Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Herrscherstolze nun wenig schmeicheln, in Europa nur noch für Portier- und Nachtwächterdienste bestimmt zu sein — auch wenn es an der Hohen Pforte und am Goldenen Hornist. Aber schließlich war das doch der einzige Weg, der zu einem erfolgversprechenden Resultat führen konnte. ' (Fortsetzung folgt.) tzrrmsmi Schikk. Von Professor Dr. Friedrich Hirth (Wien). (Schluß.) . chiff ist der größte literarische Sonderling, den die deutsche Literatur kennt. Er ist kein verkommenes Genie, wie ihn Goedeke nennt, sondern ein schwacher, haltloser, schrullenhafter Mensch, dem die Begriffe Ordnung und Disziplin zeitlebens fremd waren. Auch in seinen Schriften macht sich dieser Hang zum Zügellosen und Extravaganten oft unliebsam bemerkbar. — Eine geregelte Disposition, ein logischer Ausbau ist bei Schiff selten anzutreffen. Immer macht er seine Produkte durch Einschaltungen rmd Binnenerzählungen schwer übersichtlich, immer liebt er breit ausgesponnene Exkurse, die nicht streng' zu den Themen gehören. Aber eins ist ihm nachzurühmen: sein prachtvoller, barocker, wilder Humor, der oft in Drastik umschlägt. Ein komischer Roman, wie „Schief- Levinda" (mag man sich zu der Tendenz stellen, wie man will), ist vielleicht ein Unikum unserer Literatur. Schon das Motiv ist unendlich komisch: ein Judenmädchen aus dem Ghetto, das Modell, für ein Madonnenbild steht, und dann auf dem Hochaltar der Kathedrale als Mutter Gottes prangt. Hier zieht die Komik ihre Wurzeln aus dem fundamentalen Kontraste, der ja immer der beste Ausgangspunkt für komische Wirkungen ist. — Allerdings ist das Wesen des Schiffschen Humors nicht zart und fein; er liebt das Wilde, sich Ueberschlagende, Polternde. Aber dieser Humor ist echt, er fließt aus einem — sensitiven Gemüte. Nur Börne ist -ein ähnlich ^ätzender und treffender Witz eigen, wenn auch der Börnes im ganzen etwas signierter ist. Nicht übersehen soll man Schiffs exzellente Kunst der Beobachtung und Charakteristik! Er ist ein vortrefflicher Milieuzeichner, der durchdringend zu sehen gewohnt war; und seine Gestalten sind immer aus dem reichen, buntbewegten Leben glücklich herausgegriffen. Jüdische Bölkstypen und Hamburger Kleinbürger wußte Schiff unendlich plastisch hinzustellen. Sie sind immer Zug um Zug echt; man könnte jeweils ihre Modelle feststellen. Für. Gestalten aus höheren Sphären war Schiff ein weniger glücklicher Zeichner; anscheinend fehlte ihm da jeder persönlicher Umgang. Schiff war ein starker Hasser. Nicht nur dem Judentum stand er durchaus feindlich gegenüber, auch ausgesprochene christenfeindliche Tendenz findet sich (freilich sporadisch und nicht so heftig wie etwa in Heines „Almansor") bei ihm. Aber solche Perioden der Christenfeindlichkeit überwand er jedesmal sehr rasch und suchte sie immer durch erhöhte Betonung der Vorzüge des Christentums vergessen zu machen. Das könnte als Anomalie erscheinen, war aber in Schiffs Wesen tief begründet. Er war ein begeisterter Anhänger der Romantik, die laut zu preisen er kaum in einer seiner Schriften unterließ. Er selbst führte im hohen Alter seine Vorliebe für . die Bilderverehrung und für christliche Legenden (er hat wunderschöne verfaßt) auf den indirekten Verkehr mit Dreck und Schleiermacher zurück. Direkte Zeugnisse für diesen Verkehr ließen sich nicht aufsinden. Aber Schiffs unentwegte Hinweise auf Tiecks Dichtungen können genügend zeigen, wie sehr er für ihn und alle seine Tendenzen schwärmte. Daraus erklärt sich Schiffs eigene Gesinnung völlig. Er wollte nichts anderes sein als ein Fortsetzer und Erneuerer der Tieckfchen dichterischen Tradition, wie sie dieser in seinen jungen Jahren , gepflegt hatte. Und von Bilderverehrung