Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 503 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229112--69848-3282172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Es sind ja auch Wohl, etliche Israeliten mit dem Eisernen Kreuz dekoriert wordenOfügtederPastor hinzu. „Jawohl," bestätigte der Oberst, „sogar sehr viele. Noch acht mehr, als es Tage im Jahr, gibt."; Der Oberst berichtete Von manchen Heldentaten der Juden in den . Kriegen von 1813, 1866 und 1870 und 1871. Der Pastor wies aus die Heldenhaftigkeit der jüdischen Krieger hin, von der die Bibel berichtete. Aus. den Einwurf des Freiherrn, daßes keine großen jüdischen Generale gäbe, machte der Oberst die absichtliche Ausschließung der Juden vom Offiziersstande in Preußen geltend. Als der Freiherr die Anden als imgeeignet zu-Vorgesetzten erklärte, erwiderte der Oberst, daß in Amerika, Frankreich und Italien Juden als Führer einzelner Korps sich trefflich bewährt hätten: Als endlich der Kreisrichter seinen Wunsch zum Ausdruck brachte die Juden möchten wieder nach dem Lande zurückkehren,-von dem sie stammen, schloß der Oberst die Unterhaltung mit den Worten: „Es liegt denn wohl im Interesse von allen, daß die Juden zerstreut bleiben und in den Vökern ausgehen, unter denen sie wohnen, deren Sprache sie sprechen,, deren Schulen sie besuchen, deren Waffen sie tragen, für die sie kämpfen und sterben müssen. Das Rad der Weltgeschichte läßt sich nicht zurückdrehen; helfen wir ihnen durch vollste Anerkennung und Gerechtigkeit, deutsche Vollbürger zu sein und zu bleiben." „Das ist auch mein Wunsch," sagte der Pastor; „je mehr wir sie als unsere gleichberechtigten Brüder betrachten, je liebevoller wir sie behandeln, um so eher dürfen wir hoffen, daß sie auch einmal unserem Glauben der Liebe sich aus eigenstem Herzenstriebe zuwenden." „Das walte Gott," fügte der Oberst bei. .. Der Pastor verabschiedete sich, während der Oberst bei dem Freiherrn zurückblieb. Zwölftes Kapitel. Cäcilie v. Spitzau. „Nun aber fort mit der leidigen Politik und der ganzen Judenfrage," rief der Oberst lebhaft. „Freue mich wirklich herzlichst, wieder einmal einen-Fe^seck zu sprechen. Ist schon so lange her, daß ich keinen mehr sah, so an die dreißig Jährchen. Ja, man wird alt. Aber nun verzeihen Sie mir noch die Neugier: von welcher Linie der Felseck sind Sie?" „Von der jüngeren Linie, Felseck Haus Schwarzenberg;- mein seliger Vater war Rittmeister Maximilian Freiherr v. Felseck auf Schwarzenberg." „I nu nee, das nenne ich mir eine Ueberraschung. Also ein Sohn vom Max. Mit dem war ich noch zusammen im Kadettenkorps; er kam dann nach Danzig zu «den schwärzen Husaren, ich nach Berlin zur Garde. Jet, jet, wo sind die Zeiten hin? War ein schneidiger Kamerad, der Max; was haben wir als Kadetten nicht zusammen angestellt!" „Und Sie haben meinen Vater seit Ihrer Jugend nicht wiedergesehen?" „O doch, doch, noch wiederholt; aber dann freilich trat etwas zwischen uns, ein Zerwürfnis, na, lassen wir's. Wußte nicht einmal, daß er sich verheiratet hat; könnte ihm fast böse sein, daß er mir es damals nicht angezeigt hat. Hätte den Anlaß zu unserer Versöhnung geben können. Wann haben Sie Ihren seligen Vater verloren?" „Vor acht Jahren; ich hatte gerade meine Großjährigkeit erreicht, als ihn ein Schlaganfall traf." , „Ein Schlag, hm ja, schlimm für die Umgebung, aber ein Segen für den Sterbenden. Er hat doch nicht lange gelitten? Interessiert mich, da ich auch ein bißchen Anlage zum Schlagfluß haben soll. Oder , ist es Ihnen unerwünscht, davon zu sprechen?" „Gewiß nicht; reißt's auch die Wunde auf und weckUs' auch den alten Schmerz, so denke ich des