Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229113--69856-3282181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' -— 506 Judenheit, die finanzielle Ueberlastung durch oft recht fragwürdige religiöse, kulturelle und wissenschaftliche Zwecke haben einen Zustand der Verwirrung erzeugt, in dem die ruhige Stimme der Sachlichkeit kaum Gehör, geschweige denn Beifall findet. —r. Es ist eine Schande, - daß wir über hnndertundsünfundzwanzig Jahre, nach Mendelssohns Tode noch immer keine einheitliche deutsche Bibel haben. Die Zukunft wird diese Unterlassung nicht verzeihen und über den Geist unserer Kulturperiode, die sonst nicht glanzloser ist als einst die griechisch-jüdische, ein hartes Urteil fällen. Aber wenn auch alle Vergleiche mit ihr hinken sollten, in. der Frage der Dringlichkeit und Bedeutung ist die deutsche Bibel der Septuaginta ebenbürtig. Zwei Momente bedürfen darum der Untersuchung: Warum hat keine der bisherigen Bearbeitungen den Sieg erfochten und uns die deutsche Bibel gegeben? — Und wie könnte jetzt noch das lang verabsäumte Werk zustande kommen? Wenn man zunächst die Teilübersetzungen mit Ausnahme der Mendelssohnschen betrachtet, so finden sich unter ihnen neben der Mehrzahl mißlungener Pentateuchübertragungen auch solche, die nicht für die Allgemeinheit gedacht sind und sich in poetischer oder gekürzter Form geben. Die Vollbibeln aber, mag es sich um die unter Zunzens Redaktion, Philippsons oder Bernselds Werk handeln, Haben nicht die nötige Autorität beigebracht, die einzig und allein der Auftrag der Glaubensgemeinschaft gibt. Damit soll nichts gegen den Wert dieser in der Auffassung einer Uehersetzung sehr abweichenden, unschätzbaren Vorarbeiten gesagt sein, deren Schwächen schließlich nur das Unvermögen des Redaktors oder der Uebersetzer ehrenvoll bezeugen, wo der Leistungsfähigkeit des einzelnen die Grenze gesetzt ist. Nein, diestr oft'beschrittene Weg führt nicht zum Ziele! Die deutsche Bibel muß im Aufträge der deutschen Judenheit 'und von der Auslese unserer Gelehrten geschaffen werden! Dann hat man auch die unvermeidliche Unebenmäßigkeit nicht zu fürchten. Einmal ist ja auch die Bibel nicht aus einem Gusse, und dann vermag ein fest umrissener Plan dem Ganzen doch diejenige Einheitlichkeit zu verleihen, die hier Voraussetzung des Gelingens ist. Es' müssen Männer gewählt werden, deren textliche und Stoffkenntnisfe. aufs glücklichste durch die souveräne Beherrschung, der deutschen Muttersprache, durch edelstes Stilgefühl und schlichte, volkstümliche Fähigkeit des Ausdruckes ergänzt werden. Und gerade an den letzten, wichtigsten Eigenschaften, das darf nicht verschleiert werden, hat es bisher merklich gefehlt. Ausscheiden muß jeder Versuch der hier unfruchtbaren Textkritik oder, was nicht minder stören würde, alle Erklärungen und Anmerkungen, lange Vorreden und Nachworte. Kommt ein davon befreites Buch zustande, und ist es belebt von dem besten Motto jeder Ueberfetzung: „Treu-und.frei", dann erobert es sich die Herzen. Es' dringt in die Seelen der Kinder, deren sittliche Gefährdung durch das ungekürzte Gottesbuch nicht zu besorgen ist, es hält seinen Einzug in das Haus und gelangt in der Synagoge zu Ehren, um auch dort mindestens der bösen Uebersetzungswillkür ein Ende zu bereiten. Die Schule wird von der deutschen Bibel die wesentlichsten Vorteile haben. Es ist doch einleuchtend, daß eine einheitliche deutsche Form der zehn Gebote, des Schma und der vielen anderen eisernen Bestandteile unserer religiösen Bildung unbedingtes Erfordernis ist. Wenn es schon wehe genug tut, in jeder Synagoge einen anderen Ritus und als Triumph der Eigenbrötelei besondere Melodien zu vernehmen, so