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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-22 · Heft 43 (22.10.1913) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 43 (22.10.1913)
Date
1913-10-22
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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516 schwarze behängte Wagen; man trug Cäcilie heraus; nur der Geistliche und ein Paar Kollegen ihres Mannes, denen ich mich anschloß, folgten dem Sarge. Waps die Erschütterung, war's der epidemische Charakter der Krankheit, es warf mich nieder, und als ich nach zwei Monaten, noch recht schwach, nach der Ngnesstraße ging, um nach dem Kinde zu sehen, wohnten fremde Leute im Hause, die über den Verbleib des Söhnchens nichts Näheres anzugeben wußten. Ueberdies war mein Urlaub abgelaufen; ich kehrte in meine Garnison zurück. Glauben Sie nun wirklich, daß ich mich täuschen könnte, und daß Cäcilie Berg ihren Onkel Max geheiratet hat?" Der Oberstabsarzt intervenierte: „Sie sagten doch, Herr Oberst, daß Äe in Breslau bald nach Ihrem Eintreffen schwer erkrankten. Wäre es nicht möglich, daß Ihre Erinnerung an das Begräbnis Ihrer einstigen Braut auf eine Fieberphantasie zurückzuführen ist?" „Was ist nicht alles möglich," brauste der Oberst aus. „Fieberphantasie! Ist dies Bild, von dem ich mich nie getrennt habe, auch Fieberphantasie?" Und er zog eine kleine Photographie heraus, die der Kreisrichter sofort als vollkommen übereinstimmend mit derjenigen erklärte, welche er als Knabe von feinem Vater in einem Medaillon geschenkt erhalten habe. „Ich meinte auch nicht," sagte der Arzt, „daß Sie sich bezüglich Ihrer Verlobung geirrt hätten, ich meinte dies nur bezüglich des Vorgangs, der Ihrer schweren Erkrankung unmittelbar voranging; hierbei gerade wäre doch die Fieberillusion nicht ganz ausgeschlossen." „Ach was," rief der Oberst heftig, „Fieberillufion hin, Fieberillusion her. So lange ich nicht mit eigenen Augen in Ihrem Taufschein, Herr Kreisrichter, gelesen habe, daß Sie der Sohn von Cäcilie und Max sind, solange traue ich nur meiner eigenen Erinnerung, in der ich Cäcilie nun bald dreißig Jahre beträure." „Der Taufschein," rief der Oberstabsarzt vergnügt; „ja wahrhaftig, der muß ja den Streit sofort entscheiden. Daß ich auch nicht vorhin schon darin gedacht habe! Sie haben, Herr Kreisrichter, Ihre Papiere-ja hier; bei dem letzten Briefe Ihres seligen Herrn Vaters wird wohl auch der Taufschein nicht fehlen." „Und doch fehlt er," versetzte Felseck, „sind doch bei dem Brande von Schwarzenberg Schloß und Kirche vollständig niedergebrannt und damit auch unsere wichtigsten Familienpapiere. Zivilstandsämter gab es zur Zeit meiner Geburt noch nicht." „Seltsam," meinte der Oberst. „Fatal," sagte der Oberstabsarzt. „Ja, meine Herren, es ist fatal. Hier sind meine höchsteigenen Personalakten, die ich als junger Referendar für mich selbst angelegt habe." Dabei nahm er aus dem Schreibtisch ein ziemlich umfangreiches Aktenfaszikel. „Hier sind meine drei Patente, als Offizier, als Assessor und als Kreisrichter, hier" — und dabei blätterte er zurück — „die vidimierte Abschrift meines Abiturientenzeugnisses, hier alle Schulzeugnisse vom Gymnasium in chronologischer Reihenfolge, hier das Testament und der Totenschein meines seligen Vaters; alles ordnungsmäßig; nur den Taufschein habe ich trotz aller Mühe auch in Abschrift mir nicht beschaffen können, da ja mit Kirche und Pfarrhaus auch die Kirchenbücher verbrannt sind." „Aber Sie müssen doch den Taufschein bei dem Eintritt in den Staatsdienst eingereicht haben?" „Bewahre, da genügen die Exmatrikel, das gesetzliche Wohlverhaltungsattest und der Sustentationsschein des Vaters." „Aber für die Immatrikulation?" „Wurde nur das Maturitätszeugnis gefordert." „Nun, zur Aufnahme ins Gymnasium war doch der Taufschein