und Verherrlichung christlicher Märtyrer ist ja bei dem jungen -Tieck auf Schritt und Tritt die Rede. So folgte ihm denn Schiff auch auf diesem Wege blindlings nach, und das führte allmählich zu seiner innerlichen Abkehr vom Judentum, die bei dem etwa Achtundreißigjährigen einsetzt, und zwar gerade in der Zeit, als er sich mit der Sammlung jüdischer.Märchen und Erzählung zu befassen begann . . . Verstanden kann also Schiffs „Judenhaß" werden;, ob er entschuldigt werden kann, ist eine andere Frage, die man nicht zu beantworten braucht. Auffallend bleibt freilich, daß Schiff nie etwas Lobenswertes am Judentum oder seinen Bekennern hervorhob. Daß er Zelotismus und Unduldsamkeit . angriff, muß ihm jeder einsichtige Jude zugute halten. Denn damit legte er wirklich den Finger auf offene Wunden. Damit begnügte sich Schiff freilich nicht, sondern er bemühte sich auch, den Weg zur Besserung der jüdischen Verhältnisse zu zeigen. Und der konnte nach seiner Meinung nur der des völligen Aufgehens im deutschen Volke sein, dem er selbst seinen besten intellektuellen Besitz zu verdanken hatte. Für eine Sonderstellung oder Abseitsstellung des Judentums war Schiff nie zu haben gewesen, und selbst von einer Reform des Kultus versprach er sich anscheinend nicht viel. Immer tönt der Leitsatz aus seinen Schriften: Aufgeben der Stammeseigenarten in Denken und Glauben, rückhaltsloses Aufgehen im Deutschtum! Von zionistischer Denkweise sind solche Anschauungen natürlich weit entfernt. Angenehm berührt es bei Schiff, daß er in einer Periode der abgeschmacktesten Sentimentalität, die die Juden literarisch verklärtes, den Mut hatte, gegen diese verlogene Richtung aufzutreten. Er befand sich da mit niemand Geringerem in Übereinstimmung als mit Ludwig Börne, der im (nach der Ausgabe von- Klaar in der Hesseschen Klässikerbibliothek), 57. Pariser Brief (V. Band, Seite 268) eine Novelle von David Rufsa „Jom Kippur" rühmte, in der wir. Schiffs Tendenzen bereits begegnen. Börne meinte, daß „Jom Kippur" das Herz der Juden auflockern solle, damit man nach ausgejäteten Metalliques etwas Liebe und Menschlichkeit hineinsäen könne. Anderes wollte Schiff niemals! Er donnerte nur gegen jüdische Hartherzigkeit, der der Glaube höher steht als die simpelste Menschlichkeit. Und dieser Tendenz kann sich — das darf man wohl ruhig aussprechen — jeder Jude völlig anschließen. — - Schiffs Dichtung ist unserer Zeit völlig verloren gegangen, wie sie eigentlich auch zu seinen Lebzeiten nie stark in Mode war. Den Kennern war er freilich immer lieb und wert. Er fand bei seinen Zeitgenossen die wärmsten Anerkennungen. Nicht so nach seinem Tode! Entweder fehlt in den Literaturgeschichten sein Name völlig, oder sie reproduzieren gedankenlos eine verlogene Charakteristik Karl Goedekes, der Schiff ein Leben hinter Zuchthausmaüern führen und im Armenhause enden ließ. Beides ist unwahr, ebenso wie eine Fülle anderer Nachrichten über den unglücklichen Dichter. Ich habe mich unter Zugrundelegung amtlichen Materials bemüht, alle über Schiff im Umlauf befindlichen falschen Nachrichten aus der Weltzu schaffen. . Zu wünschen wäre nur, daß sich auch das Leserinteresse dem unglücklichen Dichter wieder zuwende. Er verdient' es zweifellos; ist er auch keine abgeklärte, ruhevolle literarische Erscheinung, so ist er doch ein Dichter von starkem Können, freilich noch stärkerem Wollen. Jedenfalls hat er in jedem seiner vielen Bücher etwas zu sagen; ob man dem zustimmt oder ablehnend gegenübersteht — immer ist es geisty Diese sentimentalen Judenromane behagten bekanntlich auch Berthöld Auerbach nicht, der deshalb in seinem „Spinoza" eine Reihe historischer Zeit- und Sittengemälde nach der Natur beginnen wollte.