Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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504 „Bewahre; Malvine und den Hetrn ÄPPellrat habe ich seinerzeit auch ganz gut gekannt. Cäciliens Mann aber war ein ganz junger Jurist, ein Assessor." „Aber, Herr Oberst, Papa war ja Rittmeister und nicht Assessor." „Nu natürlich, Max war Rittmeister bei den schwarzen Husaren, Sapperlot" — und der Oberst standvon seinem Stuhle aus — „ich weiß nicht, war der Wein heut schwerer als sonst, oder haben wir zuviel über die Juden debattiert? Aber mir wird's heiß im Kopf und dunkel vor den Augen." „Darf ich etwas Syphon kommen lassen, Herr Oberst?" „Danke, danke, nein; es ist schon vorüber. Entschuldigen Sie nur, verehrter Herr Kreisrichter, meine Erregung. Also Ihre selige Frau Mutter war Cäcilie v. Spitzau? Aber es ist wirklich etwas schwül hier; ich will d-och lieber mich aus mein Zimmer zurückziehen. Nun, auf Wiedersehen, morgen, wenn Sie gestatten, aus eine Minute vor der Abfahrt. Und inille föis Pardon wegen des schnellen Ausbruchs." Kaum war der Oberst einige Minuten aus dem Zimmer, als man über den Korridor es scharf klingeln hörte. Bald kamen eilige Schritte; dann wurde es still. Dem Freiherrn war es lieb, nach all den Diskussionen mit Liebig und nach dem seltsamen Ausbruch des anscheinend etwas konfusen Obersten allein zu sein. Nach etwa einem halben Stündchen ließ sich zu seiner Ueberraschung der Oberstabsarzt bei ihm melden. „Sie werden sich wundern, Herr Kreisrichter, daß ich nochmals heute erscheine; aber jetzt komme ich nicht als Ihr Arzt, sondern als Bittsteller, und zwar mit einer recht eigentümlichen Bitte." „Und womit darf ich Ihnen dienen?" „Es betrifft unseren Oberst. Nicht wahr, ein Prächtiger Mann trotz aller seiner kleinen Eigenheiten, vor allem ein goldenes Herz und ein riesig belesenes Haus und mit Zahlen nur so gepflastert." „Ja, das habe ich in unserer Judendebatte gemerkt." „Sind Sie wieder einmal über die armen Semiten hergezogen; ich dachte schon, ich hätte Sie kuriert." „Es ist schwer, die in der Jugend eingeimpsten Ansichten los zu werden, selbst wenn man sie als Vorurteile zu erkennen nicht umhin kann. Aber womit kann >ich dem Herrn Oberstabsarzt dienen?" Der Oberstabsarzt räusperte sich. „Hm, sehen Sie, der Oberst trägt sich schon seit geraumer Zeit mit dem Abschiedsgedanken; ich habe ihn bisher immer als Arzt abgeraten; denn so ein älterer Herr, wenn er vom z. D. zum a. D. übergeht, so gar nichts mehr amtlich zu schassen hat, fängt leicht Grillen, wird Melancholiker und was so dergleichen Schönheiten mehr sind, und unser guter Oberst hat schon eine gewisse Anlage zur Hypochondrie; ich fand ihn bisher auch noch immer ganz dienstfähig, obwohl er hier und da einmal ein ganz klein wenig zu Verwechselungen neigt." „Ein ganz klein wenig? Es ist schon ein bißchen stark, vorhin faselte er mir sogar vor, meine Mutter sei mit einem Juristen verheiratet gewesen, während doch mein Vater unweigerlich nie studiert hat, sondern Rittmeister gewesen ist." „Ja, das ist es gerade, weshalb ich komme, Herr Kreisrichter. Der Oberst ist ganz aus dem Häuschen; er hat mich rufen lassen, um ihn auf seinen Geisteszustand zu explorieren. Entweder, so meint er, seien Sie im Irrtum, oder er; im letzteren Falle müsse er sofort um seinen Abschied einkommen; denn dann werde er an sich selbst irre, da er seiner Sache doch so sicher zu sein glaubte, wiecheiner eigenen Existenz. Ich komme nun mit der Bitte, mir zu sagen, ob ein Irrtum auf Ihrer Seite wirklich absolut ausgeschlossen ist." (J-ortselmng folgt.) Litrrsnlche Mitteilungen. ' ■= Festpredigt zur Erinnerung au die Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 für den Sabbat in der Festwoche des Sukkoth, den 18. Oktober 1913/ Mit Einleitung: Historischer Rückblick auf.die Verhältnisse der Juden in den Jahren 1813/15. Von Prediger Lion Wolfs. Tempelburg in Pvnunern. 