Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nach der Vorstadt, in der die Eltern des Ermordeten wohntengelenkt. Der Zeuge erzählt alsdann, daß folgende Geschichte in Umlauf gesetzt worden wäre: Am 12. März sollen mehrere Kinder, darunter Schenja und Andrjuscha, spazieren gegangen sein. Sie hätteü Ruten geholt, wobei die des Andrjuscha biegsamer und besser gewesen wären. Als Schenja sie ihm sortnehmen wollte, soll Andrjuscha gedroht haben: „Wenn du mir meine Rute sortnimmst, dann geh ich zur Polizei und erzähle, daß deme Mutter gestohlene Sachen versteckt." Darauf, wäre Schenja nach Hause gelaufen und hätte das seiner Mutter erzählt. Diese hätte Schenja zu Verwandten geschickt, und als Andrjuscha dann etwas sp.ät er zu Tscheberj a k s ge k o m men wäre, hätten ihn dort anwesende D i e b e e r g r ifsen und g e ko t e t. , Da der dritte Knabe, der mit den Kindern zusammen gewesen sein sollte, nicht zu ermitteln war, bezeichnet Zeuge diese Geschichte als eine Legende. Ueber den Tod der Tsch eb er jak sch en Kin d er weiß er auch zu erzählen. - 'V -20. Oktobe r. Die Ankündigung, daß heute die Vernehmung des Journalisten B r a s u l B r n s ch' k o w s.k i, des ehemaligen Chefs der Detektivpolizei K r a s s o w s k i, des Oberstleutnants Iwanow und des Rechtsanwalts Margolin stnttfinden soll, hat den Saal gefüllt, und das Publikum' erwartet gespannt dramatische Zwischenfälle. ^Eineinhalb Stunden lang erzählt Brasul alle seine Erlebnisse zum Fall Juschtschinskier erklärt, wie er als Journalist Rechercheur geworden sei. Das Rätselhafte des Falles hat ihn gelockt, der Wunsch, die Wahrheit zu erforschen-. Dann entrollt er ein Bild der ganzen Voruntersuchung mit allen ihren, aufregenden Momenten. Wir sehen vier Stadien: zuerst ist ein dumpfer Verdacht gegen die teilnahmslosen V e r io a n d t e n des Ermordeten, der mehrere von ihnen zeitweilig ins Gefängnis bringt. Dazwischen tobt bereits der Lärm der echten Russen, insbesondere des „Doppeladlers". Die Ausstreuung des-Gerüchts von einem Nitualmord verwirrt die Arbeit der Untersuchungsbehörden. Nach langer Suche nach irgendeinem Inden, den man einsperren könnte, trifft das Schicksal Beilis, von dessen Unschuld die llntersuchungsbehördcn überzeugt sind. Aber seine Festnahme wird auf dem außerordentlichen Wege durch die Ochraua bewirkt, die sich sonst" nur um politische Verbrechen kümmert. Immer mehr interessiert, sucht Brasul die verdächtigen Kreise auf und stößt auf Wern T s ch' e b e r j a k, die schon damals der Mordtat verdächtigt ist; ständig von Polizeidetektivs geplagt, erbietet sie sich, Brasul bei den Recherchen zu Helsen. Sie konstruiert die Version,, daß ihr ehemaliger Liebhaber Mifsle, ein fast blinder Musikant französischen Ursprungs, den sie jetzt haßt, mit inehreren Verwandten I u schtschi n sik i s den K n a b c n ermordet hätte. Von ihr umgarnt, fällt Brasul aus die Wera Tscheberjak entlastende Version hinein und verschafft ihr mehrere Zusammenkünfte mit bekannten Publizisten, ja sogar eine Zusammenkunft mit dem Rechtsanwalt Margolin in Charkow. Schließlich überreicht er dem Untersuchungsrichter ein ausführliches Memoranduur. Der Untersuchungsrichter selbst weist zwar die Version Mifsle zurück. Aber er ermahnt ihn, sich an Wera Tscheberjak zu halten. „Bei ihr ist der Schlüssel des Verbrechens" lautet ein häufiger Zusatz in den Protokollen. Wenige Tage darauf erhält unerwarteterweise Beilis die Anklageschrift. Im vierten Stadium lenkt sich der Verdacht immer deutlicher auf Wera Tscheberjak, Krassowski, Iwanow, ein gewisser Karajew, ein Student Machalin und ein Detektiv Wygranow stellen,fest, wer die Verbrecher sind, die im Hause der Wera verkehren und mit ihr Verbrechen inszeniert haben, die mau von den Verbrechern Monselewski, Lathschew, Rudsinski und insbesondere vom Bruder Weras, Singajewski, erfahren hatte. Singajewsiki hatte dann dein Karajew gestanden, daß er und die genannten Genossen aus Antrieb Weras den Iungen -u m g e b r a ch t h ä t t e n, um sich seiner als genauen Kenner ihrer Verbrechen zu entledigen. Diese Enthüllungen waren so zwingender Natur, daß sie nach ihrer Veröffentlichung im konservativen „Kiewljanin" den Anstoß zu einer ergänzenden Untersuchung gaben, und von da begann der verzweifelte Kampf der Tscheberjak gegen Beilis. Der Staatsanwalt und die Zivilkläger Schmakow, Samhslowski und Turasewitsck) fragen Brasul, ob er Wera Tscheberjak 40 000 Rubel versprochen oder ein solches Versprechen gehört habe. „Nein," lautet seine Antwort. Woher er das Geld zur Reise nach Charkow für sich und die Tscheberjak erhalten habe,'womit er seine Auslagen