Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es war vorauszusehen, daß das Sturmlaufem gegen die russischen Juden auch andere Kreise bestimmen würde, ihr Wörtlein mitzureden. Von einem solchen Versuche gibt die „Deutsche Tageszeitung" Kunde. Gegen die jüdische M a s s e n e i n w a n d e r u n g. Eisenach, 7. Oktober. Der hier abgehaltene, von den verschiedensten deutsch-völkischen Verbänden beschickte „Deutsche Tag" hat an den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg folgende telegraphische Entschließung gesandt: „Der in Eisenach vereinte „Deutsche Tag", aus Vertretern der bekanntesten deutschvölkischen Vereine und vielen namhasten nationalgesinnten Deutschen bestehend, gestattet sich, die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die von Herrn Rechtsanwalt Clas; schon' auf der Breslauer Hauptversammlung des Alldeutschen Verbandes bekannt gegebene und seitdem wiederholt bestätigte Tatsache einer durch polnischen. Boykott veranlaßten starken jüdischen Einwanderung aus Russisch-Polen und Galizien in Deutschland zu richten, zumal da dadurch gute deutsche ansässige Volksgenossen aus ihrer Existenz verdrängt werden. Sämtliche Anwesende sind der Anschauung, daß das deutsche Volkstum, das sich der ungünstigen Beeinflussung durch das einheimische Judentum nur mit Mühe erwehrt, durch den neuen starken Zustrom in seinem Bestehen gefährdet wird, und bitten Ew.-Exzellenz, die Einwanderung zu verhindern und die schon erfolgte durch Ausweisungen unschädlich zu machen." * In Nummer 35 unserer Zeitung hatte Herr Dr. Ziegler in seinem Beilisartikel folgende Worte gebraucht: „Angenommen, der Staatsanwalt stelle die Behauptung, Juden brauchen Christenblut, nur gegen eine dunkle, verborgene Judensekte auf — man liebt ja auch bei uns von einer solchen zu munkeln — muß der Staat nicht alles daran setzen, diese Sekte ausfindig zu machen," um sie mit Stumpf und Stiel auszurotten?" Für jeden, der lesen kann, ist diese Stelle völlig klar. „B ei un s" steht im Gegensatz zu Rußland, gemeint ist also das übrige Europa, speziell Oesterreich und Deutschland. Daß unter „bei uns" die Juden verstanden sein sollten, ist eine sinnlose und gewissenlose Interpretation. Trotzdem bringt es die „Kreuzzeitung" fertig — und die „Tägliche Rundschau" sekundiert ihr in diesem Bemühen — in den oben angeführten Worten das Eingeständnis eines Rabbiners zu sehen, daß es wirklich unter den Juden eine Sekte gebe, welche Christenblut brauche. Denn die „Kreuzzeitung" schreibt wörtlich: Dr. Ziegler spricht hier also unumwunden aus, daß man auch im Judentum von dem Vorhandensein einer dunklen, im Verborgenen wirkenden Sekte oder Organisation zu „munkeln" beliebt. Vielleicht weiß er selber nichts Näheres darüber, — vielleicht weiß er aber auch mehr, als er sagt. Wie dem auch sei, schon dies eine, aus Nabbinermunde, also aus den eigenen Reihen kommende Zeugnis müßte für den Staat genügen, der Frage einmal auf den Grund zu gehen, ob im Judentum tatsächlich derartige dunkle und im Verborgenen wirkende Kräfte vorhanden und zu irgendwelchen kulturellen oder politischen Zwecken an der Arbeit sind. Herr Dr. Ziegler hat gegen diese unsinnige und böswillige Insinuation eine Erklärung an die Redaktion der „Kreuz-, zeitung" geschickt. Wir müssen auch unserseits aufs entschiedenste gegen diese Verdrehung der Wahrheit protestieren, wie sie der „Kreüzzeitung" beliebt. Aber die „Kreuzzeitung" geht noch weiter. Sie wagt es geradezu zu behaupten, daß „die Frage nach dem Vorkommen von Ritualmorden noch durchaus ungeklärt sei", während, alle jüdischen Autoritäten die Lügenhaftigkeit dieser Behauptung erwiesen haben und Tausende von christlichen Notabeln und Geistlichen die Wahrheit dieser Erklärung bestätigt haben. Sie wagt es ferner zu behaupten, „daß die Staatsanwaltschaft hinreichenden Grund zu haben braucht, die Anklage auf rituellen Blutmord zu erheben", während aus den bisherigen Verhandlungen vollkommen klar ist, daß auch keine Spur eines