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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-15 · Heft 42 (15.10.1913) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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Asch dem Mrdrnskchluh. Von Dr. Alphon's I. Sußnitzki. III. ber alles 'hätte sich vieleicht gegeben, wenn nur der Türkei 4\. einige Zeit der. Ruhe gegönnt worden wäre. Innere Krisen wollen ganz langsam überwunden werden, während umgekehrt selbst die aussichtvollsten Entwicklungsmöglichkeiten durch äußere Gewalt mitten in ihrem Verwirklichungsprozesse sür immer unterbunden werden können. Allmählich wäre wohl die Regierung Herrin der Situation geworden: sie hätte Ordnung geschaffen, die Widerstände niedergerungen, und nach und nach die auseinanderstrebenden Kräfte wieder geeinigt. Aber jene äußeren politischen Verhältnisse, die lange den „kranken Mann" nicht sterben ließen, mochten ihn jetzt auch nicht gesunden lassen. Die sozialen Schwierigkeiten, die politischen Unzulänglichkeiten, die Aufstandsbewegungen und Meutereien sowie die beständigen Zwistigkeiten im eigenen Lager waren besonders dazu angetan, bei den Nachbarstaaten schlummernde Begehrlichkeiten zu erwecken und neu anzufachen. Ganz inmitten des Zustandes der Gärung und der inneren Wandlung, freilich auch im ersten Stadium der Entwicklung aus drohender Versumpfung zur Erlangung gesun-) der normaler Verhältnisse, ist so die Türkei, wie aus einem Hinterhalte, von vier Seiten überfallen und, unvorgesehen und unvorbereitet, überrumpelt worden. Wohl gaben die europäischen Großmächte das eine über das andere Mal die Versicherung, einen Krieg auf dem Balkan nicht zuzulassen, aber sie besaßen weder Autorität genug noch solidarische Willenskraft, um den Frieden wirklich zu erhalten. So kam es zum Balkankrieg und damit unvermeidlich zum — türkischen Debakel. * Das Stammland der Türken. ~ Zwei Daten: am 15. Oktober 1912 wurde der Präliminarfriede von 'Ouchh, am 30. Mai 1913 der Präliminarsriede von London unterzeichnet. Sieben Monate und zwei Wochen liegen dazwischen, und dazwischen liegt auch der Verlust von Tripolis, der Eyrenaika, Thrazien, Mazedonien, Albanien, Kreta, desSandschaks Novibazar, des Restes von Thessalien sowie der meisten Aegäischen Inseln. Man muß schon weit in die Geschichte zurückgehen, um einem ähnlichen Fall von Einbuße so großer Territorien in so kurzer Zeit wieder zu begegnen. Es war der kat astr o ph al e Zusammenbruch des ein st m als gewaltigen Türkenreichs . . . Allein, hier wird man doch die Frage auswerfen müssen, ob die Niederlage eine rein militärische oder auch moralische war, ob sich nur das türkische Heer als schwach und unvorbereitet oder darüber hinaus das ganze Volk als krank und innerlich morsch erwiesen hat, so daß der Ausgang des Balkankrieges, unter der letzteren Voraussetzung, mit dem Abschluß des einen Prozesses zugleich schon den Beginn oder zum mindesten die Anbahnung eines sich daran reihenden neuen Prozesses involvieren würde. Da werden wir nun gut tun, wenn wir, an die früheren Ausführungen anknüpfend, uns zunächst über den ethnologischen Charakter des in Betracht kommenden Gebietes zu orientieren suchten. Eine einwandfreie Darstellung der Nationalitätenverhältnisse Auf der Balkanhalbinsel wird sich freilich kaum erzielen lassen; dazu sind dort die Völkerschaften nicht nur zu sehr durcheinandergewürselt, sondern direkt miteinander vermengt und blutdurchsetzt. Seit Jahrtausenden haben sich zahlreiche Völker über den Balkan ergossen, und dabei fast stets einen mehr oder weniger starken Bodensatz zurückgelassen. So könnten auch die jetzigen Bewohner nur zum verhältnismäßig geringen Teile als Autochtone gelten, indes die meisten von ihnen, bald