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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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501 Hunderts immerhin auffallend erscheinen mag. Er begeisterte sich an der Tugendbündelei, der nach den Freiheitskriegen tue christlichen deutschen Knaben anhingen, trug wie sie den breiten altdeutschen Kragen und berauschte sich an den Liedern der Patrioten. Für jüdische Dinge hatte er weniger Interesse; der Hamburger Judensturm von 1819 machte aus ihn geringen Eindruck;-Hebräisch lernte er gar nicht, dafür nahm er am christlichen Religionsunterricht teil. Aus den Universitäten Berlin und Jena studierte er Jura, wurde aber aus Grund einer Dissertation „lieber die Natur des Schönen und Erhabenen" Doktor der Philosophie und lebte dann als freier Schriftsteller in Hamburg und Leipzig. In Gesellschaft des Neffen Ludwig Tiecks, Wilhelm Bernhardt, gab er eine kurzlebige Monatsschrift „Dichterspiegel" heraus und publizierte gleich zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn drei belletristische Werke, die ihn als getreuen Verehrer der allmählich ausklingenden romantischen Poesie erscheinen lassen. Als Fort? scher des E. Th. A. Hosfmannschen „Kater Murr", was Heine, wie er kurz und bündig an Moses Moser schrieb, . beinahe den „Tod auflud", und Erzähler vieler Novellen, die samt und sonders Hoffmanns Beeinflussung verraten, errang Schiss rasch einen geachteten Schriststellernamen. Er ging dann nach Berlin, wo er für Gubitz' „Gesellschafter" -und Alexis' „Freimüthigen" eine Ueberfülle von Novellen, Kritiken, Skizzen ufw. schrieb. Auch als Dramatiker debütierte er in Berlin; das königliche Schauspielhaus brachte seine „Agnes Bernauer" zur Ausführung, ein Stück, das selbst gegenüber Hebbels Drama den Vorzug hat, eine menschlich und künstlerisch begreifliche Katastrophe zu enthalten. — Alle Werke Schiffs sind echte und rechte romantische Produkte, und er fesselte mit ihnen die zeitgenössische Kritik derart, daß man in ihm (sogar gegenüber Tieck, gegen den man Schiff immer wieder ausspielte) den Wiedererwecker der alten Romantik stürmisch begrüßte. Schiff war die literarische Bevorzugung der Romantik Herzenssache. Immer wieder, selbst im hohen Alter, schwelgt er in ihrer Verherrlichung; jede ihrer Forderungen, sogar ihr extremes Hinneigen zum Katholizismus, wurde für ihn Evangeliums Daraus erklärt sich leicht seine allmählich immer schärfer werdende Abneigung gegen das Judentum, dem Schiff endlich sogar schroff feindlich gegenüberstand, ebenso wie die Bearbeitung zweier französischer Werke von dem allmählich in Mode gekommenen Honore de Balzac, die Schiff als Uebersetzungen ausgab, die aber in vieler Hinsicht völlige Verkehrungen der Ansichten Balzacs in das Gegenteil bedeuten. „La peau de chagrin" und „Seines de la vie privee", die Schiss als „Das Elendsfell" und „Lebensbilder" überarbeitete, haben mit den französischen Originalen fast nichts zu tun, wenn sie auch nicht, wie Karl Goodeke meinte, der eine höchst ungerechte und unrichtige Biographie Schiffs verfaßte, Unterschiebungen sind. Ich lege diese Werke Schiffs unter dem Gesamttitel „Lebensbilder" eben jetzt dem Publikum vorJ und erörtere dabei, wie Schiss dazu kam, sich Balzacs Namen zu bedienen, um seine eigenen literarischen Ansichten vorzutragen. Ihm war es bei seinem frommen Betrüge, aus den ihm aber die damalige deutsche Kritik nicht kam, um nichts anderes zu tun, als der hereinbrechenden realistischen Flut zu steuern und der alten Romantik, die Schiff in allen Tonarten verherrlicht, wieder die Wege zu ebnen. Es ist fast rührend, wie sehr Schiss in ihrer verklärten Bewunderung schwelgt, und daraus ergibt sich sehr leicht, daß er allen Richtungen, die der Romantik zuwiderliefen, den Krieg erklärte. So war er bis zu seinem Lebensende ein erbitterter Feind des „jungen Deutschlands", und Lebensbilder von Honore de Balzac. Aus dem Französischen übersetzt von Dr. Schiss. Mit einer Geschichte des Werkes und