellungnahme Englands, das früher geradezu die Schutzmacht des Osmanenreichs gewesen ist und 1878 noch aus dem'Berliner Kongreß Rußland mit dem Interventionskrieg bedroht hat, falls es einer wesentlichen Revision der Frredensbedingungen von San Stefano nicht zustimmen würde, später jedoch jede Schwächung der Türkei nicht nur hingehen ließ, sondern direkt förderte, vorwiegend Erwägungen, welche die gegenüber Deutschland eingenommene Politik diktierte, sofern ihnen allerdings die Politik gegen Rußland, das aber durch den Krieg mit Japan sich derartig geschwächt erwies, daß es aus Jahre-hinaus nicht mehr in gleichem Maße wie vordem als Faktor in die Rechnung gesetzt zu werden brauchte, nicht widersprach. So kam es denn, daß auch die Bagdadbahnsrage sich zu einem Angelpunkt der rivalisierenden deutsch-englischen Orient- Politik auswuchs. Die Engländer, die in dem Unternehmen, das den Bosporus mit dem Persischen Golf verbinden sollte, nicht bloß eine wirtschaftliche Hebung, soüdern weit mehr noch eine politische und militärische Stärkung der Türkei erblickten, befürchteten davon zugleich auch die Begünstigung und Förderung einer deutsch-österreichisch-türkischen Interessengemeinschaft. „Wäre ich .ein Deutscher"-, schrieb ein englischer Kolonialbeamter, Sir Johnston, „so würde ich.in meinen Zukunftsträumen eingroßes deutsch-österreichisch-türkisches Reich sehen mit vielleicht zwei Haupthandelshäsen, der eine in Hamburg, der andere in Konstantinopel, mit weiteren Häsen an der Ost- und Nordsee, am Adriatischen, am Aegäischen und am Schwarzen Meer; ein Reich oder vielmehr einen Staatenbund,der seinen Einfluß durch Kleinasien und Mesopotamien . bis über Bagdad hinaus geltend machen sollte. Dieses ununterbrochene Imperium, das von der Mündung der Elbe bis an die des Euphrat und Tigris reichen würde, wäre doch gewiß ein so stolzes Ziel, wie es eine große Nation nur. anstreben kann." In diesem Sinne erklärte auch anläßlich der Marokkokrisis der damalige englische Botschafter in Wien, daß den Zentralpunkt der deutsch-englischen Auseinandersetzung die türkische Frage bilde, und aus dieser Stimmung heraus ist die häufig in England anzutreffende Bemerkung zu verstehen, daß hundert Kilometer Bagdadbahn einem deutschen Dreadnought gleichkämen. In dem sich so abspielenden Duell zweier übermächtiger Rivalen blieb natürlich der Türke letzten Endes doch nur der ewig geprellte Allerweltsprügelknabe. Und insofern werden wir es geradezu als Segen für die Türkei betrachten können, daß der Scheich von Koweit, an dessen „Residenz" nach einem länge bestehenden Plane die Bagdadbahn ins.Indische Meer münden solle, neuerdings vom Sultan für unabhängig erklärt, will sagen, der britischen Machtsphäre unterstellt worden ist, und die Balkanvölker infolge ihrer Siege sich zwischen Oesterreich und die Türkei keilartig geschoben haben. Während auf der einen Seite also der Endpunkt der Bagdadahn nunmehr in britisches Herrschaftsgebiet fallen wird, wodurch sie, bei der unbestrittenen Machtstellung Englands am Persischen Golfe, notwendig einen wesentlichen Teil der ihr anfänglich beigelegten politisch-militärischen Wichtigkeiteinbüßen dürfte, hat auf der anderen Seite umgekehrt die seit Jahren gefjegte Idee einesaneinander gegliederten deutsch-österreichisch-türkischen Bahnsystems ein starkes, nicht wieder gutzumachendes Loch bekommen. So ist den Engländern vieles von ihren Befürchtungen, den Deutschen manches von ihren Hoffnungen genonunen worden. Dadurch erscheint zwar die Türkei Politisch weniger interessant; aber dafür erweisen sich auch die anderen Staaten an der Türkei politisch, weit weniger interessiert. Vollständig freilich sind nach dieser Richtung die Schwierigkeiten auch jetzt nicht behoben. Konstantinopel als Sitz des .Kalifats und Wacht an den Dardanellen wird ja notwen- I digerweise allgemeinen Konfliktstoff stets in sich bergen. Aber indem nun endlich die Balkansrage aus der.Welt geschafft ist, hat sich die Situation doch ganz wesentlich vereinfacht. Die Hohe Pforte ist nicht mehr der auf unserem Kontinent am meisten gefürchtete politische Wetterwinkel, dessen nur zu leicht entfesselte Stürme die. europäische Diplomatie zu beschwören sich so oft vergeblich bemüht hat; und die kräfteschwächende neunfache Grenzgegnerschaft hat sich für das Reich des Halbmonds zum Vorteil einer nur noch dreifachen, gewiß nicht ausgesprochen freundschaftlichen, aber doch wohl auch nicht mehr direkt feindlichen Grenznachbarschast gewandelt. Mit dem Verschwinden einer Einmischung der Mächte wird nun gleichzeitig die dadurch bedingte, jede Initiative lähmende ewige Rücksichtnahme aufhören und ein Wachsen des Selbstgefühls und Selbstvertrauens der Türken die unmittelbare Folge davon sein. Negierung und.Parlament werden sich so auf sich selbst besinnen und als Herren im eigenen Hause die ihnen richtig dünkenden Maßnahmen treffen können. Vor allem aber werden sie endlich einmal lernen, die Angelegenheiten ihres Landes als rein interne, sie gaüz allein angehende Dinge zu betrachten und zu meistern suchen. Indem nun die Türkei diesen Weg beschreitet, leitet sie damit zugleich eine neue Phase der Entwicklung ein: ihren

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