sollte doch das deutsche Judentum den Mut und die Kraft haben, das Schriftwort zu vereinheitlichen. Die Schaffung der deutschen Bibel sei die nächste und höchste Sorge der Gemeinden, der wissenschaftlichen Gesellschaften, der Logen. Vielleicht begibt sich sogar ein Wunder, daß heiliger Eifer endlich einmal zur Ehre Gottes Männer aus verschiedenen Lagern znsammensührt und diese, erfüllt von jenem Geiste, der die Bibel durchwaltet, das Werk beginnen und vollenden. In jedem Falle sei sein Angriff den Führern des fortschrittlichen Judentums als Gebiet positiver Arbeit, als Erweis der Liebe zum Vätergut und der Fähigkeit, es zu pflegen, empfohlen. Möchte der zweite Tag des Schlußfestes unserer deutschen Judenheit ein Mahner für'die Notwendigkeit der deutschen Bibel sein und bald zu Recht den Namen Simchas Thora - tragen. Die Woche. Berlin, den 15. Oktober 1913. evor diese Nummer erscheint, aber einige Tage nachdem diese Wochenübersicht abgeschlossen werden mußte, ist der 18. Oktober, der Gedenktag der Schlacht bei Leipzig, feierlich begangen worden. Große Feste zum Andenken an die Völkerschlacht sind in Leipzig gefeiert worden. Es mag konstatiert werden, wie wir einer Privatmeldung entnehmen, das; auch Herr Rabbiner Dr. Porges in Leipzig zu diesen Festen eingeladen worden ist. Wir nehmen als deutsche Juden an der Feier dieses wunderbaren Ereignisses, durch welches die Macht des französischen Kaisers gebrochen wurde, innigen Anteil. Wir fragen nicht ängstlich, ob dadurch unser, der Juden Schicksal gebessert oder verschlimmert wurde, wir mögen unsere Freude über die Befreiung Deutschlands nicht durch die Betrachtung trüben, daß eine Folge der Erhebung Deutschlands, eine Wirkung des wiedererwachten Nationalempfindens, eine stärkere Widerwilligkeit gegen die Juden war, die man damals vielleicht in höherem Grade als jetzt als Fremdlinge betrachtete. Wir wollen auch nicht bei Gelegenheit dieses Tages bekümmert nachforschen, ob und wieviel Juden aus seiten der französischen Heere und der deutschen Verbündeten gefallen sind. Wenn wir auch nicht konstatieren können, daß. in den Reihen der Heerführer Juden glänzten, so teilen wir mit unseren deutschen Brüdern die freudige Erinnerung an den großen Tag, an welchem die Befreiung Deutschlands geboren wurde. Von einer Predigt, die für den 18. Oktober bestimmt war, haben wir in der vorigen Nummer, S. 494, Notiz genommen. Es wäre zu wünschen, daß überall in deutschen Gemeinden, da ja die Abhaltung eines besonderen Festgottesdienstes am 18. Oktober wegen der vielen Feiertage kaum angängig sein dürfte, bei dem Festgottesdienst am 16. von dem großen Ereignis Notiz genommen würde, das die deutschen Juden gern als ihr Fest betrachten. & lieber den Beilisproze ß stellen wir in einem besonderen Artikel die wichtigeren.Nachrichten zusammen. % " - ■ Die Ausländ er frage, die in der vorigen Wochenübersicht, S. 495 ff., behandelt worden ist, hat auch die Badische .Regierung beschäftigt. Das Ministerium hat angeordnet, das; Ausländer, also nicht bloß Russen, sondern nichtdeutsche Studierende überhaupt zur Einschreibung. in die Vorlesungs- und Uebungslisten und zum Belegen von Plätzen erst vom 5. November bzw. 5*. Mai ab und nur insoweit zuzulassen sind, als es der zu dem bezeichnenden Zeitpunkt verfügbare Raum gestattet. Eine solche Bestimmung ist in gewisser Weise viel radikaler als die betreffenden Verfügungen der preußischen und bayerischen Regierung, da sie sich nicht bloß gegen Russen, sondern gegen Ausländer überhaupt richtet; sie verliert aber das gehässige Moment, indem sie nicht die Juden trifft, die wesentlich unter den Russen gemeint sind, sondern die Ausländer überhaupt. .