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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-22 · Heft 43 (22.10.1913) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 43 (22.10.1913)
Date
1913-10-22
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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reich, voll feiner Details, oft bis zum Entzücken reizvoll. Schiff war lein Durchschnittsmensch undkein Durchschnittspoet. Ich weiß nicht, ob das Judentum auf ihn stolz sein will, ob Man objektiv genug ist, die Ehrlichkeit seiner Anschauungen soweit gelten zu lassen, um das Feindliche darin, wenn schon nicht zu übersehen, so doch zu vertragen. Aber ob man nun für Schiffs Bekämpfung jüdischer Auswüchse seiner Zeit etwas übrig hat oder nicht, den.Dichter dürfte gerade die deutsche Judenschaft, die ja vieles von dem, was Schiff erstrebte, in die Tat umgesetzt hat, niemals verkennen! Da es heute erfreulicherweise kein Ghetto mehr gibt, müßte damit auch alle Freude an religiösen Verfolgungen gefallen sein. Und anderes erreichen, wollte Schiff ja im Grunde nicht! Wer aber kein Freund von literarischen Glaubenskämpsen ist, der erbaue sich wenigstens an Schiffs tendenzlosen Büchern! Er hat ihrer mehr als genug geschrieben; sie sind alle rein und fein, voll stimmungsvollster und anziehendster Einzelheiten. Sein „Gevatter Tod", seine „Aristokraten", seine zu den besten dieser Art gehörigen Märchen „Alban und Alba", „Der Kristall" und viele andere sind eine Lektüre, die stark zu fesseln vermag. Mag man den antijüdischen Tendenzdichter verwerfen, den.deutschen Poeten Schiff sollte man durch völliges Verkennen und Ignorieren nicht um seinen wohlverdienten Nachruhm bringen! Es ist ja das einzige, was dem vom Leben schwer geprüften Manne noch zuteil, werden kann! Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XVII. bsolut. Ich bin der Sohn des Rittmeisters v. Felseck; meine Mutter Cäcilie. v. Spitzau starb im Alter von 20 Jahren, nur sechs Monate nach meiner Geburt, und bei dem jugendlichen Alter, in dem sie starb, ist es doch so gut wie ausgeschlossen, daß sie vorher bereits einmal verheiratet gewesen; ich habe auch von einer anderen Ehe meiner Mutter niemals ein Wort vernommen." „Aber der Oberst behauptet" — „Nun was?" „Ich muß wirklich sehr um Entschuldigung bitten, falls Ihnen meine Einmischung indiskret erscheint." „Ganz und gar nicht; jetzt bin ich selbst wirklich gespannt. Was behauptet also unser guter Konfusionarius?" „Er behauptet, bei der Beerdigung der jüngsten Tochter des Landrats v. Spitzau zugegen gewesen zu sein." „Ich sehe nicht ein, was die Anwesenheit des Herrn Obersten bei dem Begräbnis meiner seligen Mutter an der Sache ändert." „Hm, hm, der Herr Oberst ist nun der offenbar irrtümlichen Ansicht, daß die ihm von ihrer Kindheit an wohlbekannte Cäcilie v. Spitzau, deren Beerdigung er beiwohnte, in dem von Ihnen erwähnten jugendlichen Alter nicht als >die Gattin des Herrn Rittmeisters Freiherrn v. Felseck, sondern als Witwe eines Stadtrichters namens Berg gestorben ist." . Der Freiherr lachte herzlich. „Berg ist gut, Stadtrichter ganz sanros. Der Herr Oberst sollte wirklich zum Konfüsions-, rat ernannt werden' und seine militärische Laufbahn beschließen." „Es tut mir um ihn leid; ich fürchte, er verliert sein bißchen Verstand, falls ich ihm unrecht gebe. Aber noch eins; er klammert sich an einen Strohhalm, um sich zu retten." „Und dieser Strohhalm?" . „Sie haben ihm von dem Tode