notwendig?" „Ganz recht, und so glaubte ich auch von dort ihn sicher zll erhalten. Ich schrieb daher, als ich mir diese Personalakten anlegte, an den Direktor; der teilte mir aber mit, daß sein verstorbener Vorgänger, unter dem ich ausgenommen worden, etwas vergeßlich gewesen und die Einforderung der vorgeschriebenen Papiere mehrfach unterlassen habe, und so sei es auch in meinem Falle geschehen." „Nun, zum Freiwilligendienst," rief der Oberst, „muß der Taufschein eingereicht werden, das weiß ich ganz genau." „Ja, Herr Oberst, das war auch meine letzte Hoffnung, vom Regiment oder von der Kommission, die den Berechtigungsschein zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst erteilt, eine Abschrift zu bekommen. Aber auch von da teilte man mir mit, daß durch ein unaufgeklärtes Versehen der Taufschein fehle." „Sie müssen doch bei der Meldung alle Papiere eingereicht haben?" „Pardon, Herr Oberst; ich war gerade auf meiner ersten größeren Reise in Italien, als mir Papa schrieb, die Meldung sei nötig; er würde alles Erforderliche selbst von Wiesbaden aus besorgen; ich solle nur die beigefügte Eingabe unterzeichnen und ihm schleunigst zurücksenden." * „Und beim Eintritt ins Regiment, und als Sie sich zur Wahl stellten, ist niemals von dem Fehlen des Taufscheins gesprochen worden?" „Niemals." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mittrilungm. Diskussion. Monatsschrift für aktuelle Kulturfragen. Herausgeber Hans O st w a l d. Das vorliegende Heft 1, 1913, enthält unter dem Titel „Sexuelle Enthaltsamkeit" eine Zusammenstellung von eingehenden Aeußerungen bedeutender Männer, wie der Professoren Eulenburg, Forel, Nyst.röm, Touton, Kafemann u. a., ferner von Dr. Magnus Hirschfeld, Dr. Max Markuse u. ä. über die Frage der sexuellen Enthaltsamkeit, die — nach dem fast übereinstimmenden ärztlichen Urteil — nicht grundsätzlich und allgemein, sondern nur nach Geschlecht, Lebensalter und Veranlagung, Temperament und Charakter, Erziehung und Lebensumständen, also individuell zu beantworten ist. Gefahren können sowohl aus einem Zuwenig wie einem Zuviel hervorgehen, aber darüber besteht keine Meinungsverschiedenheit, daß eine Gesundung des Geschlechtslebens überhaupt sich nur durch ein zielbewußtes Zusammenwirken von Eltern, Schulbehörden, Lehrern, Geistlichen und Aerzten herbeiführen läßt. Von Interesse ist besonders der Hinweis von Forel, daß bei den Hebräern, zumal bei den Essenern, vielfach' die Anschauung vorhanden war, die Ehe sei unrein, was offenbar einen großen Einfluß auf das Christentum übte, so daß Paulus das Zölibat für höher erklärte als die Ehe, und bei den. Kirchenvätern die Idee sich bildete, die Unterdrückung aller Sinnlichkeit sei eine himmlische Kardinaltugend, worin wohl auch das Priesterzölibat wurzelt. Jedem, der sich für die so überaus wichtige, jetzt so viel behandelte Frage der sexuellen Enthaltsamkeit interessiert, ist das Buch wärmstens zu empfehlen. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l, Lissa. Letzte Nachrichten. Aus London wird unter dem 18. Oktober gemeldet: Die amtliche Veröffentlichung der Zustimmung des Königs zur Ernennung Sir R u s u s I s a a c s zum Lordoberrichter erfolgt Anfang nächster Woche. Damit gelangt Sir Rufus zugleich ins Oberhaus. Die ausgezeichnete juristische Zeitschrift „Law Journal" bespricht die durch den Rücktritt Lord Alverstones notwendig werdenden Ernennungen. Sir Rufus Jsaacs wird zum Lord Chief Justice, Sir John Simons an seiner Stelle zum Generalstaatsanwalt und Buckmasters an Stelle Simons zum Solicitor General ernannt. Das Blatt sagt, alle diese Ernennungen fänden den vollen Beifall des Richter- und A n w al t st an d e s. Sir Rufus Jsaacs ist der e r st e Israeli t, der den hohen Posten des Lordoberrichters bekleidete

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