Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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gemeinde Köpenick und auch wohl alle Juden dürfen stolz darauf sein, einen solchen Mann, in ihren Reihen gehabt zu haben. W. Posen, 15. Oktober. Am 5. d. M. fand in der Nitsche- Flatauschen Erziehungsanstalt, für verwaiste Mädchen eine erhebende Seelengedenkfeier für die verstorbenen Stifter der Anstalt statt. Die Allla war mit Blinnen und Topfgewächsen geschmückt, an den Wänden prangten die Bilder der Stifter und Stifterinnen des Wohltätigkeitsinstituts. Nach einleitendem Präludium wurde das Minchagebet verrichtet. Ein aus Damen und Herren der Gesellschaft bestehender gemischter Chor sang sodann unter Leitung des Musikdirektors Berggruen Psalm 103, 15 bis 1?, und anknüpsend oii das Gebet eines Waisenmädchens ' für die Heimgegangenen Wohltäter der Anstalt, richtete das Vorstandsmitglied Herr Manasse Werner eine zu Herzen gehende Ansprache an die zahlreich Erschienenen, ausgehend von den Neujahrstagen nnd dem Versöhnungsfeste, und führte einige Midraschstellen an, die er sinnreich beleuchtete. Aiit einem Gebet für das Seelenheil der dähingeschiedenen Wohltäter schloß der Redner seine eindrucksvollen Ausführungen. Auch der früheren Leiterin, Fräulein Nanny Fuchs, aus der Anstalt hervorgegangen, welche 18 Jahre hindurch in treuer Hingebung und mit Umsicht ihres Amtes gewaltet, sowie auch der vor einem Jahre verstorbenen Schülerin Betty Jüttner, 12% Jahre alt, die sich durch - rühmenden Fleiß und musterhaftes Betragen ausgezeichnet, wurde ehrend gedacht. Nach Beendigung der Feier wurden die Räume der Mädchenwaisenanstält unter Führung des Herrn Manasse Werner von den Gästen besichtigt. M. Hamburg, 15. Oktober. Im Jüdisch-Wissenschaftlichen Jugendverein hielt der Syndikus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Herr D r. N. M. N a t h a n einen Vortrag über das Thema: Die Wissenschaft im Dienste des Judentums. Der Redner ging aus von dem Kampfe zwischen Wissen und Glauben, der so alt sei als das Menschengeschlecht, und der zu allen Zeiten und bei allen Völkern tragische Opfer gefordert habe. Auch dem Judentum sei dieser Kampf nicht fremd, von dem Prediger der Bibel führe er über Elisa ben Abnja hin bis zu Spinoza, der einer der größten Geister gewesen sei, die das Judentum hervorgebracht, und den es doch von sich habe stoßen müssen; und noch in unserer Zeit habe Karl Emil Franzos in seiner Novelle „Der Galilei von Barnow" an einem zwar kleinen Beispiele die Tragik dieses Kampfes geschildert. Der Redner wies dann nach, wie sich Zwischen Glauben und Wissen ein Ausgleich recht wohl ermöglichen lasse, und daß eine Kampfesstellung gegen die Wissenschaft im Judentum sich schon wegen der großen Dienste, die sie dem Judentum geleistet, nicht rechtfertigen lasse. Auf dem Gebiete der Bibelforschung habe die Wissenschaft die unvergleichliche Hoheit der biblischen Gotteslehre erwiesen, die weltgeschichtliche Bedeutung der biblischen Helden dargetan, die Geschichtlichkeit vieler Ereignisse und Persönlichkeiten erwiesen, von denen in der Bibel die Rede sei, und durch die vergleichende Sprachforschung sowie die vergleichende Religionswissenschaft und die orientalischen Ausgrabungen sei die Bibelwissenschaft unendlich befruchtet worden. Auf dem weiten Gebiete der Tnlmudforschung habe die Wissenschaft vieles zu seinem sprachlichen Verständnis und zu der Kenntnis der Rechts- und Volksbräuche beigetragen; insbesondere sei es hier der ungeahnte Aufschwung der Keilschrift- und Papyrusforfchüng, dem die Wissenschaft vom Talmud vieles verdankte. Die neutestamentliche Forschung sei eine einzige große Rechtfertigung des . Judentums;' sie habe die religiöse Größe des jüdischen Volkes zur Zeit der Entstehung des Christentums, die Schuldlosig-keit'der Juden an dem Tode des Stifters der christlichen Religion und die Unmöglichkeit der Begründung der christlichen Dogmen aus der Bibel überzeugend erwiesen. Endlich habe die Wissenschaft den Juden in ihrem Kampfe um die Emanzipation die größten Dienste geleistet. Hier erwähnte der Redner das Jugendwerk Ludwig Philippsons über den Verlust des römischen Bürgerrechts durch die Juden, die Arbeiten von Zunz und Frankel. Auch im Kampfe gegen den Blut- und Hostienschändungsaberglauben habe die Wissenschaft dem Judentum unendlich genutzt. So erweise sich die Wissenschaft, von der schon die jüdischen Weisen sagen, daß es etwas Großes um sie sei, weil die Bibel sie zwischen zwei Gottesnamen erwähne, als die mächtigste Helferin und Förderin unserer Religion, und sie zu fördern und ihr sich zu widmen, müsse Aufgabe eines jeden bewußten Juden sein. — Die Ausführungen des Redners fanden lebhaften Beifall. §2 Nürnberg, 15. Oktober. Am letzten Montag fand die feierliche Ueberreichung der durch Beschlüße der städtischen Kollegien dem Herrn Komm.