Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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nähme der Behörden an dem Festakt beweist klar, daß die israelitische Gemeinde sich eines guten Ansehens bei . ihnen erfreut. Mögedies schöne Verhältnis auch fernerhin bestehen, und die vielen Segenswünsche, die zur Einweihungsseier des Gotteshauses zum Ausdruck gebracht wurden, in Erfüllung gehen! Gesterrrich-Nngarn. 2X2 Budapest/ 35. Oktober. Der Bischof des reformierten Kirchendistrikts jenseits der Theiß, Dr. D e s i d e r Baltazar, erläßt in Anbetracht des Beilisprozesses folgende Erklärung: „Ich verurteile den Antisemitismus auf das entschiedenste, in welcher Gestalt und in welchem Grade er sich auch zeige. Denn ich sehe darin die Verfolgung der religiösen Ueberzeugung, also eine brutale Einmischung aus einem heiligen Gebiete, auf welchem das Individuum mit seinem Gotte in freien Verkehr tritt. Es erschwert nur noch die Sünde des Antisemitismus, wenn er sich auf seiten der Christenheit zeigt, also auf einer Seite, wo das Gebot der Liebe zum Nächsten das höchste Gebot ist und bis zur Forderung der Feindesliebe gesteigert ist. Das Judentum hat der Welt den Glauben an einen Persönlichen Gott gegeben, den allergrößten Segen, der die Menschheit aus den Tiefen des Heidentumes bis zum Himmel emporgehoben hat. Daneben hat es den neuzeitlichen Staaten ohne Ausnahme mehr oder weniger einen bahnbrechenden Dienst erwiesen, aus volkswirtschaftlichem, wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete in gleicher Weise. In der Uebung der Wohltätigkeit ist es unvergleichlich beispielgebend. Nicht Tadel, sondern Ruhm gebührt ihm, es ist nicht der Feind, sondern der Freund, Berater und Helfer der christlichen Gesellschaft. Es bedeutet ein vollständiges Verlassen der christlicheil Ideologie, eine absolute Entartung der sittlichen Grundlage der christlichen Liebe, wenn man gegen das Jlldentnm einen Haß hegt, der bis zu der widerwärtigen, ruchlosen Erfindung geht, daß das Vergießen von christlichem Blute als Gebot der jüdischen Religion hingestellt wird. Bis zur Erhebung einer solchen Anklage könnte der religiöse Haß allein nicht genügen. Es gesellt sich dazu der soziale Neid, von dem die Ergebnisse des Schaffens des jüdischen Geistes und Fleißes begleitet sind. Das Geschwür des gehässigen Neides sehe ich in seiner ganzen, abstoßenden Natur in der Kiewer Ritualmordanklage. Wenn ich an der Authentizität der Berichte der Blätter nicht zlveifeln kann, muß ich mit tiefstem Entsetzen, mit dem energischen Protest des Kulturmenschen seststellen, daß die Barbarei des russischen Volkes, die Parteilichkeit der Polizei und die Voreingenoinmenheit der Richter sich mit dem Nimbus der Gottessohnschaft zu umgeben beginnt. Es wäre wahrhaftig Zeit, daß das Konzert der gebildeten Staaten denjenigen Staat zur Verantwortung zieht, in welchem die konfessionelle Gehässigkeit und der soziale Neid als Elemente der Staatsraison gelten." Äirszland. — Kiew, 14. Oktober. Der Gouverneur lud als Vertreter der jüdischen Gemeinde die Herren Rabbiner Gurewitsch und Leo Brodsky zu sich, um ihnen den Auftrag zu erteilen, daß sie auf die jüdische Bevölkerung einwirkendamit keine Exzesse entstehen. Er - drohte zugleich, daß er, im Falle die Juden, die sich angeblich sehraufgeregt gebärden, einen Exzeß provozieren sollten, mit der allergrößten Strenge Vorgehen würde. Er habe auch mit dem Führer der Antisemiten Rücksprache gepflogen und erwirkt, daß auch von jener Seite keine Unruhen verursacht werden. Herr Brodsky 'beruhigte den Gouverneur dahin, daß er, was die Juden betrifft, gewiß keine Exzesse zu befürchten habe. Juden haben noch niemals Pogrome veranstaltet. Er, Brodsky selbst, sei überhaupt dagegen, daß die Juden ihrer Trauer über den Prozeß Ausdruck verleihen, weil es dem alten jüdischen Volke gar nicht gut anstehe, wegen der gegen dasselbe erfundenen Beschuldigungen und Lügen in Erregung zu geraten, zu einer Zeit, da bereits die ganze zivilisierte Menschheit von der -Unrichtigkeit und Grundlosigkeit der Anschuldigungen überzeugt sei. Der Gouverneur bemerkte hierauf, daß die Juden zu unrecht sehr aufgeregt seien. Man beschuldige ja nicht das Gesamtjudentum,- sondern nur eine Sekte, und da könne es wohl sein, daß sich unter den Juden auch eine solche Sekte findet, wie es ja auch bei anderen Völkern verschiedene Sekten gibt. Sehr treffend antwortete hierauf Herr Brodsky: Den Trost, den man uns damit bieten will, daß es sich nicht um das jüdische Volk, sondern nur um eine Sekte handle, weisen wir zurück. Wir sind eine einheitliche Religion, bei uns gibt es keine Kasten und Sekten; Chassid heißt bei uns