hinreichenden Grundes vorhanden ist. Endlich leistet sich das genannte Blatt folgenden Satz: Erst der Umstand, daß das Judentum konsequent jeden drohenden Ritualmordprozeß mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu hintertreiben sucht und den mutmaßlichen Verbrecher, unbekümmert um Recht oder Unrecht, dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen trachtet, — erst diese Tatsache schafft künstlich den Verdacht von Zusammenhängen, die man sonst nur. in einzelnen extrem judeugegnerischen Kreisen zu behaupten geneigt und die sicherlich nicht im Interesse des anständigen Judentums gelegen ist. Es widersteht uns fast, auf solche Bemerkungen zu antworten. Nur das eine muß gesagt werden: wenn widersinnige Anklagen erhoben werden, so has jeder anständige Mensch, ob Christ oder obJud e, die Pflicht, gegen diesen Widersinn zu protestieren; aus diesem Proteste zu schließen, daß an der Anklage doch etwas Wahres fein könne, ist ein unlogischer und vor allen Dingen ein unehrlicher Schluß. * I. A. S. Am 15. d. M. konnte Herr N a r c i s s e L e v e n, der jetzige Präsident der Alliance Jsraölite Universelle, seinen 80. Geburtstag feiern. Geboren am 15. Oktober 1833 in Uerdingen am Rhein, genoß er seine Mittelschulbildung am Lycee Henry IV. in Paris, und widmete sich dann dem Studium der Rechtswissenschaften. Schon früh führte ihn das Schicksal mit Adolphe Cremieux zusammen, dessen Sekretär er fünf Jahre hindurch war, und an dessen Seite er an den politischen Kämpfen in Frankreich um die Mitte des Jahrhunderts teilnahm. Aber Cremieux war nicht allein der hervorragende Führer der Opposition und 1848 sogar Mitglied der provisorischen Regierung, sondern, als Präsident des Zentralkonsistoriums, auch anerkanntes Haupt des Judentums, dem es in seiner glühenden, hinreißenden Beredsamkeit gelungen war, den Juden in ihrem Kampfe um Anerkennung und Gleichberechtigung unschätzbare Dienste zu leisten. Aus solcher Schule hervorgegangen, ist es kein Wunder, daß schon früh in Narcisse Leven der Entschluß reifte, sein ganzes Leben der jüdischen Sache zu widmen. Und so kam er im Jahre 1860, als noch nicht 37 jähriger, dazu, in Gemeinschaft mit 16 Gleichgesinnten eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, deren Aufgabe darin bestehen sollte, „überall an der Emanzipation und dem moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten, und denen, die in ihrer Eigenschaft — als Juden leiden, wirksamen Beistand zu leisten." Das ist die Alliance Jsraelite Universelle, die mit dem Namen Levens aufs innigste verknüpft ist und für alle Zeiten unzertrennlich bleiben wird. Als Schüler und Freund Cremieux' war er lange Zeit an dessen Seite auch in allen allgemeinen Kämpfen zu finden. Während des französisch-deutschen Krieges war er unter Cremieux Generalsekretär im Justizministerium. Als aber Cremieux sein Ministerportefeuille niederlegte, gab auch Leven seinen Posten aus, und nahm ferner bei der Regierung keine Anstellung. Seitdem galt seine Tätigkeit ganz dem sozialen Leben. Eine kurze Zeit, von 1880 bis 1887, war er kommunalpolitisch tätig als Mitglied des Pariser Gemeinderats, dessen Vizepräsident er zuletzt wurde. Aber in der Hauptsache kannte er hinfort doch nur eine einzige Beschäftigung: die Förderung und Ausgestaltung der Alliance, in derer nacheinander als Sekretär, Vizepräsident und zuletzt als Präsident gewirkt hat. . In Anerkennung und Würdigung seiner großen Verdienste haben jüdische Institutionen Narcisse Leven durch Verleihung vieler, Ehrenämter auszuzeichnen gesucht. So war er 36 Jahre lang Mitglied und nach dem Tode Michel Erlangers auch Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums von Paris. Außerdem gehört er dem Kuratorium des Nabbinerseminars und der Ecole de travail an. Und die größte jüdische Organisation, die Jca, hat ihn zu ihrem Präsidenten ernannt. Er selbst freilich ist in erster Linie „Alliancist". Mit der Alliance, die er mitschäfsen half,'an deren Wiege er stand und