Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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407 der niederländischen Regierllng zulsanunengeruseir und «von ihm. präsidiert. Aus diesen Konferenzen.sind sehr bedeutende internationale Verträge über das Prozeßrecht, die Ehe, - die Scheidung, das eheliche Güterrecht, die Vormundschaft und die Entmündigung hervorgegangen, welche von vielen europäischen Staaten unterzeichnet und ratifiziert sind. Für. manche, vorher beinahe unauflösliche Fragen weisen diese Verträge das angrUvendende Gesetz an. ' Als 1910 und 1912 im Haag internationale Konferenzen über die Vereinheitlichung des Wechsel- und Scheckrechts stattsauden, wurde A s s e r wieder Vorsitzender. Auch diese Arbeit hat er dem Ziele sehr nahe gebracht. Sein Tod wurde zu einer nationalen und internationalen Trauer, und es ist natürlich, daß Freunde und Verehrer den Plan eines Denkmals gefaßt haben. Daß die Arbeit der zwischenstaatlichen Verständigung große Schwierigkeiten mit sich geführt hat, ist einleuchtend, und daß A s s e r diese Schwierigkeiten so glänzend überwunden hat, liegt daran, daß er drei seltene Eigenschaften in seiner Person vereinigte: eine blitzschnelle Erfassung des Kernes einer Schwierigkeit, eine wunderbare Erfindsamkeit bei der Ausarbeitung des Lösungsgedankens und einen unbegrenzten diplomatischen Takt bei der Verwirklichung dieses Gedankens. Glücklich ist schon das Land, das diese Eigenschaften auf drei Staatsmänner verteilt findet! . Jitta. Dkriksnitche OlsuLrrei. Von Georg Minden. (Schluß.) ei der Fortsetzung unserer Reise kamen wir nach Setif, einer 1000 m hoch aus der Hochebene gelegenen, ganz in das altrömische Castrum, die viereckige Festung, eingebauten kleinen Stadt. Es war Sabbatnachmittag und die Glaubensgenossen gingen mit Weib und Kind spazieren. Abgesehen davon, daß die Männer weite Hosen und Turbane und die Frauen weite und grellfarbige Gewänder mit viel Goldschmuck trugen — hätte man glauben können, in einem deutschen Städtchen zu sein. Das Behagen am Zusammensein der Familien und an der Sabbatrnhe war dasselbe. Constantine, die Hauptstadt Ostalgeriens, hat noch ein Judenviertel, in welchem halb orientalisch, halb europäisch gekleidete Glaubensgenossen mit lebhaftem Handel beschäftigt sind. Aehnlich muß nach Goethes lebensvoller Schilderung das Frankfurter Ghetto im achtzehnten Jahrhundert ausgesehen haben. Wir kamen von da nach Hammam Meskutine, einem durch seine heißen Quellen berühmten Badeorte, welcher auf einer dem Pellowstone Park in Amerika ähnlichen Kalksinterterrasse liegt. Es gibt dort Steingebilde, die wie der Hans- Heiling-Felfen bei Karlsbad menschliche Gestalten Vortäuschen und hier wie dort von der Volksphantasie als ein versteinerter Hochzeitszug gedeutet werden. Auch ein unterirdischer See findet sich in der Nähe. Die ganze Gegend ist sehr romantisch, und kein Geringerer als der berühmte Afrikaforscher Georg Schweinfnrth sagte mir, daß er wünsche, dort in einem stillen Waldwinkel die ewige Ruhe zu finden. Das Badeetablissement umschließt einen viereckigen großen, gartenähnlichen Hof mit einem Teiche, in welchem Frösche im lauten und lauteren Wettbewerb mit Hunden und Singvögeln ihre Konzertstudien treiben. Die Gebäude enthalten auf der einen Seite die Gemächer für die Europäer, die aus eine offene Galerie hinausgehen. Die zweite Seite enthält ein Mussum mit dort gefundenen römischen Skulptur- und Architekturresten. Die dritte bildet den europäischen Speisesaal, in welchem auch viele algerische jüdische Familien sich an der guten, aber nicht rituellen Kost stärkten. Abgesehen davon, daß die Damen etwas mehr in die Breite gingen, als es bei uns der Fall ist, hätte man sie mit ihren eleganten