freiwillig, bald gezwungen, dem Wandel und der Wandlung unterworfen, Religion und Sprache/Orts- und Stammeszugehörigkeit häufig wechselten, dabei sich ihrer neuen Umgebung einigermaßen anpassend, ohne jedoch durch den Schmelgtiegel einer höheren' Rasse und Kultur eine innere Verbindung mit ihrem Milieu zu vollziehen. „Der Kaiser Diokletian", bemerkt Albrecht Wirth, in seiner „Geschichte der Türken" diesen Zustand sehr hübsch illustrierend, „erbaute sich einen berühmten Palast zu Spalato. Dieser Palast liegt jetzt in Trümmern, aber in die Ruinen ist eine ganz neue Stadt hineingebaut, die das seltsamste Bild der Welt bietet. Die Häuserchen der Epigonen sind nämlich dermaßen an die grandiosen Reste der Vergangenheit angeklebt, sind so drum und dran,.drüber und drunter und drum herumgebaut, daß kein Verstand der Verständigen sich mehr aüskennt. Aehnlich ist die Lage auf der Balkanhalbinsel. Auch dort ist Aeltestes mit Neuestem derart vermengt, daß es ungemein schwer fällt, klar zu sehen, und noch schwerer, jedem sein gebührendes -Recht' zu erteilen." Eine gewisse Vereinfachung der Situation ist allerdings im Laufe des vergangenen Jahrhunderts dadurch entstanden, daß einzelne Landesteile sich zu eigenen Staatsgebilden zu entwickeln vermocht haben. Griechenland, Rumänien, Serbien, Montenegro und Bulgarien, denen 'es nacheinander gelungen war, sich von der Türkei loszureißen und selbständig zu machen, sind gleichzeitig auch zu Nationalzentren geworden, zu welchen fortan die Stammesgenossen hinzugravitieren pflegten. Aber die Grenzen der Staaten und die natürlichen Grenzen der Nationalitäten blieben dabei doch zu sehr auseinanderliegen-d, -um aus dem Völkerschaftsaggregat eine nationale Kristallisation auf evolutionärem Wege erwarten zu lassen. Zudem waren auf der anderen Seite wieder, infolge starker Volksmischung, die Grenzen so unbestimmt und vielfach so sehr ineinander übergreifend, daß an der Möglichkeit, für die sich daraus ergebenden widerstreitenden Ansprüche, zu deren Schürung Komitatschis und Popen ihr möglichstes taten, einen friedlichen Ausgleich zu finden, förmlich verzweifelt werden mußte. - Die ethnographische Wissenschaft nimmt im allgemeinen für die europäische Türkei rund zwanzig Volksstämme an; und ein fein säuberlich rubrizierender Kopf würde womöglich die Zahl noch vermehren können. Wir wollen im folgenden uns darauf beschränken, die Völkerschaften nach Hauptgruppen anzuführen, wie sie im letzten Kriege im Hinblick auf die Nationalitätenfrage zum Ausdruck, gekommen sind. In diesem Sinne hätten wir zu unterscheiden zwischen Türken, Griechen, Bulgaren, Serben, Albanern, Rumänen und Kuzo-Walachen. Rumänien ist zwar dem Balkanbunde nicht beigetreten, hat aber doch nachträglich in den Streit mit eingegriffen, wobei ihm die im eroberten Gebiete lebenden Rumänen und die mit diesen stammverwandten Kuzo-Walachen in den Auseinandersetzungen mit Bulgarien als Argument oder wenigstens als Vorwand dienten. Die Bulgaren und Serben sind Slawen, die Griechen, Rumänen und Kuzo-Walachen Gräko- Latiner; die Albaner bilden für sich einen besonderen indogermanischen Volksstamm, der indessen sehr lange unter dem Einfluß der griechischen, romanischen und serbischen Kultur gestanden hat. Unter den Bewohnern der Valkanhalbinsel befindensich außerdem noch Russen, Polen, Deutsche, Magyaren, Juden, Armenier, Tscherkessen, Araber und Zigeuner. Ziffernmäßige Angaben über die nationale Gliederung in diesem Völkergewimmel lassen sich freilich nur schwer machen. In meinem oben erwähnten Artikel über , die problematische Türkei habe ich bereits darauf hingewiesen, wie wenig statistisches Material wir in der Türkei haben und wie dieses

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