Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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m - hier Bei genannt -- bestehen; das französische Staatsrecht legte sich -wie ein Mantel um dieselbe. Die islamiLische Stadt mit ihren Basaren, Mauern und Toren blieb unberührt; die französische Stadt wurde neben ihr erbaut. Während man in Algerien wie in. Konstantinopel, Brussa und Kairo alle Moscheen betreten darf, wenn man nur — wie in den Potsdamer und Berliner Hohenzollernschlössern — Filzschuhe über die Stiesel zieht, steht in Tunesien an jedem geistlichen Gebäude: K4s6?v6 au culte nialiometan; entree defendue äux nönmusulmans. Blickt man von der Straße in den Hof, so wird man höflich sortkomplimentiert. Nur fünf Städte, sind ausgenommen, deren Moscheen von Europäern betreten werden dürfen -- - darunter merkwürdigerweise nicht die Hauptstadt Tunis, wohl aber Kairuan. Dieser Ort, tief im Innern gelegen, aber jetzt durch Eisenbahn mit Tunis und Süs verbunden, war im Mittelalter Sitz einer berühmten j üd i s ch e n Hochschule. Später wurde der Islam dort immer fanatischer und gestattete nur Muselmanen, in der „heiligen Stadt" zu wohnen; kein Jude und kein Christ durfte sie betreten. Nur verkleidet, schlichen sich einige Europäer ein. Im Jahre 1881 zogen die Franzosen ohne Schwertstreich ein, und nun erklärte mit einem Schlage die muselmanische Geistlichkeit die Moscheen für entweiht und gestattete den Europäern, sie zu besuchen. Den „Europäern" ist nicht ganz richtig gesagt; denn nach dem Bardovertrage, der das französische Protektorat konstituierte, dürfen nur Christen, nicht aber Juden, in die Moscheen hinein. Aber der französische Zivilkommissar, der den Besuchschein ausstellt, nimmt zwar ein im übrigen sehr sorgfältiges Nationale auf -- die Religion wird aber in dem Formular nicht erwähnt.- So konnten wir unangefochten die wunderbaren Moscheen Kairuans mit Muße besuchen und das Minarett besteigen. Rund um Kairuan sind unzählige Gräber von Muselmanen. Wenn man dort stirbt, kommt man direkt in das Paradies. Ich muß noch die Synagogen der Stadt Tunis erwähnen: sie machen einen wenig imponierenden Eindruck. Aus dem Kirchhof sind die Gräber mit liegenden Steinplatten bedeckt, welche mit hebräischen Inschriften versehen sind. Die Pförtnerein sprach nur Italienisch. Es scheint, daß in diesem Teil Nordasrikas Italien große Anstrengungen macht, die jüdische Jugend durch Schulen 31t italienisieren. Kurz nachdem wir Tunis verlassen hatten, starb dort ein Rabbi, an dessen Begräbnis zehntausend Personen teilgenommen haben sollen. Leider haben wir das nicht gesehen. And nun fehlte uns noch in den nordafrikanischen Gegenden die Kenntnis des Ostwinkels, jenes Landes, welches den Schauplatz der gewaltigsten Ereignisse in der Geschichte des Judentums bildet, Aegyptens. Und auch Mizrajim zu schauem ward vergönnt; wir befuhren den Nil bis an die Südgrenze Aegyptens und noch weiter bis zum zweiten Katarakt Abu-sir bei Wadi Halfä. Ich war der Meinung, daß sich in diesem Wunderlande manches Rätsel des Judentums für mich lösen, daß ich manchen Schlüssel zu seiner Entwicklung finden würde. Aber davon bewährte sich wenig. Wo man Verständnis für eine Einrich- ■ tung bekam, zum Beispiel durch Vergleich der ägyptischen Tempel mit den Schilderungen des Zionstempels, tauchten gleich wieder andere Rätsel auf. An Glaubensgenossen fehlte es in. Aegypten nicht --- aber es waren. meist Europäer oder Amerikaner. Die Synagoge, die wir in Kairo besuchten, ist ein moderner Bau, der allerdings eine etwas verschnörkelte Fassade mit pylonenartigen Aufbauten hat, aber auch in Paris oder New Pork stehen könnte. Der Kultus am Sabbat bot nichts Besonderes. Von der Genizah, dem Gewölbe, in dem vor einigen Jahren uralte