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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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der.Erklärung oder Entschuldigung für das Verhalten, dieser Juden. . Aus Schiffs Stellung zum Judentum ergab sich folgerichtig sein Abfall von der Religion seiner Väter. Allen Behauptungen entgegen, die — in vielen Handbüchern — Schiff für imgetauft erklären, konnte ich herausfinden, daß er sich in Großenhain in Sachsen evangelisch taufen ließ. Den äußeren Anstoß zu diesem Schritt gab.die Heirat Schiffs mit einer Leipziger Küsterstochter, die ihm nach eintägiger Ehe davonlief. Er war indes so lethargisch, daß er sich von ihr ni e scheiden ließ, obwohl sie, den unmoralischesten Lebenswandel führte, zwei außereheliche Kinder gebar und Schiff als Vater reklamierte. Diese Heirat war der Anlaß zu den empörendsten behördlichen Vexationen, denen Schiff jahrelang ausgesetzt war. Da er nämlich 1848, entgegen seiner sonstigen konservativ-romantisch-aristokratischen Anschauung, im demokratischen Sinne schrieb, benutzte der Hamburger Senat Schiffs im Ausland, (in Preußen!) mit einer Ausländerin ohne Bewilligung geschlossene Ehe, ihn aus Hamburg ausweisen zu lassen. Da er sich nicht fügte, wurde er verhaftet, und erst das energische Eingreifen des sächsischen Ministeriums des Aeußeren bewirkte es, daß diese Ungesetzlichkeit aus der Welt geschafft wurde. (Der Aktenwechsel ist in meinem Buche publiziert.) Natürlich litt Schiff unterdieser jahrelang betriebenen, ungeheuerlichen Ungerechtigkeit sehr schwer; gutgemacht wurde sie an ihm freilich in keiner Weise. Ja, das Schicksal spielte ihm sogar so übel mit, daß er sich 1857 in das Hamburger Werks- und Armenhaus ausnehmen lassen mußte; ein Schritt, der in ganz Deutschland peinlichstes Aussehen machte. Dann freilich öffneten sich ihm viele Zeitschriften, die Verleger nahmen sich seiner an, auch die Schillerstiftung und Heines Verwandte unterstützten ihn. So konnte er, der drückendsten Sorgen ledig, noch zehn Jahre leben, bis ihn in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1867 der Tod einsam überraschte. folgt.) EKTESS Drr Aritilrmit. Roman von Ernst Theodor Justi. XVI. lso als Einpauker", lachte der Kreisrichter; „aber was hörten Sie weiter von ihm?" — „Direkt leider nichts mehr; nur durch den Doktor erfuhr ich, daß er zum Stadtrichter in Breslau ernannt und dort noch im ersten Jahre seiner Ehe, bald nach der Geburt eines Sohnes, von der Cholera dahingerafft worden sei." „Und jener Sohn?" „Ist vermutlich gestorben; wenigstens habe ich nie etwas von ihm gehört. Aber nicht wahr, Schwester," rief er der eben eintretenden Diakonissin zu, „nicht wahr. Sie kommen, mich an den Aufbruch zu mahnen?" „Ganz und gar nicht; der Herr Oberstabsarzt hat ja Besuche erlaubt. Aber hier, Herr Kreisrichter, eine Visitenkarte des-Herrn Oberst; er reise morgen ab und hätte Sie gern heute gesprochen." „p. Sporn, Oberst und Bezirkskommandeur", las der Freiherr; „natürlich sehr willkommen." Die Schwester verließ das Zimmer, und gleich darauf lugte ein prächtiger eisgrauer'Kopf mit freundlichen blauen Augen, martialischem weißen Schnurrbart und hochroten Wangen . durch die halbgeöffnete Zimmertür. ' - . Elftes Kapitel. D er H err O b erst. „Störe doch nicht meine Herren? Nicht währ, Herr Kreisrichter v. Felseck? Oberst v. Sporn, alter Freund Ihres Hauses. Und — i nu nee — wahrhaftig, Herr. Pastor Liebig; lange nicht gesehen, mein lieber Herr Pastor, lange nicht -gesehen." - Felseck reichte dem Oberst die Hand und lud ihn zum Sitzen ein. Der Pastor erklärte nachdem, er mit dem Oberst freundlichen Handschlag ausgetauscht hatte, aufbrechen zu wollen. „Wirklich," sagte er, aus die Uhr sehend, „mein Besuch hat eine Stunde gedauert; über der lebhaften Diskussion habe ich die Zeit ganz vergessen." „Lassen. Sie sich nur durch mich nicht vertreiben, Herr Pastor," bat der Oberst. „Ueber was haben denn die Herren so lebhaft diskutiert? Bin ja, wie Sie wissen, selbst großer Freund angeregter Debatten." „Ueber unser nationales Unglück, wie Treitschke es nennt," erwiderte der Freiherr. „Ueber das Gebot der christlichen Nächstenliebe," bemerkte der Pastor. „Ach die sogenannte Judenfryge," sagte der Oberst. 1 . „Sogenannte, Herr Oberst? Ich dächte doch, es gibt eine wirkliche Judenfrage." „Ach Spaß; daß Juden vorhanden sind, ist doch keine Frage." „Unserem Herrn Kreisrichter sind es ihrer nur zu viele," bemerkte der Pastor. - > „Na, liebe die jüdischen Geschäftsleute auch nicht gerade sehr und habe mich nie.mit ihnen eingelassen; aber zu viel? . Totschlägen oder austreiben kann man sie doch nicht." „Nur ihrer sich wehren, ihnen keinen Grundbesitz, keine : Ehren und Würden, keine Beamten- und Militärstellen einräumen." „So wollten Sie die Juden aus dem Heere entfernen?" . „Am liebsten allerdings; zum mindesten sollte kein Jude auch nur Gefreiter werden, geschweige Unteroffizier." „I nu nee! Wäre doch eine schreiende Ungerechtigkeit, . wenn sie im Dienst ihre Pflicht tun." „Und nicht, wahr," fragte der Pastor, „nicht wahr, die israelitischen. Soldaten haben ihre Pflicht immer tapfer erfüllt?" „Im Frieden wenigstens pflegen sie tapfer zu fein," sagte der Freiherr in spöttischem Tone. „Da muß ich denn doch sehr bitten," rief der Oberst; „habe auch in meinen drei Feldzügen mit meinen jüdischen Soldaten gute Erfahrungen gemacht; ein paar schwache, und schlappe gab es wohl auch unter ihnen, aber das Gros ist immer brav mitmarschiert und mitgestürmt, der Wahrheit die Ehre, und keiner ausgekniffen." , „Wäre ihnen auch übel bekommen," warf der Freiherr : ein; „wer im Felde auskneift, wird, vom nächsten Offizier nie-; dergestochen. Und sie können gut rechnen, die Juden; vor- , wärts gibt es vielleicht eine Wunde, rückwärts sicher den Tod." ■ „I nu nee!" polterte der Oberst; „das ganz gleiche gilt: doch auch von dem christlichen Soldaten; es sind ja auch der - Juden genug von dänischen, österreichischen und französischen . Kugeln getroffen worden und rühmlich gefallen." „Sie starben den Heldentod fürs Vaterland," bekräftigte - der Pastor. „Nicht jeder Gefallene ist-ein Held," bemerkte der Freiherr. , „Pardon, Herr Kreisrichter," sagte der Oberst, „Sie haben vermutlich die drei Feldzüge noch nicht mitgemacht; ich habe damals manche Juden mit wahrem Heldenmut kämpfen und fallen sehen."; *

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