einer Biographie. Schiffs. Herausgegeben von Friedrich Hirt h. Drei Teile in zwei Bänden. München 1913 bei Georg Müller. namentlich Heine, mit dem er als Student seine Kasse geteilt hatte, war ein immer wieder schroff befehdetes Angrisssvbjekt Schiffs. Leider begnügte er sich indessen nicht damit, für die Romantik in Wort und Schrift einzutreten, sondern war auch bemüht, ihre Doktrin in das praktische Leben einzuführen. Ihre Wandersehnsucht und ihre Freude an der Ungebundenheit hatten in Schiss feste Wurzeln geschlagen; und so litt es ihn nie lange an einem Orte. Er verschwand plötzlich aus Berlin (1834), versprach zwar seinen Freunden Nachrichten, die aber ein Jahr lang ausblieben, so daß man Schiff für tot hielt und Willibald Alexis ihm sogar im „Freimüthigen" einen langen, warmen Nekrolog schrieb. Derartig aufgeputzte Ereignisse begegnen in Schiffs Leben an entscheidenden Lebensabschnitten immer wieder. Man darf nicht behaupten, daß er an ihrer Herbeiführung immer gänzlich unschuldig wäre. Manchmal stellte er sich selbst gern in den Mittelpunkt von Affären, um dadurch ans sich und seine Werke aufmerksam zu machen; noch öfter trat freilich das brutale Schicksal für ihn ein, indem er durch Verhaftungen, Internierung in einem Armenhause usw. von sich reden machen konnte. Schiff ist ein ausgesprochenes Kind des Unglücks. Jedes seiner bedeutenderen Werke wurde durch ein großes, von ihm unverschuldetes Ereignis totgemacht. Als seine „Agnes Bernauer" in Berlin gespielt wurde, wütete die Cholera; der Hamburger Brand, die Märzrevolution und ähnliche Weltereignisse lähmten immer das Leserinteresse, wenn Schiff gerade am meisten zu sagen gehabt hätte. Dadurch gingen seine zwei wichtigsten Werke völlig spurlos an den Zeitgenossen vorüber, Werke, die namentliche für Schiffs Stellung zum Judentum höchst bedeutungsvoll sind. Man muß es rundweg aussprechen: Schiff hatte für das Judentum nichts übrig. Das erklärt sich lediglich aus seinen romantisierenden Neigungen, die ihn dem Katholizismus völlig geneigt machten. Wenn Heine (nach Alfred Meißners Bericht) das Judentum ebenso lächerlich wie ehrwürdig fand, so erschien es Schiss bloß lächerlich und Erbärmlich. Immer wieder erhebt er die schwersten Anklagen gegen das Judentum, aber immer nur wegen seines Zelotismus, den zu befehden, Schiff kein Ausdruck stark genug war. Eine Geschichte wie „Simon Abeles" (in „Hundert und ein Sabbath", Leipzig 1842) oder „Schief-Levinche mit seiner Kalle" (Hamburg, 1848) ist nur von der erbittertsten Wut über den religiösen Fanatismus des Judentums erfüllt, das sich nicht scheue, zu martern und zu morden, wenn eine Glaubenssatzung in Gefahr scheine. Am prägnantesten sprach Schiff seine Ansichten in dieser Hinsicht in einem gegen Heine gerichteten Aufsatze der Rugeschen „Jahrbücher" aus, worin er gegen seinen Stiefvetter voll vehementer Wucht wegen seiner Shhlockkommentierung (in „Shakespeares Mädchen und Frauen") auftrat. Und selbst, als Heine tot und Schiss alt war, nachdem Heine mit der ganzen Jmpetuosität seines Temperaments für Schiff und sein „Schief-Levinche" eingetreten war, verzieh ihm dieser die Auslegung der Figur des Shylock nicht und wiederholte, verstärkt und vergröbert, seine Ausfälle auf Heine in seiner Schrift „Heinrich Heine und der Neuisraelitismus" (1866). Dieser Begriff „Neuisraelitismus" war für Schiff das rote Tuch, das ihn in Wut versetzte. Kein Laster ist ihm zu arg, um das Judentum dessen nicht zu beschuldigen, wobei er gar arg über die Stränge schlägt und alle Lichtseiten des Judentums blind übersieht. Die Tempel waren ehemals Tanzlokale, in denen gemeine Orgien gefeiert wurden („Das koschere Haus"), die Frauen der Rabbiner begehen unaufhörlich Ehebruch („Die wilde Rabbizin"), die jüdischen Ehemänner verfolgen vor ihren Frauen die „armen" Christenmädchen und bringen sie zu Falle („Redlichkeit und Schwindel"). Nirgends ein Jude, der sympathisch wirkt; nirgends auch nur ein Wort

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