Schriften entdeckt wurden, wußte niemand etwas. Ebensowenig sahen wir auf der Insel Etephantine . Spuren der vor kurzem durch Urkunden außer Zweifel gestellten Militärkolonie des Cyrus. Manche Orte werden für biblische Erzählungen als deren Schauplatz in Anspruch genommen, zum Beispiel eine Mosesquelle, nach welcher ich von Kairo aus hinritt, eine ganz moderne Synagoge bei Alt-Kairo, an deren Stelle Moses vor dem Exodus gebetet haben soll, Der Schammes schien sich hier manches zu gestatten, was anderwärts verpönt ist: Er steckte sich im Gotteshause eine Zigarette an. Auch der Platz, an welchem die Prinzessin den Moses auffand,- wird in der Nähe gezeigt. Wenn man -an. solchen Orten auch fühlt, daß hier nur eine späte Kombination, keine echte alte Tradition vorhanden ist, empfindet man doch eine gewisse Genugtuung, dort gewesen zu sein. Der Mensch ist darin Idealist. Die „sogenannte" historische Mühle bei Sanssouci bleibt nie ohne tiefen Eindruck, obgleich der Müller niemals zum König gesagt hat: „Es gibt ein Kammergericht in Berlin!" Wie wirksam gerade biblische Reminiszenzen sind, kann'man daraus ersehen, daß die christlichen Missionäre in allen Weltteilen, sobald sie Anklänge an biblische Zustände fanden, glaubten, die verlorenen zehn Stämme Israels gesunden zu haben. Von wirklichen historischen Hinweisen auf Israel zeugen in Aegypten die vielen Inschriften und Malereien auf den Tempelwünden, in denen -die Kriegszüge der Aegypter nach Palästina geschildert werden. Auch die Mumie des Pharao Meremptah mag hierher gerechnet werden, der nach der Alexandrinischen Ueberlieferung der „Pharao des Auszugs" war. Sie ruhte mit vielen anderen Königsmumien mehrere Jahrtausende lang in einer Felsspalte und wurde erst 1898 entdeckt und in das Museum von Kairo gebracht. Von einem Tod in den Meereswogen'ist an ihr nichts zu entdecken. . Für denjenigen, welcher sich für Religionsgeschichte interessiert, ist der Bemerkenswerteste der Pharaonen Amenophis IV., welcher alle anderen Kulte verbot und nur die Anbetung der Sonne gestattete, also eine Art von Monotheismus einführte. Er regierte von 1375 bis 1358 und machte Tell-el- Amarna zu seiner Residenz. Gleich nach seinem Tode siegte die Reaktion und die von ihm unterdrückten killte wurden wieder neu belebt. - ' Man hat früher versucht, den Mosaismus dadurch 31t erklären, daß man annahm, in Aegypten sei der Monotheismus der Glaube der Gebildeten gewesen. Der Tierkult und Götzendienst seien nur für die abergläubische-Masse berechnet gewesen Mose habe in Mysterien die Religion der Gebildeten kennen gelernt. - Die Forschungen haben erwiesen, daß diese Anschauung auf Phantasie beruht. Die oberen Schichten waren in Aegypten nicht Monotheisten, und selbst die Religion des Amenvphis IV. ist vom wahren.Monotheismus weit entfernt. Das Wunder der Entstehung des Monotheismus bleibt in Aegypten unerklärt. Wer sich nicht nach dem frommen Glauben der Väter damit beruhigt, daß Gott selbst sich dem Mose auf Sinai offenbart hat, steht vor dem-größeren Wunder: An einem einzigen Orte der Erde, in einem politisch schwachen Staatswesen, welches zwischen den großen Reichendes Niltales und des Euphrattäles eingeklemmt war, in einem einzigen Volke ist der Monotheismus entstanden und hat sich vvn da siegreich über den ganzen Erdball ausgebreitet. In allen fünf Weltteilen gibt es Synagogen, in denen der Einzig- Ewige angebetet wird, und die Tochterreligionen des Judentums verbreiten überall die monotheistischen Ideen in etwas modifizierter, aber doch ihre Quelle nicht verleugnender Form. Von den'Pharaonen und ihrer Herrlichkeit ist wenig übriggeblieben, das von ihnen unterdrückte Judentum aber grünt und blüht weiter trotz aller Unterdrückung, die es seit jener. Zeit hat erdulden müssen.