Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229111--69833-3282156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

waren erschienen: der.erste Beigeordnete Holz als Vertreter des am Erscheinen verhinderten Oberbürgermeisters, ferner die Beigeordneten L o h m a n n, Professor Dr. Gensel, Dr. S ch u m a n n, L e h m a n n; Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung; Superintendent Pastor Dr. Hafner als Vertreter der beiden evangelischen Gemeinden; Sanitätsrat Dr. Wertheim, Barmen, als Vertreter des Krankenpflegevereins; Dr. med. O l l e n d o r f, Barmen, als derzeitiger Präsident der Bergischen Loge; Schwesteroberin Henriette vom jüdischen Altersheim in Unna; die Herren LouisLeit- Häuser und Architekt D ä h m. '. Zu' Beginn des Gottesdienstes brauste-ein mächtiges Präludium von den Emporen der Orgel hinab zum festlich gestimmten Publikum. Ihres Amtes waltete da eine junge Dame — und zwar eine j ü d i s che — Fräulein E r n a Ziv i, die seit VA Jahren in der Synagoge die Organistenstelle bekleidet. Sie ist die Tochter des Oberkantors Zivi. Im Verlauf des Gottesdienstes, bei dem Herr Zivi und der Chor mitwirten, begrüßte Herr- Stadtverordneter M a x Simon als Vorsitzender des Gemeindevorstandes die zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder und Gäste mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß der' Herr Oberbürgermeister-nicht persönlich anwesend sein könne. Er pries dann den vorbildlichen konfessionellen Frieden innerhalb der Stadt und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es immer so bleiben möge. In den Becher der freudigen Stimmung goß Herr Simon aber auch Tropfen bitterer Wehmut, als >cr mitteilte, wegen seines vorgerückten Alters vom Amte des Vorsitzenden nunmehr zurücktreten zu wollen. Herr S i ut o n gehört der Gemeindeverwaltung seit bereits 36 Jahren ununterbrochen an, und sein Namen bedeutet im Leben der Gemeinde ein ganzes und umfangreiches Programm. Zum Schluß seiner Ansprache übergab er dem Vorsitzenden des Kuratoriums, Herrn Albert Wehl, den Schlüssel zum Altersheim. Die Festpredigt hielt Herr Rabbiner Sr; Korben entsprechend der Bedeutung des Tages inhaltlich sowohl wie auch hinsichtlich der Form in ganz vorzüglicher Weise, so daß alles geschehen war, um einen in jeder Beziehung schönen Gottesdienst zu gestalten. Mit Chorgesang und einem Orgelnachspiel fand die synagogale Feier ihren würdigen Abschluß. Hieralls begab man sich zum Altersheim selbst, um dem Festakt der feierlichen Nebergabe beizuwohnen. Die Gäste versammelten sich in denl prächtig ausgeschmückten Speisesaal. Hier ergriff Herr Albert Wehl das Wort und dankte als Vorsitzender des Kuratoriums allen Erschienenen und denen, die ihm behilflich waren, das nunmehr fertiggestellte Werk ins Leben zu rufen. Er übergab es dann offiziell der Obhut der Schwesteroberin Friederike und führte aus, daß die Äbsicht bestanden habe, die Einweihung schon zum Kaiserjubiläum zu bewerkstelligen; allein es sei auch beim besten Willen nicht möglich gelvorden. Die Rede klang aus in cfit begeistert ausgenommenes Hoch auf den Kaiser. Hierauf sprach der zu diesem Teil der festlichen Veranstaltungen cingetroffene Oberbürgermeister Funck. Er bedauerte zunächst, daß er dem Festgottesdienst nicht habe beiwohnen können. Er habe allerdings vor einigen Jahren schon Gelegenheit gehabt, die Schönheiten des jüdischen Gottesdienstes und die wundervolle Musik, die diesen Gottesdienst auszeichne, kennen zu lernen, und er benutze gern die Gelegenheit, herzliche Worte des Glückwunsches namens der Stadt und im eigenen Namen auszusprechen. Im Anschluß hieran überbrachte Dr. Oll endo rf,- Barmen, die Glückwünsche der Bergischen Loge, Sanitätsrat Dr. .Wertheim, Barmen, diejenigen des. Krankenpflegevereins. Die. Schwesteroberin Friederike übernahm sodann das Altersheim mit dem Versprechen, daß sie es als ihre Lebensaufgabe ansehen werde, den Insassen einen angenehmen Lebensabend zu bereiten. Im Namen der protestantischen Gemeinden gratulierte der Superintendent Pastor D r. Hafner. Ein kleines Frühstück vereinte dann die Anwesenden noch für ganz kurze Zeit. , Frankfurt a. M., 