-Rat Wilhelm v. Gerngroß anläßlich seines 70. Geburtstages und in Würdigung seiner großen Verdienste um die.Förderung aller gemeinnützigen, wohltätigen und künstlerischen Unternehmungen verliehenen goldene n M e d a i l l e der Stadt Nürnberg durch eine städtische Abordnung in der Wohnung des Geehrten statt. Herr Oberbürgermeister Dr. v. Schuh würdigte in einer Ansprache das überaus verdienstvolle Wirken des Herrn Komm.-Rats Wilhelm v. Gerugroß in der Stadt Nürnberg, übermittelte die Glückwünsche der städtischen Kollegien und sprach den Wunsch aus, daß der Geehrte noch recht lange, sich voller Gesundheit erfreuen möge. Herr Komm.-Rat Wilhelm v. Gerngroß dankte in bewegten Worten für die ihm erwiesene hohe Ehrung und Auszeichnung. Herr v. Gerngroß hat anläßlich seines 70. Geburtstages u. a. auch die jüdischen Wohlfahrtsvereine Nürnbergs reich bedacht. A. A. Arnstadt, 15. Oktober. Am 26. v. M. fand hier die Einweihung der neuen Synagoge statt. ' Zur Einweihungsfeier versammelte sich nachmittags um 5 Uhr die Synagogengemeinde mit einer kleinen Zahl geladener Gäste, darunter die Herren Geheimer Oberregierungsrat Dr. Langbein als Vertreter Seiner Durchlaucht des regierenden Fürsten, Geheimer Regierungsrat -Kammerherr v. Bloedau als Vertreter des Fürstlichen Staatsministeriums, Geheimer Regierungsrat Oberbürgermeister Dr. B i e l s e l d und Kommerzienrat Kiesewetter als Vertreter der städtischen Kollegien, Landtagsäbgeordnetcr Kommerzienrat Ri eck, die Leiter'der städtischen Schulen, Architekt Schwarz, der Schöpfer des Entwurfes, und die Handwerker des Baues vor der Tür des neuen Gotteshauses. Fräulein Käthe R o s e n b a u m begrüßte die Festgemeinde mit einem sinnigen, von Frau Ledermaun verfaßten poetischen Gruß, übergab dann auf seidenem Kissen Herrn Geheimen Regierungsrat Dr. Bielseld den Schlüssel und bat ihn, das neue Gotteshaus der israelitischen Gemeinde in den Schutz der Stadt zu übernehmen. Der Oberbürgermeister erklärte darauf, daß er dies gern tue und nur wünschen wolle, daß von der Synagoge für die Stadt und ihre Gemeinde reicher Segen ausgehen möge. Dann reichte er den Schlüssel deni Vorstand der Synagogengemeinde, Herrn Kaufmann Max Ledermann. Nachdem sodann Herr Geheimer Regierungsrat Kammerherr v. Bloedau die Wünsche der Staatsregierung übermittelt hatte, ergriff Herr Kaufmann Ledermann das Wort, um zunächst Sr. Durchlaucht dem Fürsten, der Staatsregierung und der Stadt warm zu danken fürdie Entsendung von Vertretern, die er namens der Synagogengemeinde herzlich willkommen hieß. Das Erscheinen der Herren bekunde aufs neue, daß Staat und Gemeinde ihren Angehörigen, gleichviel welcher Konfession, gleiches Recht zukommen lassen. Die hiesige Geistlichkeit habe dagegen mit Bedauern es abgelehnt, an der Einweihungsfeier teilzunehmen, was gleichfalls die israelitische Gemeinde lebhaft bedauere. Nach diesen Worten schloß Herr Ledermann die Synagogentür auf, und es erfolgte unter Orgelklang der Einzug der Festgemeinde, der die Thorarollen vorangetragen wurden. Daraus wurden die Förmlichkeiten des Anzündens der ewigen Lampe und des Einhebens der Thorarollen vollzogen. Als dann der Psalm, 100 verklungen war, bestieg als erster Prediger Herr / Landrabbiner Fr ün ke l die Kanzel, um die Festpredigt'zu halten: ,Das ist ein Tag, den Gott geweiht! Laßt uns fröhlich sein und uns freuen usw? Die israelitische Gemeinde muß große Genugtuung und Freude fühlen, daß ihr . ein eigenes Gotteshaus geworden ist. Ein schönes Werk ist geschaffen worden, das. Gottes Hand sichtbar gefördert und gesegnet hat. Möge der Segen des himmlichen Allvaters stets auf diesem Hause ruhen, möge er segnen die Kinder, die in ihm ausgenommen werden in den heiligen Bund, und die ihr Gelübde, dem Glauben .der Väter treu zu bleiben, hier vor dem Altar bekräftigen wollen. 'Unser Gotteshaus ist eine Kultstätte der Menschheit, eine Zierde der Stadt. Sie soll auch eine Stätte des Segens.für die Stadt sein und in ihr stets Gerechtigkeit, Menschenliebe und Sittlichkeit gepredigt werden. Die Liebe zum Vaterhaus und engeren und weiteren Vaterland sei hier immer verkündigt." — Nach dieser eindrucksvollen Predigt sprach Herr Landrabbiner Fränkel das Weihegebet und erflehte Gottes Segen für die neue Synagoge und ihre Förderer. Nachdem alsdann der Psalm 150 gesungen war, sprach Herr Kantor H e i l b r u n n ein Gebet, das eine Fürbitte für- Kaiser und Landesherrn, Fürstenhaus, Vaterland, Staat, Stadt und Gemeinde in sich schloß. Die neugebaute Synagoge hat nun in Gegenwart der Staats¬ und städtischen Behörden ihre Weihe empfangen. Gerade die Teil-