teuren Verstorbenen doch so -gern. Er war ein. herrlicher Mann, das Ideal eines Vaters, dem Knaben ein strenger und doch so liebevoller Erzieher, dem Jüngling ein wahrer Freund und Vertrauter, ein Bruder voll Nachsicht und Geduld, ein allzeit hilfsbereiter Berater." „Ja, ja, das sieht ihm gleich, dem Max. Na, hat aber auch — pardon, daß ich's so srei heraus sage - - am Sohn Freude haben können; Sie sehen ja Prächtig aus; zwar ihm nicht gerade .ganz aus dem Gesicht geschnitten, aber doch der richtige Felsecksche Zug um Mund und Kinn. Und mit noch nicht 30 Jahren bereits Kreisrichter, allen Respekt, und, wie ich vom Stabsarzt gehört, natürlich auch Leutnant der Reserve." „Gewiß, Herr Oberst. — Was nun den Tod meines seligen Vaters anlangt, so war es am 6. August 1871, ein sehr heißer Tag, zufällig auch mein Geburtstag, mein einundzwanzigster. Der Vater war froh bewegt, beschenkte mich reich, und wir tranken zu Ehren des Festes ausnahmsweise einen schweren Bordeaux und zum Schluß eine Cliquot. Ich war damals noch Student und von dem feucht-fröhlichen Heidelberg gerade zu den Ferien nach Hause gekommen." „Das war in Schwarzenberg?" „Pardon; Schwarzenberg hat der Vaters bald nach dem großen Brande von Schloß und Dorf verkauft, und wir waren nach Wiesbaden übergesiedelt." „Was Sie sagen?' Aber bitte, erzählen Sie weiter." „Der Vater ging nach Tisch auf sein Zimmer, wo er ein kurzes Mittagsschläfchen zu halten pflegte. Als er nach einer Stunde noch nicht, wie es seine Gewohnheit war, in den Salon zurückgekehrt war, klopfte ich an seinem Zimmer an; keine Antwort; ich lege bestürzt mein Ohr an die Tür und höre ein dumpfes Röcheln; erschreckt trete ich ein; er ist vom Fauteuil vor dem Schreibtisch herabgesunken; auf dem Pult vor ihm liegt ein angefangener Brief an mich. Ich schicke zum Arzt. Was die Kunst vermag, geschieht; aber um 8 Uhr abends war der teure Vater, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben und ohne eigentlichen Todeskampf, verschieden." Der Freiherr schwieg bewegt. Der Oberst drückte ihm teilnahmsvoll die Hand. „Armer junger Freund; aber für den Max doch ein Glück, daß es so schnell ging. Ist auch mein Wunsch, einmal so rasch und ohne langes Siechtum zur großen Armee einberufen zu werden. Wenn ich bedenke, wie andere Kameraden sich jahrelang quälen müssen, na, lassen wir's. Und Ihre verehrte Frau Mutter?" „Sie ist dem Vater schon früh im Tod vorausgegangen. Sie starb, als ich sechs Monate alt war." „Traurig, sehr traurig. Aber pardon, von welcher Familie war Ihre selige Frau Mutter?" „Mama war die Nichte meines Vaters, ein geborene Freiin v. Spitzau, die jüngste Tochter des Landrats Tanno v. Spitzau, der die Schwester meines Vaters geheiratet hatte." „Unmöglich!" rief der Oberst. „Sie meinen wegen der Verwandtschaft; aber die Eltern waren ja beide evangelisch; bei uns bedurfte damals nach dem Landrecht zwar die Ehe des jüngeren Neffen mit der älteren Tante eines staatlichen Dispenses; aber die Ehe zwischen Onkel und Nichte war schon damals durchaus erlaubt und ist es. heut, von der Schweiz abgesehen, fast überall." „Na ja, na ja, juristisch natürlich ganz möglich. Pardon, hieß Ihre selige Mama nicht Cäcilie mit Vornamen?" „Ganz gewiß, Cäcilie Juliane Elfriede Jo. Spitzau." Der Oberst führ sich mit dem Taschentuch über die Stirn. „Etwas heiß hier im Zimmer, Herr Kreisrichter, nicht wahr? Etwas schwül. Also Cäcilie v. Spitzau ist Ihre Frau Mutter. Und der Max war Ihr Vater? Aber ich bitte nochmals um Pardon, Cäcilie hatte doch einen Juristen geheiratet?" „Vielleicht meinen Sie meine Tante Malvine, die den Appelationsgerichtsrat v. Sandishösen zum Mann hatte."