Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
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513 der Unabhängigkeitserklärung Montenegros und Serbiens und der Ueberlassung des Sandschaks an die österreichische Verwaltung in den Jahren 1878/79 setzte jedoch eine Rückwärtsbewegung der Albaner ein, die es vorgezogen hatten, sich in ihrer türkisch gebliebenen Heimat und teilweise direkt in Kleiniasien anzusiedeln. Wie mm so -geograPhis ch unbestimmt und wandelbar, ist der Begriff „Albanien" auch ethnographisch unsicher und schwankend; erheblich schon hinsichtlich der Abstammung und Nasse, vollends aber gar nach dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Albaner, welche sich ursprünglich als die grimmigsten Feinde der Türken erwiesen und im Jahre 1380 bereits im Verein mit Slawen und Ungarn zum Schutze des Evangeliums gegen den Islam gekämpft hatten, waren nach und nach in überwiegender Zahl zum Mohammedanismus übergetreten und bildeten in der Folge, zumal nach der Ausrottung der Janitscharen, die Kerntruppe des osmanischen Heeres und unter Abdul-Hamid sogar die Leibwache des Padischah. Zwischen diesen beiden Polen ent falteten sich Volkszersplitterung und Stammespartikularismus in erschreckendem Maße, wickelte sich unheilstiftend die ganze Skala religiöser Leidenschaften und politischer Verfolgungssucht ab. Es kämpfte der Norden gegen den Süden, wie der Osten gegen den Westen, und die Christen lagen ebenso in dauernder Fehde mit den Mohammedanern wie die Orthodoxen mit den Anhängern der lateinischen Kirche. Rumänen selbst sind in dem den Türken verloren gegangenen Gebiete kaum in beträchtlicherer Zahl beisammen anzutressen. Verglichen mit den anderen Balkanvölkern, haben sie es zu verhältnismäßig großer Geschlossenheit gebracht und bilden gegenwärtig einen im wesentlichen einheitlich beieinander lebenden Volksstamm. Freilich fallen auch da die geographischen und ethnographischen Grenzen stark auseinander, und über die Schranken hinaus, welche Politische Verhältnisse ihrem Reiche gezogen haben, bewohnen die Rumänen noch die Bukowina, Siebenbürgen, das östliche Ungarn, das nordöstliche Serbien, die bulgarischen Donauufer und Bessarabien, welches sie bereits besessen hatten, aber 1878 wieder an Rußland abtreten mußten. Das ist ein unnatürlicher Zustand, der in Zukunft zweifellos noch von sehr bedenklichen Folgen begleitet sein dürste. Während des letzten türkischen Krieges trat hier allerdings die Nationalitätenfrage nur in mittelbarer Form in die Erscheinung, indem die Rumänen sich ihrer Stammverwandtschaft mit den Kuzo-Walachen als Vorwand zum Eingreifen in die Krise bedienten. Die Kuzo-Walachen oder Zinzaren, wie sie häufig auch genannt werden, weil sie die Zahl „fünf" nicht wie die Rumänen „tschintsch", sondern „zinz" aussprechen, befinden sich in dichtesten Gruppen am See von Janina und im Pindusgebirge sowie, kleine Volksinseln bildend, bei Castoria, Ochrida und Tatarbasardschik, wo sie vorwiegend als Ackerbautreibende und Viehzüchter, teilweise aber auch nur als Hirten leben. Allein selbst da kommen sie fast nirgends rein vor und sind namentlich im Norden mit Albanern und im Süden mit Griechen stark gemischt. Ohne besondere geschichtliche Vergangenheit, zwischen verschiedenen Völkern eingekeilt und mit deren Elementen durchsetzt, wiesen sie so lange weder einen ausgesprochenen Nationalsinn noch überhaupt eigentliche politische Ambitionen auf. Als jedoch die Wogen der Nationalitätenkämpfe auf dem Balkan immer höher zu gehen und einer gewaltsamen Lösung der Schwierigkeiten slutartig zuzutreiben anfingen, begannen um die Wende des Jahrhunderts sich auch seine Fäden zwischen Bukarest und MazÄwnien zu spinnen, die wenigstens so weit gediehen, daß Rumänien jetzt schon „Rechte" geltend machen und in den Streit einzugreisen sich für befugt erklären konnte. Nur wenige winzige Lichtpunkte bot dieses buntscheckige, von