Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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noch lückenhaft und in hohem Grade anfechtbar ist. Um so größere Vorsicht erscheint allen Balkanangaben gegenüber geboten, die meistenteils von den Bewohnern jener Gegenden selbst herrühren und mit leicht federnder Phantasie bald nach oben, bald nach unten abgerundet zu werden pflegen. Vollends aber jetzt, wo die. Verbündeten in den okkupierten Gebieten sich gegenseitig liebevoll den Garaus machen (ohne dabei natürlich auch die anderen eingeborenen Völkerschaften in anerkennenswerter Weitherzigkeit unberücksichtigt zu lassen), um auf diese Weise ihren Ansprüchen auf gewisse Territorien die noch fehlenden „völkerrechtlichen" Unterlagen nachhelsend zu verschaffen. Wenn also auch unsere Ausführungen gewiß nur unter allem Vorbehalt gemacht werden dürfen, glauben wir doch die Zahl der Bewohner der bisherigen europäischen Türkei auf 7—-8 Millionen angeben zu können. Davon wären 1,1—134 Millionen Türken, 134—2 Millionen Griechen, 134 Millionen Bulgaren, •% Millionen Serben, liK bis 2 Millionen Albaner, 0,4—0,6 Millionen Rumänen und Kuzo- Walachen. Die Türken wohnen, von Konstantinopel abgesehen, aus der Balkanhalbinsel nirgends in geschlossenen Massen beisammen, sondern leben meist in 6er Nähe größerer Städte wie Adrianopel, Serres, Jsiip, Saloniki, Monastir, Skutari inselartig unter der anderen Bevölkerung zerstreut. In manchen Gegenden sind sie so gering an Zahl, daß man außer den Beamten kaum sonst noch einer türkischen Zivilperson begegnet. Früher galten die Griechen als das am meisten verbreitete Volk auf dem Balkan, indem man in jedem Anhänger des orthodoxen Glaubens zugleich einen Angehörigen der griechischen Nation erblickte. Jetzt weiß man, wie wenig stichhaltig dieses Kriterium ist. Aber auch ohne dies weist das griechische Element eine überaus starke Ausdehnung aus und ist ebenso in Epirus, den südlichen Teilen Mazedoniens und an den Küsten des Aegäischen und Schwarzen Meeres bis hinauf zur Doniaumündung wie aus den Aegäischen Inseln und an der Küste Kleinasiens anzutreffen. In ziemlich kompakter Masse kommen Bulgaren im alten Thrazien und vorzüglich in Mazedonien vor. Westlich greisen sie dann nach Serbien und Albanien über, während sie im Süden mit Albanern, Türken und Griechen sich mischen. In ethnographischer Beziehung bietet gerade Mazedonien ein überaus lehrreiches Bild. Von den rund anderthalb Millionen Menschen, die laut neuerer Statistik das Land bewohnen, sind knapp 460 000 Bulgaren, 350 000 Albaner, 150 000 Griechen, 120 000 Serben gegen 100 000 Kuzo-Walachen und nicht ganz 30 000 Türken. Der Rest zerfällt dann noch aus soundso viele andere Volksstämme, von denen die Juden, die in Saloniki allein über 70 000 zählen, besonders zu erwähnen sind. Aber bei näherer Betrachtung wird man finden, daß selbst die 460 000 Bulgaren noch lange keine geschlossene Einheit bilden, indem nahezu 50 000 von ihnen, die sogenannten Pomaken, Mohammedaner sind und in mehr oder minder starkem Maße zu den glaubensverwandten Türken Hinneigen. Und schaut man noch tiefer, so wird man die Erkenntnis gewinnen, daß bitrcC) die fortwährende Berührung und das unablässige Hin- und Hersluten bulgarischer und serbischer Elemente der mazedonische Slawe hinsichtlich der Sprache, der Gebräuche wie der Kultur überhaupt etwas anderes und vom sonstigen Typus Abweichendes geworden ist, ohne freilich hierbei eine Verschmelzung oder auch nur tiesergreifende Verbindung beider Teile vollzogen zu haben. Es ist der Balkan, wie er leibt und lebt, der Balkan en miniature mit all seinen Wirrnissen, Gegensätzen und Spam