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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-22 · Heft 43 (22.10.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 43 (22.10.1913)
Date
1913-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 43 Berlin, 22. Oktober 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTT. — Postscheckkonto 32H. Vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Seiger Verlag: Kuäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition, sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. bleibt die deutsche Bibel? Eine Frage zum Schlußfeste tzyn Rabbiner Dr. Sal oruvnski, Frankfurt a. O. — Die Woche. — Der Beilis-Prozeff. — Die Schmuckgegenstände iu der Synagoge Fasanenstraße. Von Beuas Levy, Berlin. — Nach dem Friedensschluff. Von Dr. Alphons I. Suffnitzki. — Hermann Schiff. Von Professor Dr. Friedrich Hirth, Wien. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. — Literarische Mitteilungen. — Letzte Nach richten. Der Gemeiirdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenums"). Berlin, Köpenick-Berlin, Posen, Hamburg, Nürnberg, Arnstadt, Budapest- Kiew. — Bon Nah und Fern. Mo bleibt die deutsche Librl? Eine Frage zum Schlußfeste von Rabbiner Dr. Salomonski, Frankfurt a. O. enn der letzte Tag der Herbstfeier erschienen ist, dann beenden wir in sinnvollem Zusammenhang mit dem Schluß der ganzen Festzeit auch unser Gottesbuch. Am Simchas. Thora tritt es mehr noch als sonst in den'Mittelpunkt der'Andaiht,' und die Freude am Gesetze, das die erhabenem Gedanken'der Religion in den letzten Wochen vermittelte, kommt durch eine Reihe glücklicher Formen zum Ausdruck, so daß der Wunsch rege wird: Es möchte etwas von der Weihe des Augenblicks sich hineintragen lassen in das beginnende, einförmige Synagogenjahr. Ja, es ist schön, wenn am Schlußfeste die heiligen Rollen in stattlicher Schar ihrem Schrein entnommen und von den geladenen Häuptern der Gemeinde in feierlichem Zuge durch die Synagoge getragen werden. Vielfach geleitet sie „ein Reigen der Fröhlichen" die Jugend; und man sollte ihr dieses Recht lassen, denn die vereinte Freude von klein und groß ist ja des Tages Zeichen. Wer, um die Würde des Gottesdienstes besorgt, daran rütteln möchte oder befürchtet:' die Kinder haben nichts davon, der versteht nicht, in ihren Seelen zu lesen. Kinder bereiten sich vor! — Was sind auch die wenigen Minuten des Umzuges gegen die lange Spanne der Erwartung, da das Kind mit seiner Fahne an des Vaters Hand den Weg zur Synagoge zurücklegt mit dem frohesten Gefühl: Ich gehöre dazu! — Doch auch für die Großen, fällt etwas ab. . Wenn die muntere Schar in frommem Eifer den Thoraträgern durch die Gänge der Andachtsstätte folgt, dann übt dieses Bild auf manchen Mann — von der Galerie zu schweigen — solche Gewalt, daß ein gewisser Druck in der Kehlkopfgegend sich einstellt und unsere Fassung einen Augenblick in'* Schwanken gerät..Denn hier schreiten Zukunft und Vergangenheit in einem Zuge. Darum möchte man dieses Bild nicht missen und darf auf Verzeihung hoffen, wenn im Plauderton länger dabei verweilt wurde. Die dem Rundgang folgende Verlesung des letzten und ersten Thoraabschnittes beweist im Grunde genommen den nämlichen Sinn für die Symmetrie des Geistigen. Dieser Vorzug ist ja im Judentum ausgeprägt. Ohne darum aus die dem Kundigen sich : in Fülle darbietenden Beispiele einzugehen, sei nur auf die vollendet ebenmäßige Gestaltung unserer Feste und ihrer Liturgie verwiesen, denn auch sie beseelt wie die Thoravorlesung am Schlußfest, was Goethe so unnachahmlich fordert: „Laß den Anfang mit dem Ende Sich in eins zusammenziehn!" Doch das nebenher! Warum hat man nun die Beendigung und den Neubeginn der Thora auf das Schlußfest verlegt? Andere festliche Zeitpunkte lägen viel näher: das Wochensest, als Tag der Offenbarung; Neujahr, als Erinnerung.an die Weltfchöpfung. Es wird wohl der Pentateuchische Vefehlh, die Lehre am Hüttenfest zu verlesen, der Vortrag der Thora durch Esrah am Sukkot, nicht minder aber die Einweihung des salomonischen Tempels'') mit den Anlaß zu dieser Sitte gegeben haben. .. .Aber Alter, Bedeutsamkeit und' Schönheit des . Brauches dürfen uns nicht blenden angesichts der Gefahren, die der Thora zwischen Anfang u n.d Ende drohen. Wie die Mehrzahl der Gesetzesrvllen uneröffnet wieder in die Lade gesetzt wird, so wird auch am Schlußfeste mit der Lehre Schluß gemacht, kaum daß man sie begonnen hat. Darum bleibt sie wie ein Buch, dessen erstes und.letztes Kapitel man schnell durchblättert, dem tieferen Verständnis des Lesers verschlossen und hat, als Wert betrachtet, zu viel verloren, als daß ein Festhalten an der jetzigen Form der Vorlesung hier helfen könnte. — Und dabei ist die Thora als Grundlage der Predigt gegenüber der übrigen Bibel noch unendlich bevorzugt. Alle Versuche, mögen sie Schristerklärungen oder Inhaltsangaben heißen, werden unser größtes Gut, die Heilige Schrift,' nicht einbürgern, solange nicht das Richtige' zu ihrer Rettung unternommen . wird.. Diese Frage ist überhaupt über den Raum des Gotteshauses hinausgewachsen-und wird nur im.der Schule, und noch sicherer im Hause gelöst werdenmit dem Heilmittel der deutschen Bibel. Daß sie noch , immer unserer Gesamtheit und zumal den Kindern fehlt und.alle rühmlichen Vorarbeiten in Vergessenheit kamen, das hat uns so fremd aus dem Boden der Schrift gemacht und treibt unsere besten Kräfte ins geistige Nachbarland oder ins ferne Ausland. - Nun ist es wohl klar, daß die Thoravorlesung an diesem Elend nichts ändert und daß man in Versuchung ~ kommt, Simchas Thora als. Euphemismus zu betrachten, was dann mit „Schmerz um das Gesetz" wiedergegeben werden muß. Es gibt zwar, genug deutsche Juden, die es für kein Verbrechen halten, die Bibel im deutschen Gewände zu lehren, aber wir haben ja keine Zeit für die notwendigen Arbeiten. Die sich immer mehr steigernde Zerrüttung innerhalb.der deutschen -■ ■■*) Deut.- 31,-11. - -), Neh. 8, 18; 3) *1. .Kön. 8, 65. '

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