schwarzgrauem Hintergrund sich phantastisch abhebende Völkergemälde den Türken. Wenige winzige Lichtpunkte, die noch trüber und nahezu verschwindend erscheinen mußten, wenn man sich vor Augen hält, daß der ideelle Rahmen über diesen Wirklichkeitsausschnitt hinausging und die Schwerkraft des Bildes in fremden Boden pflanzte. Zwischen den der Osmanenherrschaft unterworfenen Provinzen und den jenseits der Grenze befindlichen unabhängigen Stammländern entwickelten sich im Laufe der Zeit auf religiösem, nationalem und sprachlichem Gebiete die regsten Wechselbeziehungen, die in der Folge sich immer intimer, mannigfacher und reichhaltiger gestalteten, so daß der politische Status zuletzt von der Bevölkerung hüben und drüben und nicht zum mindesten .von einsichtigen Türken selbst als ein die längste Zeit gedauertes, dem Untergang geweihtes Anomalon empfunden wurde. ^An sich brauchte also diesen Gebietsverlusten noch keineswegs jene synrptomatische Bedeutung innezuwohnen, als sei damit ein Zersetzungs- und.Auflösungsprozeß der Türkei eingetreten und der völlige Untergang des Reiches zum unabwendbaren Schicksälsschlag geworden. „Ebensowenig wie England seine Selbständigkeit verloren hat, weil es das einst von ihm besetzte Festland bis zur Loire nicht behaupten konnte, Frankreich nicht, weil es auf die Grenzen verzichten mußte, welche Napoleon I. ihm vor 1812 gegeben hat, Schweden nicht, weil es die Ostseeprovinzen verlor, und Deutschland, weil es die Eroberungen des Schwertordens ausgeben mußte" — sagt Freiherr von der Goltz, sreilich nicht ohne Uebertreibung — „ebensowenig kann die Existenzsähigkeit des osmanischen Reiches bestritten werden, weil es einmal eroberte, für seine innere Kraft viel zu ausgedehnte Ländermassen wieder einbüßte." Und versucht man den Dingen aus den Grund zu gehen, wird man vielleicht sogar finden, daß allem Unheil zum Trotz die letzten Ereignisse für die Türkei noch zum Vorteil ausschlagen könnten, indem sie, reinigendem Sturm auf Gewitterschwüle -gleich, aus der Wirrnisse, schier unabsehbaren Fülle-einen Ausweg und vereinfachten Situationsplan zu schaffen angetan sind. Auch hier würde es schließlich heißen: weniger ist mehr. Als ich vor etwa anderthalb Jahren, also lange ehe auch nur erst ein Schatten vom letzten Balkankriege zu merken war, in einer kleinen Studie über die Entstehung des Christentums (erschienen in der Hermann-Cohen-Festschrist Judaica bei Bruno Cassirer) auf die Politischen Bedingungen des alten Israels zu sprechen kam, drängte sich mir unwillkürlich eine Parallele zwischen dem untergehenden jüdischen Staate und dem um seine Existenz ringenden Osmanenreiche aus. „Wie Palästina einst nicht aufgehört hat, infolge seiner günstigen geographischen Lage der Schauplatz fortwährender Kämpfe zu sein, so erregte das Land dev Türken unaufhörlich Neid und Mißgunst, gepaart mit Furcht vor dem Besitzer, bei den anderen Staaten. Konnten diese auch nicht hoffen, Herren des Landes zu werden, so ging ihre Sorge wenigstens dahin, den Besitzer nicht zu mächtig und für sie zu gefährlich werden zu lassen. Und als die Türkei einmal wirklich ernstlich Miene machte, sich aufzurassen, und mit starker, bewundernswerter Geste, die von ebenso außerordentlicher Lebenswie Willenskraft zeugte, sich dazu anschickte, . Versäumtes nachzuholen und Neues und Großes zu leisten — 'sofort waren sie alle zur Stelle, um durch die widerlichsten Manöver ihr Vorhaben zu stören. In einer weniger exponierten Lage hätte das osmanische Volk zweifellos viel ruhiger, sicherer und demgemäß auch weit erfolgversprechender den Regenerationsprozeß an sich vollziehen können." Allein, .solchergestalt fast ist in der Tat bereits die Situation, in der sich gegenwärtig die Türkei befindet. Es mag das Osmanenvolk in seiner Erobererart besonders gekränkt haben, sich aus seiner Machtstellung in drei Weltteilen' immer mehr zurückgedrängt zu sehen, und seinem