Toiletten und ihrer lebhaften Konversation nach Heringsdorf oder Wiesbaden versetzen können. Aber mehr als diese interessierte uns ein älteres jüdisches Ehepaar, das sich häufig im Hose aufhielt. Der Mann trug ein schlasrockahnliches buntes Gewand; auch die Frau war in weite Gewänder gehüllt — beide sehr wohlgenährt. In ihrer bescha>nlichen Ruhe erinnerten sie an ein biblisches Patriarchenpaar. Am Morgen vor unserer Abreise saßen sie wieder auf der Bank im Hofe unter einem großen TerebinthenbaWGlOLe^.Hitze veranlasse auch uns, diese Bank im Schatten M^Hirchen. Eine jüdische Dienerin brachte dem Herrn mit seistev tiefen Verbeugung einen. Becher Wasser. Wir versuchten ein Gespräch anzuknüpfen, erhielten aber knappe Antworten. Erft als meine Frau ein goldenes Amulettschild, welches der alten Dame um den Hals hing, betrachtete und die hebräischen Buchstaben Bib entzifferte, wurde das Paar gesprächig und erzählte uns alles, was wir wissen wollten. Bib fei der Name der Frau. Der Mann sei Inhaber eines „grand magasin" in Constantine. Sie verbringen meist den Sommer in Meskutine. Der Schwiegersohn führe dann das Geschäft. Das Goldschild pflege jede Frau zu tragen; die reichen bekämen es zur Aussteuer, die anderen von ihren Männern. (Bib fügte uicht ohne Koketterie hinzu, daß sie das Schild von ihrem Manne erhalten, das heißt, nicht wegen des Geldes geheiratet worden sei.) Sie bringen ihre Dienstboten mit und lassen selbst kochen — natürlich streng „kaschir". Das Fleisch komme täglich aus Constantine. Dann fuhr unser Reisewagen vor und wir schieden als gute Freunde. Bib bedauerte sehr, daß wir nicht nach Constantine zurückkehrten. Wie viel Schönes hätten uns ihre Tochter und ihr Schwiegersohn zeigen können! Dann ging es weiter nach Tunis. Wie anders wirkt dies Zeichen aus mich ein! Hier herrscht eine jüdische Nationaltracht. Die Männer sind mit weiten Pluderhosen, meist blauen, und einer Zuavenjacke bekleidet. Die gelben Lederpantvfsel werden in der Art getragen, daß die Hacken über die Absätze hinausstehen. Man begreift nicht, wie sie damit schnell gehen können. Am wunderbarsten war ein junger Elegant, der Lackschuhe in gleicher Weise benutzte. Noch merkwürdiger aber sieht die tunisische Jüdin aus. Sie hat die Hosen an — nicht bloß symbolisch—s ondernwie die Prinzessinnen aus Tausendundeiner Nacht. Diese tunisischen Beinkleider liegen fest an. Auf dem Kopf sitzt eine gold- oder silbergestickte, zuckerhutförmige Mütze, lieber deren Spitze ist ein Umschlagetuch genommen, das bis auf den halben Rücken herabfällt. Wenn man nun bedenkt, daß die Rasseneinheit uns bald hier, bald dort an eine alte Tante oder Großtante erinnert, so ist der Eindruck der, daß man sich auf einem Maskenballe zu befinden glaubt. Aber auch bei uns sind Goldhauben noch nicht so sehr lange außer Uebung. Mein Großvater, der 1780 geboren war, erzählte mir oft, daß er als wilder Knabe im Schloßpark von Schönhausen eine Fensterscheibe eingestoßen habe. Daraufhin wollten die Lakaien meiner Urgroßmutter die goldene Haube, welche sie, wie alle Berliner Jüdinnen, trug, pfänden, und nur das Dazwischentreten der Königin, der Gemahlin Friedrichs des Großen, verhinderte das. Meine Frau erwarb nebst schönen Stoffen eine solche spitze tunisische Mütze. Bei dem schnellen Wechsel der Moden ist es gar nicht unmöglich, daß sie in einer der nächsten Saisons als deruier er! gilt. Sie sitzt übrigens ohne Hutnadel fest. Tunesien ist im Besitze Frankreichs oder — wie es euphemistisch.ausgedrückt wird — unter dessen Protektorat seit 1881, während Algerien schon 1837 unter Louis Philippe französisch wurde. Man hat hier anders organisiert als dort. In Tunis ließ man die ganze mohammedanische Regierungsmaschinerie mit dem Herrscher