bei den Recherchen gedeckt habe, wird weiter gefragt. Der Zeuge stellt fest, daß es sich im ganzen um 150 Rubel gehandelt, die er selbst bestritten habe. Die Reise nach' Charkow sei auf Betreiben der Tscheberjak vorgenommen worden. Dort, wo sie jenmnd habe treffen müssen, habe/man von ihr weitere Enthüllungen erwartet. Bei den späteren Enthüllungen seien die Untersuchungsbehörden so interessiert gewesen, daß einmal der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter mit ihm von 11 Uhr nachts bis 4 Uhr morgens konferiert hätten. Sie hätten ihn nicht nur nicht gewarnt, sondern zu w e i t e r e n Recherchen e r munter t. Dann aber sei eine Wendung gekommen und seine. Enthüllungen seien ohne Widerlegung Zurückgewiesen worden. Alle Versuche der Anklagepartei, den Zeugen vor den Geschworenen zu konrpromittieren, waren vergeblich. Sie vermochten keine Tatsache 'herbeizuschaffen, die auf die Absichten Brasuls einen Schatten geworfen hätte. Zum Schluß wurden seine 26 Botzen umfassenden Aussagen vor dem Untersuchungsrichter verlesen, so daß der ganze Tag der Vernehmung Brasuls; gehörte. Gelegentlich des Verhörs des Journalisten Bruschkowski wurde gestern Wera Tscheberjak abermals vorgeladen. Sie wiederholte dabei, sie habe im Gespräch mit Bruschkowski und Margolin abgelehnt, die Schuld aus sich zu nehmen. 2 0. O k t o b e r. Rechtsanwalt M argolin, .der während der Voruntersuchung die Verteidigung Beilis' übernahm, sie aber niederlegen mußte, da er wegen Unterzeichnung des Protestes gegen die Ritualmordlegende — in der die Anklagebehörde eine unzulässige Beeinflussung des Gerichts erblickte — selbst zur disziplinarischen Verantwortung gezogen wurde, wies in seiner Aussage die verleumderische Anschuldigung Frau Tscheberjaks zurück, er habe sie bestechen wollen, um sie zu bewegen, die Schuld für den Mord auf sich zu nehmen. Er erklärte, die p r i v a t e n E r m i t t l u n g e n B r a s u l s hätten das w e r t v o l l e E r g e b n i s gehabt, 'daß das verbrecherische Treiben der Frau Tscheberjak durch sie ausgedeckt wurde. Der frühere Chef der Kiewer Kriminalpolizei, Krassowski, der nach Margolin vernommen wurde, brachte gegen Frau Tscheberjak neue wichtige Schuldbeweise vor. ' Die Aussage Krassowskis dauerte mit kurzen Unterbrechungen bVi Stunden. Er erzählte unter anderem, ein Freund der Frau Tscheberjak, Rudsinski, habe im Gefängnis erzählt, daß die Diebesbande, die im Hause Tscheberjak verkehrte, die Beraubung ' der Ki e w e r S oph i e nkathedr ale Plante. Juschtschinski sollte dabei ein hohes Gitter erklettern. Da die Bande befürchtete, daß Juschtschinski sie verraten könne, beschloß sie, ihn zu ermorden. Daß dabei bewußt ein sogenannter „Nitualmord" nachgeahmt wurde, hält Krassowski für möglich, da Frau Tscheberjak selbst Aufforderungell zu Judenpogromen verbreitete. Die indirekten Sch u l d b e w eise gegen Frau Tschebe r j a k, die Krassowski wirksam zusammensaßte, machten einen starken Eindruck aus die Geschworenen. Sie verfolgten seine Aussage mit großer Aufmerksamkeit. 22. O k t o b e r. Die Zeugin D j a k o n o w a sagte aus, als sie aus Aufforderung der Wera T s ch e b e r j a k am 27. März bei ihr nächtigte, habe sie in dem Bett der Wera geschlafen. Als sie nachts ihre Stiefel, die sie drückten, abftreifte, sei sie mit den Füßen durch das Bettgitter hindurchgesahren und habe dabei einen in einen Sack gehüllten l e i ch e n ä h n l i ch e n G e g e n st a nd berührt. Sie sei erschrocken gewesen, aber Wera habe zu ihr gesagt: „Laß das liegen, es sind Lappen." In ihrer weiteren Aussage erwähnt die Dja- . kvnvwa ein Gespräch, das sie mit Frau Rawitsch gehabt habe. Diese habe ihr erzählt, sie hätte in der Wohnung Tscheberjaks in einem Teppich eine Leiche gesehen, jedoch darüber'geschwiegen, da sie sich durch ein Versprechen gebunden gesühlt habe. Der Djakonowa wurde dann ein in der Nähe der Höhle, in der die Leiche des ermordeten Knaben gelegen hatte, aufgesundenes Kissen vorgewiesen. Sie gab an, daß sie es a l s der W e r a T s ch e b e r j a k gehörig erkenne. Der. S taats anw alt ersucht darauf um Einstellung der Besichtigung, da sie zwecklos sei.' Die Verteidig u n g bezeichnete es jedoch als äußerst wichtig, daß die Sachbeweise geprüft würden. Aus. Ersuchen des Staatsanwalts beschrieb die. Zeugin sodann ausführlich die Kennzeichen des Kissens, aus Grund deren sie sich seiner erinnere. Das Gericht stellte daraus fest, daß die Djakonowa vor dem Untersuchungsrichter andere Kennzeichen genannt hatte, Zum Schluß der Sitzung bat der Verteidiger Gri- ' gorowitsch, die Tatsache in das Protokoll einzutragen, daß in-