Ihres Vaters '-erzählt und dabei von einem unvollendeten Briefe gesprochen, den er unmittelbar vor seinem Tode an Sie gerichtet hat. Der Oberst meint, daß sich in diesem Briese eine Aufklärung finden müsse. Darf ich Sie nun fragen, was dieser Brief enthält?" „Nichts, als die Anrede: Mein geliebter Sohn. Ich habe den Brief als teure Reliquie immer bei meinen Papieren. Wenn es Sie also beruhigt" — er ging zum Schreibpult und nahm ein Aktenstück heraus — „sehen Sie selbst." „In der Tat; armer Oberst, nichts als die Ueberschrift und das Datum: Wiesbaden, den 9. August." „Ja, es war am Tage meiner Großjährigkeit." „Und Sie waren damals selbst in Wiesbaden?" „Gewiß; wir hatten zuvor zusammen getäfelt und etwas kräftig getrunken." „Und Sie wollten in Wiesbaden bleiben?" „Ja, bis zum Semesterbeginn Ende Oktober." . „Ist es nicht etwas eigentümlich, daß Ihr Vater Ihnen schreiben wollte, nachdem er Sie soeben gesprochen hatte, während er doch jeden Augenblick Sie wieder hätte sprechen können?" „Keineswegs; es war das so seine Art und Weise, mir ernstere Ratschläge, größere Geschenke und auch wohl kleine Verweise schriftlich zu erteilen. Er war mit der Feder gewandter als mit dem Wort." „So ist dem Obersten nicht zu helfen. Darf ich ihm den Brief zeigen?" „Gewiß." „Ich bringe ihn in ein paar Minuten zurück." Es verging indes über eine Viertelstunde, ehe der Oberstabsarzt mit dem Briese wiederkam, und der Oberst folgte ihm auf dem Fuße. Er sah echauffiert und verstört aus, und mit heiserer Stimme begann er: „Verzeihen Sie, wenn ich nochmals eingedrungen bin; aber die Sache ist für mich zu ernst, als daß ich nicht die konventionelle Rücksicht beiseite setzen müßte. Ja, Herr Kreisrichter, Sie sind trotz dieses leider weiß gelassenen Blattes nicht der, für den Sie sich halten. So wahr ich der Oberst v. Sporn bin, so sind Sie entweder nicht der Sohn meines Jugendfreundes Max v. Felseck, oder Sie sind nicht der Sohn Eäciliens v. Spitzau." „Wie können Sie das behaupten, Herr Oberst? Ich muß doch meine Abstammung genauer kennen als ein Fremder." '„Als ein Fremder," wiederholte der Oberst bitter. „Cäcilie v. Spitzau war mein/ verlobte Braut, und um ihretwillen brach ich mit Max, der seine reizende Nichte auch heiß liebte und sich Hoffnung auf ihre Hand gemacht hatte. Schon dachten Cäcilie und ich an das Aufgebot, da kam Assessor Berg in unsere Stadt und wurde ihr vorgestellt; sie fand ihn geistreich undzeichnete ihn aus. Meine Eifersucht kannte keine Grenzen; ich forderte ihn vor die Pistole und verwundete meinen Gegner, wenn auch nur leicht. Sie schickte mir darauf den Verlobungsring zurück; ich gab sie frei und nahm verzweifelt Urlaub nach Spanien und der Türkei. Als ich nach zwei Jahren zurückkehrte, hörte ich, daß der Landrat v. Spitzau und seine Gattin gestorben, Cäcilie den Assessor bald nach seiner Anstellung geheiratet, aber voi> kurzer Zeit durch den Tod verloren habe und nun in der Provinzialhauptstadt, wo ihr Mann Stadtrichter geworden, als Witwe lebe. Ich wagte, neue Hoffnungen auf die Zukunft zu setzen und fragte sie an, ob sie mich Wiedersehen wolle. Die Antwort war nicht sehrermutigend, aber auch nicht gerade abweisend; sie sprach von ihren Pflichten gegen ihr Kind und -ihren ungünstigen Vermögensverhältnissen. So entschloß ich mich, nach ihrem Wohnort zu fahren. Es war im Jahr der großen Choleraepidemie; vor dem bescheidenen Hause, in dem sie wohnte, hielt der

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