1913. Druck und Verlag von Engen Manig. Die Festpredigt, die den. Tag der Völkerschlacht mit dem Hüttenfest in Verbindung bringt, ist sinnig und wegen ihrer patriotischen Tendenz löblich. Der bei weitem größere Teil des Heftchens ist mit einem Aufsatz angefüllt, der den Titel führt: „Die französische Revolution, die Herrschaft Napoleons und die Juden. Ein Rückblick auf die Jahre 1813, 1814, 1815." Auch hier steht das Patriotische im Vordergrund. Die Bemühung der Inden, sich an dem Befreiungskriege zu beteiligen, wird im einzelnen dargelegt. L. G. # — Jüdisches Gemeinde-Jahrbuch 5674. Herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Berlin W 15, 1913/14. Dies neue Unternehmen ist nicht etwa eine statistische Zusammenstellung, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, die zum Teil etwas Programmartiges an sich haben, nebst Gedichten, Skizzen und Novellen. Die letztere Abteilung ist nicht von allzu großer Bedeutung; nur das Schlaslied Mirjam von Richard Beer-Hofmann hat mir wohl gefallen. Unter den programmartigen Aufsätzen ist der erste von Gustav Witkowsky „Ein Gemeindeprogramm" eigenartig. Er verlangt, das; die Gemeinde nicht nur eine Verwaltungsmaschiue sein soll, sondern daß sie die Erhaltung und Förderung des Judentums als Ziel und Richtschnur für ihr Wirken anzusehen habe. Zur Erreichung dieses Zieles fordert der Aufsatz: Förderung der hebräischen Sprache, Schaffung jüdischer Volksschulen, Unabhängigkeit eines Rabbiners in religiösen Fragen, gleiches Wahlrecht auch für die Ausländer. Das klingt alles sehr schön, wenn auch, wie das letztere, stark zionistisch; nur schade, daß manche dieser Forderungen, in großen Gemeinden langst erfüllt sind, andere hoffentlich nie erfüllt werden, daß ferner Armen- und Krankenpflege, Sorge für Synagogen und Friedhöfe und sehr viele andere Dinge, die sich nicht von selbst machen, und daß der gewaltige Apparat, der dazu nötig ist, eben von der Berwaltung geliefert werden muß. Wenn in einem anderen Aufsatz: „Die Sprache des Gebets",^ Heinrich Löwe für die hebräische Sprache als ausschließliche Gebetsprache plädiert oder Rechtsanwalt Victor: „Ausländer und jüdische Gemeinden", für die Ausländer die gleichen Rechte in den Gemeinden verlangt wie für die Inländer, so sind das Zionistische Utopien, deren Erfüllung nicht etwa bloß den liberalen Ideen widerstreitet, sondern den Bestand der Gemeinden gefährdet. Das Zionistische geht fast durch alle Aufsätze hindurch; dabei werden freilich, wie ich gern einräume, in manchen anderen sehr hübsche Anregungen gegeben, z. B. in dem von Joseph über die jüdischen Festtage. L- G. * — I ü d i s ch e s L i t e r a t u r b l a t t. Begründet von Rabb.. Dr. M. Rahmer. Verantwortlicher Redakteur: Rabb. Dr. L. A. Rosenthal, Berlin N 4, Chansseestraße 108 - Verlag und Expedition: Berlin N 4, Chansseestraße 108. 1. Heft, 1913. Jahrgang XXXV. Das vorliegende Heft enthält zunächst Besprechungen, sodann längere Abhandlungen über Mischnatraktate und über die Fälaschas. Die Zeitschrift präsentiert sich äußerlich nicht gerade vornehm. Es wäre recht gut, wenn sich freundliche Gönner fänden, die das gewiß löbliche Unternehmen des Herausgebers, der selbst fleißiger Mitarbeiter seiner Zeitschrift ist, unterstützten. I.. 6. Syrechsasl. Aufruf. Frau Zelda Zaleszuir, Nr. 1428 15. Street, St. Louis (Mo., Amerika), bittet uns, ihr die Adresse ihres Sohnes Chaim Zaleszuir zu verschaffen. Sie gibt an, daß der Genannte aus Rußland ans dem Czernigover Gubernium komme und sich in Berlin cmfhalte. Sie teilt mit, daß der Genannte in Berlin mit Möbeln handle. Sie verlangt dringend nach ihrem Sohne. Wir glauben der Mutter einen Dienst zu erweisen, wenn wir diese Zeilen veröffentlichen. D i e R cd a k t i o n.