nungen, ein sinnbetörendes Leidenschastslabyrinth, aus dem ein befriedigender und friedenbringender Ausweg sich schlechthin nicht finden lassen dürfte. „Mazedonier", bemerkte einmal jemand sehr hübsch, „das ist keine Nation, das ist. eine — Profession." Ungünstiger noch als die Lage der Bulgaren ist die der Serben, die nicht einmal ihr'eigenes Königreich ausfüllen, sondern es im Nvrdvsten mit Rumänen und im Südvsten mit Bulgaren teilen müssen. Verhältnismäßig dicht sitzen die Serben in Altserbien und im nördlichen Mazedonien, so daß die Erwerbung in Novibazar tatsächlich eine nicht geringe Stärkung des Serbentnms im Reiche darstellt. Sonst sind sie zwar ziemlich stark verbreitet, befinden sich aber doch fast durchweg in der Minderzahl — wie überhaupt das tragische Geschick der Serben darin besteht, die Schwerkraft ihres Stammes außerhalb der Grenzen ihres Staates — so in Bosnien, der Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Dalmatien, Ungarn — ruhen sehen zu müssen. Aus diesem Grunde glaubte man ja ihnen auch den Zugang zum Meere verwehren zu sollen, indem man, zur äußeren Rechtfertigung wenigstens, aus den Umstand verwies, daß im Südosten Bulgaren und Griechen, im Südwesten Albaner und Montenegriner sich ihnen in den Weg legtett und damit die Adria- und Aegäissperre für sie unvermeidlich machten. Es ist daher schließlich auch begreiflich, wenn aus der' anderen Seite die Serben mit aller Gewalt in den von ihnen besetzten Gebieten auf eine Stärkung des serbischen Elements hinarbeiten und in einem Lande, wo, wie bemerkt, Religion und Nationalität von der Bevölkerung leichter gewechselt zu werden Pflegen als der Rock, womit natürlich nicht auf die selten vorkommende Erscheinung des Kleiderwechsels angespielt werden soll, dieses Ziel vor allem mittels zwangsweiser Massenbekehrung zu erreichen suchen. So wurde vor kurzem aus Mazedonien gemeldet, daß infolge des zahlreichen Uebertritts der dortigen exarchistischen Bevölkerung zur serbischen 'Rationalkirche die bulgarischen Bischöfe in Uesküb, Köprülü, Dibra, Kitschowo, Ochrida und Monastir als Protest ihre Amtssitze verlassen und sich außer Landes begeben haben. Daß die von Serbien erstrebte Ausdehnung seiner Einflußsphäre in Mazedonien dadurch nur gewinnen wird, versteht sich von selbst. (Fortsetzung folgt.) Hermann Schiff. Bon Professor Dr. Friedrich Hirth (Wien). I. ftt iue prinzipielle Vorbemerkung muß diesen Ausführungen über einen jüdischen Dichter vorausgeschickt werden, um selbst die empfindsamsten Gemüter, denen manches nicht allzu sympathisch erscheinen könnte, über die Gesinnung des Verfassers dieses Aufsatzes aufzuklären. Er hat nämlich nur eine: volle historische Wahrheit vorzutragen, einerlei, ob diese als philosemitisch oder am Ende gar als antisemitisch ausgedeutet werden wird. Als objektiver Geschichtsschreiber darf er naturgemäß nur seines Helden Ansichten wiedergeben; ltnd wenn dann eines der früher erwähnten empfindsamen Gemüter mit etwaigen Ansichten über jüdische Fragen, in denen mein Urteil völlig inkompetent ist, nicht einverstanden sein sollte, müßte es Hermann Schiss dafür zur Rechenschaft ziehen. * Hermann Schiss (1801—1867) stammt aus einem gut jüdischen Hause, das einen dänischen Rabbiner zu seinen Mitgliedern zählte und mit der Familie Heinrich Heines nahe verwandt war. Allerdings.waren die Leiden Dichter nicht, wie man immer liest, Vettern, sondern nur Stiefvettern. Unser Hermann, der, als er noch Jude war, David Bär hieß, geriet schon als Hamburger Gymnasiast in eine Richtung, die er im Grunde genommen sein ganzes vielbewegtes Leben lang festhielt, die aber für einen Judenknaben zu Beginn des 19. Jahr-