Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229113--69861-3282186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
511 haben dem Untersuchungsrichter das gesagt, was er Ihnen sagte?" — Z e üge: „Und Wygranow ebenfalls." — Staatsanwalt: „Da Haben Sie von Polistschuk gesprochen und jetzt auch von Wygranow?" — Z e u g e : W y g r a n o w hat mich auch gelehrt, B eil i s a n z u g e b e n." — Staatsanwalt: „Arrch Wygranow. Ich begreife absolut nichts." Zivilkläger S a m y s l o w s k i macht den Zeugen darauf aufmerksam, daß die ersten fünf Aussagen ziemlich gleichzeitig gemacht wurden, nach einem Jahre habe er vor einem anderen Untersuchungsrichter ausgesagt. Zu dieser Zeit hätten die Detektive ihn nicht mehr verfolgt. Er wäre also unbeeinflußt geblieben, und da habe Zeuge ausgesagt, daß Polistschuk ihn nicht gegen, sondern für Beilis beeinflußt habe. Darauf erwidert der Zeuge: „Ich kann nichts sagen, ich hatte Angst., E s w a r mir s e l b st nicht l i e b." Vom Verteidiger Karabtschewski und dem Vorsitzenden nochmals gedrängt, zu sagen, ob Schenja von einem Manne mit einem schwarzen Bart gesprochen habe oder nicht, sagt Zeuge jetzt: „Er hat davon nur einmal gesprochen." Der Vorsitzende mahnt den Zeugen an seinen Eid und fragt nochmals, ob er gesagt habe, er wolle Mendel in die Sache verwickeln, und Zeuge bejaht es. Verteidiger Grusenberg: „Sie haben es also gesagt. Haben Sie ferner dem Untersuchungsrichter nicht gesagt. Sie hätten den ermordeten Andrjuscha ohne Bücher und Mantel getroffen und die Sachen werden wahrscheinlich bei der Tscheberjak geblieben sein?" Zeuge : „Das habe ich gesagt." — Ve r t e i d i g e r : „Das ist Ihre Vermutung?" — Zeuge: „Ja." Der Verteidiger fragt, ob Zeuge vor dem Verschwinden des Andrjuscha in der Karwoche über das Saizewsche Grundstück gegangen wäre; Zeuge bejaht es; will aber nicht durch den Zaun gegangen sein, sondern beim Vorbeigehen die Lücken im Zaun gesehen haben. Der Verteidiger bittet die Geschworenen, den Teil der Aussage im Gedächtnis zu behalten, wo Schachowskoi sagt, daß Polischtschuk und W y g r a n o w i h n verleitet haben, gegen Beilis auszu sagen. Zivilkläger Sachslowski kommentiert den Ausdruck .„M end e l i n di e Sache h i n e i n z u z i e h e n" dahin, daß Zeuge n u n mehr die Wahrheit über Beilis nicht verhehlen wollt e. Der Verteidiger Sarodny macht die Geschworenen auf den eigentümlichen Zug des Zeugen aufmerksam, der seine Aussagen s o r t w ährend ander t, so daß sogar in ein und demselben Protokoll des Untersuchungsrichters seine Au s s a ge.n einander w i ders p r echend vier-.bis fünfmal variieren. Der Verteidiger Grusenbergi Littet die Geschworenen, im Gedächtnisse zu behalten, daß Schachowskoi in seiner Aussage gesagt hat, e r w o l l. t e aus R a ch e d e n B e i l i s i m d e n P r o z e ß hineinziehen. Ferner macht er daraus aufmerksam, daß der Zeuge zugegeben hat, daß er u n d die T s ch e b erjaks Beilis kannten — sowohl dem Namen als dem Aussehen nach, Die Aeußerungen des Zeugen machen tiefen Eindruck. 15. O k t v b e r : Der Hausknecht Paptschuk von der Fabrik Saizews sagte aus, die Kinder hätten häufig auf der Lehmkneterei im Fabrikhofe geschaukelt, sobald Beilis sie jedoch anschrie, seien sie davongelausen. Von Juden Hütten auf dem Fabrikhose nur der Verwalter Dubowik und Beilis gewohnt. Den letzteren habe Schneerson, der bartlos war, häufig besucht. Im März hätte dort auch der Sattler Bvrko G u l d k a gearbeitet. Schneerson sagte, von der Auffindung der Leiche habe er erst aus den Zeitungen erfahren. Er selbst habe Juschtschinski, Schenja' Tscheberjak und die anderen Knaben nicht gekannt. , . Baruch Satzew, ein Enkel Jonas Saizews, erklärte, die beiden Juden O e t t i n g e r und Land a u seien Verwandte von ihm. Oettinger stamme aus Galizien und sei im Januar in Kiew zum Besuch gewesen. Während der Verlesung der Briefe des Beilis, die er im Gefängnis geschrieben hat, sägte Beilis aus, er habe den zweiten, durch Kozatschenko beförderten Brief, ohne ihn durchzulesen, unterschrieben. Der Gehilfe des Gesängnisdirektors K r u P i n.s k i und der Gefangenaufseher O-meljanowski stellen fest, daß der Brief des Beilis, der bei Kozatschenko konfisziert wurde, der Frau Beilis durch einen verkleideten Aufseher eingehändigt worden sei, nachdem man das Schreiben vorher, um es dem Untersuchungsrichter vorzuzeigen, kopiert hatte. In der gestrigen Abendsitzung wurde die Geschichte zweier Br i e f e erledigt, die Beilis durch die Vermittlung seines Mitgefangenen K a s a t s ch e nk o a n s e i n e F r a u zu senden versuchte. Beilis beteuerte, er habe dabei keine andere Absicht gehabt, als seiner Frau Nachricht von sich zu geben und sie zu bitten, ihm zu Helsen. Tie Briefe sind übrigens nicht von seiner Hand geschrieben, sondern nur unterzeichnet, da er im Gefängnis seine Brille nicht mit hatte. : Heute suchten Kläger und Staatsanwalt 'Näher, s über die Zubereitung des jüdischen Ost erb rotes zu erfahren, mit der sich Beilis früher im Aufträge eines Fabrikbesitzers beschäftigte. ' Es wurde jedoch festgestellt, daß seit 1907 keine Osterbrote mehr von Beilis zübereitet wurden. 15. O k t 0 b e r : Der Polizeiagent P o l i t s ch u k verteidigte nachdrücklich aus Grund seiner Ermittelungen die Ansicht, Juscht s ch i n s k i s e i v o n Beilis gemeinschaftlich m i t z w ei anderen Juden ermordet, brachte aber auf Befragen der Verteidiger viele recht gewichtige Verdachtsgründe gegen 1 d Ne Frau Tscheberjak vor. Als ihr Sohn bereits im Todeskampfe lag, sagte sie ihm in Gegenwart des.Zeugen: „Sag ihnen (das heißt dem Kriminalbeamten), sie möchten uns in.Ruh lassen", und bedeckte seinen Mund mit Küssen, um ihn am Sprechen zu verhindern. Die kleine Tochter der Frau Tscheberjak, Ludm illa, wiederholte wie eine eingepaukte Lektion ihre Erzählung. Sie und ihre Schwester Walja hätten gesehen, daß Beilis mit zwei Juden Juschtschinski erfaßten. Sie ergänzte aber diese Aussage durch die Erklärung, der Pol i'z eia gen t Politsch'uk habe ihr mit dem Tode gedroht, falls sie gegen Beilis aussage. Da diese Anschuldigung sinnlos war, fiel es besonders aus, daß die kleine Ludmilla bei dieser Aussage sestblieb. Ihre Mutter ging noch weiter. Sie erklärte auch, der Untersuchungsrichter F e n e n k o habe ihr mit dem Tode gedroht. Diese Erklärung rief im Saal große, Bewegung hervor. Dir Schmuckgegenttände in der Synagoge Msmnltrstzr. 'Von B e n a s L e v Y, Berlin. ist eine schöne jüdische Sitte, das Allerheiligste in den Synagogenmit prächtigen Schmuckgegenständen auszustatten. Schon zu den ältesten Zeiten zierten herrsch gestickte Vorhänge den Thoraschrank. Jüdische Frauen und Mädchen wetteiferten darin, mit kunstvoll ausgeführten Handarbeiten die Vorhänge und Decken zu sticken und sie den Gotteshäusern zum Geschenk darzubringen. Besonders die Thoramäntel wurden mit reichem Goldschmuck versehen und mit Löwen- oder mit allegorischen Figuren bestickt. Die Synagogen waren stolz daraus, eine recht große Anzahl von Thorarollen zu besitzen, und je älter diese waren, desto größeren Wert besaßen sie. Ich sah kürzlich in der neuerbauten prächtigen Synagoge in Mainz eine herrliche Sammlung alter Thorarüllen, die aus früheren Jahrhunderten stammen, und einzelne von ihnen waren mit reichem goldgestickten Schmuck versehen. Auch der Vorhang war schon alt und fast vollständig mit Goldstickereien bedeckt. — Im Laufe der Zeit hat sich eine Aenderung in der Herstellung dieser Vorhänge und der .Thoramäntel vollzogen. Sie werden zwar immer noch in Handarbeit ausgesührt, aber kunstgewerbliche Ateliers sind errichtet worden, die sich mit der Anfertigung der Vorhänge und Decken befassen und herrlich ausgeführte Arbeiten liefern. Der Stil und die Zeichnung sind anders geworden, und sie müssen sich dem Stil der Synagoge anpassen. Kunstzeichner liefern die Entwürfe, mnd hiernach werden die Gegenstände auf Lyoner Sammet oder Seide ausgeführt. Die Synagoge in der Fasanenftraße besitzt jetzt drei solcher prachtvollen Vorhänge, die auf blauem und rotem Sammet respektive auf weißem moirierten Atlas reich mit Gold und Silber gestickt sind. Der blaue Vorhang ist von Herrn Adolph Krojanker, der rote Vorhang von dem