ein guter,, frommer Jude, und in unseren Gebeten wird der Herr der Welten auch Chassid genannt. Mit demselben Grunde, mit welchem Beilis jetzt auf der Anklagebank sitzt, hätte man auch mich, Leo Brodsky, auf die Anklagebank setzen müssen. Der Gouverneur unterbrach hier Herrn Brodsky und sagte scharf: Lassen wir diesen religiösen Disput. Ich wiederhole nochmals mein Ersuchen, Sie mögen auf die jüdische Bevölkerung einwirken und sie beruhigen. <rxr> Kiew, 15. Oktober. Die Freitagnummer der hier erscheinenden konservativ-antisemitischen Tageszeitung „Kiewljanin" ist wegen eines Artikels gegen die Inszenierung des Prozesses Beilis konfisziert worden. „Seit dem Prozeß Dreysus", heißt es in dem Artikel, hat es keine Affäre gegeben, die die öffentliche Meinung dermaßen erregt hätte. Die Kiewer Staatsanwaltschaft hätte, als sie eine Ausgabe übernahm, die den Gerichtshöfen der ganzen Welt im Laufe von Jahr- Hunderten zu lösen nicht gelungen ist, verstehen müssen, daß sie eine so vollkommene Beschuldigung, eine so festgefügte hätte schaffen müssen, daß sie nicht durch den Widerstand zerschmettert werden kann. Man braucht kein Jurist zu sein, es genügt der gesunde Menschenverstand, um zu verstehen, daß die Beschuldigung gegen Beilis ein Gefasel ist, lUs ein einigermaßen bewährter Verteidiger spielend vernichten kann. Unwillkürlich bedauert man die ganze Kiewer Staatsanwaltschaft und die ganze russische Justiz, welche vor dem Urteil der gesamten Welt mit so ärmlichem Gepäck äufzutreten wagt, gegenüber einer Kontrolle von Millionen menschlicher Geister, gegenüber einem Volk von solcher Energie, daß es Tote erwecken kann. Wir werden unausgesetzt wiederholen, daß eine ungerechte Sache die gewünschten Früchte nicht bringen wird. Was ist uns Beilis? Ihr sagt, wir wollen bloß den Ritualmord erweisen, mögen sie Beilis sreisprechen. Ihr bringt aber selbst Menschenopfer, mag auch Beilis noch so klein sein, ihr habt nicht das Recht,.ihn als Kaninchen zu betrachten, das aus den Seziertisch gelegt wird. Es gibt Tempel, die man nicht ungestraft zerstören darf." Der „Kiewljanin" weist dann aus verschiedene terrorisierende Akte der Staatsanwaltschaft hin. Dank dem Staatsanwalt Tschaplinski sei Hischtschuk, der frühere Chef der Detektivpolizei, von der Voruntersuchung ausgeschaltet und schwer bestraft worden. Seinen Nachfolger Krasowsky, der ebenfalls den Nitualmord ablehnte, habe ein ähnliches Schicksal getroffen, und die Polizei habe es verstanden, jeden, der nicht nach ihrem Wunsche handle, ins Gefängnis zu bringen. Nur unter solchen Bedingungen konnte die Version,. Beilis habe einen Ritualmord verübt, triumphieren. Der Redakteur des genannten Blattes, der bekannte konservative Dumaabgeordnete Schulgin, wird wegen des obigen Artikels gegen, den Prozeß Beilis gerichtlich verfolgt werden. Die betreffende Nummer des - „Kiewljanin" wird bereits mit zehn Rubel pro Exemplar bezahlt. Von MH und jfern. — Dem Vorsitzenden des Vereins für Kindervolksküchen und Vvlkskinderhorte, Herrn H e r m a n n A b r a h a m, der kürzlich, durch den Tod seiner Gattin in Trauer versetzt wurde, ist folgendes Schreiben aus dem Kabinett der Kaiserin zugegangen: „Ihre Majestät die Kaiserin und Königin haben mit lebhaftem Bedauern die Mitteilung von dem Ableben Ihrer Frau Gemahlin entgegengenvmmen und werden ihrem vielseitigen gemeinnützigen Wirken . ein gnädiges Andenken bewahren, v. Spitzenberg." — Herrn Justizrat M a x F u ch s in Berlin ist der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Wie wir vor kurzem bereits mitgeteilt chaben, werden Zuhörerkarten zur H a n p t- Versammlung 'des Verbandes d er Deutschen Juden in Hamburg im Bureau der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg, Kaiser-Wilhelm-Straße 93, vom 26. Oktober an, vormittags 10 bis 1 Uhr, ausgegeben. Im Bureau des Verbandes in Berlin, Potsdamer Straße 45, werden Karten bereits vom 19. d. M. an (aber nur bis zum 1. November) zu haben sein. — Die Frauenh och schule Berlin E. V., Augsburger Straße 43, hat ihr reichhaltiges Programm durch neue „öffentliche Vorlesungen" für Damen und Töchter ausgestaltet. Herr Universttätsprosessor Dr. Broesicke, Prosektor am Königlichen anatomischen Institut, ' liest: Anatomie und Hygiene. Frau Dr. med. Kassel- Mühlselder liest: Seelenleben des frühen Kindesalters.- Besonders sei auf den M u t t e r k n-r §, den Samariterkurs itntT die interessanten Hygienekurse hingewiesen. Reger Teilnahme erfreut sich das G e s u n d h e i t s t u r n e n von Margarete Z ü r n. Im Aufträge des Wirtschaftlichen Verbandes deutscher Zahnärzte liest Zahnarzt . C o h n über Zahnhygiene. — Aus Lissa v. P. wird uns geschrieben: