Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Schukowski, er Habe, als Njeschinski zu ihnen kam, den vertrockneten Lehm an dessen Mantel reinigen müssen. Zivilkläger Samislowski ist bestrebt, die Aussage des Knaben dadurch zu entkräften, daß er die. Eventualität in Erwägung bringt, Njeschinski hätte im Zustande der Betrunkenheit auf der Erde geschlafen. Zeuge lehnt jedoch diese Annahme ab. Auch könne er sich entsinnen, daß es zu jener Zeit infolge des Frostes trocken war. Wassili Jastschenko gibt an, im Monat Mürz bei Selinowski gearbeitet zu haben. Als , er frühmorgens sich zur Arbeit begab, passierte er die Straße, die zur Ziegelei Saizews führt. Da war niemand zu bemerken. Als er sich dann später Umsatz, da erblickte er einen Mann, der sich'zum Walde begab, wo sich die Ziegelei Saizews befindet. Der Männ hatte einen schwarzen Mantel und schwarze Hosen an. Um den Hals war ein weißer Gegenstand gebunden. Der Mann hatte einen sch Warzen Schnurrbart, eine längliche Adlernase und einen hervyrstehenden Hinterkops. Als dann das Verschwinden des Knaben Juschtschinski bekannt geworden war, da erzählte Zeuge seinem Bruder und anderen Verwandten von seiner Begegnung. Dies war mm bekannt geworden, und eines Tages kam ein Mann zu ihm, der sich für den Bruder von Jnschtschinskis Mutter ausgab, und erkundigte sich hei ihm über die stattgehabte Begegnung. Jastschenko schilderte den Mann. „Das ist er, er" — murmelte der Fragende. Wen er meinte — davon habe Zeuge keine Ahnung. Im Juli wurde dem Zeugen ein -Mann vorgesührt: er sollte über dessen Aehnlichkeit mit jenem begegneten Manne Auskunft geben. L u k a Prichodko stand nun vor ihm. Die Kleidung war ähnlich, über die Gesichtszüge konnte er jedoch nichts Bestimmtes sagen. Jener Mann war bartlos gewesen, Luka aber trug Vollbart. Die Frau des Luka, Alexandra Prichodko, wird gerufen, zu bekunden, ob ihr Mann einen Bart trüge. Zeugin: „Manchmal trug er Vollbart, manchmal auch rasiertes Kinn." Ebenso behauptet Schukowski, er habe Luka „zuweilen mit, zu w ei len auch ohne B art" gesehen . Pr. Jastschenko, der Bruder des obenerwähnten Zeugen Wassili Jastschenko, wiederholt dieselben Angaben. Dann zeigt er ein Papierstück vor. „Was zeigen Sie da?" fragt der Verteidiger-Grusenberg. —- Zeuge: „Bei der Beerdigung des Knaben ist dies da verteilt worden. Mein Nachbar (Nikolaj Polischtschuk) gab es mir gestern. Er hat seinerzeit die Proklamation auf dem Friedhof bekommen." In Anbetracht des Ilmstandes, daß diese Proklamation zur Enthüllung der Mörder Wesentliches beizutragen habe, da es sich möglicherweise Herausstellen könne, die Täter, wären diejenigen gewesen, die einen Pogrom haben Hervorrufen wollen, beantragt die Verteidigung, die Proklamation dem Beweismaterial beizulegen und Polischtschuk als Zeugen vor Gericht zu laden. Staatsanwalt und ZiviMäger wehren sich dagegen. Der A n t r a g w i r d a b g e l e h n t. Nach der Vernehmung des Zeugen Selinowski wird der Hauptbelastungszeuge, der Later ne na n z ü n d e r Schach o w s k o i, verhört. (Wie berichtet, hatte Schachowskvi in der Voruntersuchung behauptet, der verstorbene Spielkamerad Juschtschinskis, Schenja Tscherberjak, hätte ihm erzählt, daß ein Mann mit einem schwarzen Bart im Hof der Ziegelei Saizews am Mordtage aus der spielenden Kinderschar den Andreas Juschtschinski herausgezerrt habe.) Zeuge bekundet, er wohne in unmittelbarer Nähe der Wera Tscheberjak. Am 12. Mürz, um 9 Uhr morgens, wären ihm die Knaben Andreas Juschtschinski und Schenja Tscheberjak ans der Straße begegnet. Andreas hätte ihm aus den Rücken geschlagen, weshalb ihn auch Zeuge „Baistruk" (Bastard) gescholten hätte. Drei bis vier Tage nach der Auffindung der Leiche hätte er Schenja gesehen, der ihm erzählt haben soll, er wäre zusammen mit Andreas im Garten von Saizews Grundstück spaziert und sie wären von einem unbekannten Manne sortgejagt worden. Das Aussehen dieses Mannes hätte ihm Schenja nicht.geschildert; er hätte auch nicht gesagt, daß der Mann einen schwarzen Bart trug. Beilis hätte er gekannt. Ob ihn dieser im Verdacht gehabt hatte, daß er Holz gestohlen, wisse er nicht. Leute sprachen davon. ' . Der Zivilkläger Schmakow fragt den Zeugen, ob außer . Andreas und Schenja noch andere, j ü d i sch e K i n d er dort gewesen waren. Zeuge kann die Frage nicht beantworten. „Sie haben ja, wie mir scheint, dem Untersuchungsrichter gesagt, der Sohn des Beilis wäre dabei gewesen?" fragt Schmakow. „Ich sagte es nicht," erwidert der Zeuge. Ueber das Verhältnis zwischen Beilis und Wera Tscheberjak könne er nichts aussagen. Ueber sein Gespräch mit Na-. konjetschin bewahrt der Zeuge hartnäckiges Schweigen. Der Verteidiger Karabtschewski fragt den Zeugen, ob Detektive mit ihm gesprochen hä.tten. Zeuge: „Die Detektive gaben mir Schnaps zu trinken, führten uns weg und befahlen, das und das zu. sagen." Verteidiger: „Haben sie I h nen nicht den Rat gegeben, gegen Beilis an szusn gen?" Zeuge: „Ja." Verteidiger Grusenberg: „Warum haben Sie bei dem ersten Verhör vor dem Untersuchungsrichter gesagt, daß man lieber die Tscheberjak und ihren Anhang vernehmen solle? Woran nahmen Sie an, daß sie von dem Mord des Knaben wußten?" Zeuge: „Weil bei ihnen Zusammenkünfte stattfanden." — Verteidiger: „Welche?" — Zeuge: „Verschiedene Beamten mit Kokarden und andere."' — Verteidiger: „Waren das denn wirklich Beamte?" — Zeuge: „Vielleicht waren es Beamte, vielleicht auch Schwindler." — Verteidiger: „Wissen Sie nicht, ob es vorgekommen ist, daß jemand mit einer Beamtenmütze hinging und in ganz anderer Kleidung herauskam?" — Zeuge: „Vielleicht." Aus die Frage des Verteidigers, ob der Zeuge gesagt habe, daß Beilis aus der Polizei angegeben habe, hast er Holz gestohlen habe, antwortet er ausweichend, gibt dann aber zu, von anderen gehört zu haben, daß B e il i s i h n a n g e z e i g t h a b e. Verteidiger Orig.-Berski bittet, die Aussagen des Zeugen, daß er mit dem Studenten Golubjew nie eine Unterhaltung g e f ü h r t h a b e, im Protokoll zu betonen. Aus die Frage des Vorsitzenden, die sich darauf bezieht, daß er am 2Z./28. August dieses Jahres, also kurz vor Beginn des Prozesses, beim Anzünden der Laternen an einer einsamen Stelle verhauen wurde, gibt Zeuge an, daß auch früher schon Versuche gemacht worden waren, ihn zu ver- I hauen. — B orsitzender : „Und, wer hat gehauen, Christen o d er Iu d en?" — Z eu g e : „CH ri st en." Der Zeuge behauptet ferner, daß der Z a u n des S a i z e w s ch e n Grundstückes an einer Stelle defekt gewesen sei, so daß man bequem durchgehen konnte, kann aber keine Auskunft darüber geben, ob damals auf der Ziegelei gearbeitet wurde, da er „ohne achtzugeben" vorübergegangen sei. Von dem Zivilklüger Samislowski befragt, gibt der Zeuge ferner an, die Detektive Hütten ihn etwa VA Monate ver so hgt und mit Branntwein bewirtet. — Vorsitzender: „Warum haben Sie das nicht gleich gemeldet?" Antwort: „Ich hatte Angst, aber dann habe ich gewissenhaft ausgesagt." — Zivilk l äg e r Schmakow: „Sie sagen, die Detektive haben Sie dazu verleitet, gegen. Beilis auszusagen. Wer hat Sie nun dazu verleitet, abzustreiten, was Sie früher gesagt haben, daß Schenja Tscheberjak Ihnen etwas gesagt hat? Wer hat Ihnen beige b r a ch t, v o n dem schwarzen Bart zu s ch w e i g e n u n d f ü r B e i li s au szusagen?" — Zeuge: „Die Detektive haben gesagt, ich solle auf den Beilis aussagen." — S ch m a k o w : „Ich verstehe, aber wer hat Ihnen beigebracht, für Beilis zu sprechen?" —Beuge schweigt. - — Schmakow: „Und Haben Sie dem Untersuchungsrichter mitgeteilt, daß die Detektive Sie belästigen und Sie' traktieren?" — Zeuge: „Ich habe es angezeigt, auch meine Frau hat es' angezeigt." Verteidiger Karabtschewski hebt hervor, daß nach den letzten Angaben des Zeugen seine erste Aussage ohne jegliche Beeinflussung gemacht worden ist. Hierauf macht Verteidiger K a r ab ts ch ew s k i aufmerksam, daß in der e r st e n A u s s a g e, die Schachowskoi ohne, jede Beeinflussung seitens der Detektive aus eigener Initiative gemacht hat, w e d e r von eine m M a n n m i t schwarze m Barte noch davon, daß den Kindern jemand nachgelaufen sei, die Rede ist. Auch die Worte Schenjas sind darin nicht erwähnt, sondern d e r s ch w a r ze B a r t t r i t t e r st i m La u f e d e r f o l g e n de n Äussageu auf. Auf die Fragen des S t a a t s a n w a l hs, in welcher Weise die Detektive den Zeugen beeinflußt hätten, sagt Zeuge: „Ich kann nichts sagen, Polistschuk sagte, habe nur keine Angst, sonst bringt man dich ins Gefängnis, schickt dich nach Kamtschatka, nach Sibirien, wirst dann sitzen." —Staatsanwalt: „Das heißt. Sie haben sich mit Polistschuk unterhalten,.