29. September. Folgende Ausfüh virngen der „Frankfurter Zeitung" .dürften auch die Leser der „All,g. Ztg. des Judentums" interessieren: Der Name „Mireille". In wenigen Monaten werden fünfzig Jahre seit dem Erscheinen von Gounods Oper „Mireille" vergangen sein. - Aus d-iesem Anlaß hat nun der- „Gaulois" die Frage aufgeworfen, ob diese Frauengestalt, die bekanntlich von Fröderi Mistral mit seinem .Epos „Mirbio" in die französische Literatur eingeführt würde, wirklich existiert hat, und der greise Mistral selbst hat darauf' die folgende interessante literarische Feststellung gemacht: „Man glänbr so ziemlich allgemein," schreibt er, ,chaß Mireille eine'Schwester der Beatrice oder der Laura sei, daß sie gelebt, und daß ich.eine ganz -bestimmte Person tn Versen .verherrlicht habe. Das ist jedoch ein Irrtum. Mireille hat nie gelebt. In meiner frühesten Jugend schon hörte ich meine Mutter, so oft sie ein schönes Mädchen vorübergehen sah, bewundernd a-usrusen: „O Mireille!" Der Name „Mireille" existierte damals noch nicht; meine Altersgenossen wissen nichts davon. Ich habe mich selbst sehr oft gefragt, wie dieser Name entstanden sein mochte. Und heute glaube ich das Rätsel gelöst zu haben. Die Juden, die in der Provence wohnen, haben immer die Neigung gehabt, gewissen Namen einen provencalischeu Anstrich zu geben. Mireille wird .also wohl in Wirklichkeit Meryem oder Mhriam geheißen haben. Und die erste Meryem oder Mhriam, die man Mireille nannte, muß. wohl eine Schönheit gewesen sein, so daß die Erinnerung an sie beim Anblick besonders schöner Mädchen wachgerusen wurde ... So kam es, daß ich eine Mireille besang. . ." Diese literarische Feststellung ist nicht uninteressant, wenn sie auch gerade nicht unbedingt überzeugend klingt. J. W. Hagenau, 30. September. Das Anstaltsgebäude des israelitischen Z u f l u ch t s h a u s e s, in welchem alte, alleinstehende Personen untergebracht sind, befindet sich seit langer Zeit in einem sehr schlechten baulichen Zustande und entspricht bei weitem nicht mehr den Anforderungen, die mit Recht anein Altersheim gestellt werden müssen. Heute ist man sich darin einig, daß eine gründliche Instandsetzung des Gebäudes eine Sache der Unmöglichkeit ist und daß die damit verbundenen erheblichen Unkosten verloren wären. Die Errichtung eines zeitgemäßen zweckdienlichen Neubaues ist ein Gebot der Notwendigkeit und wurde darum vom Derwaltungsrnt mit Einstimmigkeit beschlossen. Behufs Vergrößerung und Abrundung des zur Verfügung stehenden Baugeländes wurde das angrenzende Anwesen des Glasermeisters Richert zum Preise von 12 000 Mark angekaust. Die kürzlich abgehaltene Generalvevsammlung .bei:' Mitglieder billigte mit Einstimmigkeit die Beschlüsse des Vevwnltüngsrates, nachdem der Vorsitzende Herr Arnmnd Levy dieselben 'in eingehender Weise begründet hatte. Der Schatzmeister Herr L eö n Aio ch gab den letztjährigen Rechenschaftsbericht bekannt und wies an der Hand desselben nach, daß die finanzielle Lage der Anstalt die Kosten des Neubaues, die sich auf rund 50 000 Mark belaufen'werden, wohl tragen könne, da zu hoffen ist, daß von der politischen Gemeinde, von der Negierung, von dcr- Kultusgemeinde und den Chewroth wohl auch entsprechende Zuschüsse zu erwarten seien. Die beiden letztgenannten Körperschaften sind von vornherein moralisch dazu verpflichtet, da auch im neuen Gebäude .wieder das ritüelle Bad untergebracht werden soll, dessen Einrichtung und Betrieb eigentlich Sache der Kultusgemeinde sind/ Im Lause des Winters sollen die nötigen Vorarbeiten getan werden, damit im kommenden Frühjahr mit dem Neubau begonnen werden kann. * GesterreiH-Nngarn. K. Wien, 29. September. Vor einigen Tagen wurde ans dem hiesigen israelitischen Friedhof der ordentliche Professor der Czernvwitzer Universität, L)r. Herzberg-Fränkel, unter/außerordentlich zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen. Prof. Herzberg-Fränkel kam als Vertreter der Czernowitzer-Universität nach Wien, um an dem hier tagenden Geschichtssorscherkongreß teilzunehmen. Hier wurde er vom Tode ereilt; ein Herzschlag machte seinem Leben ein Ende. Der verblichene Gelehrte stand im schönsten' Mannesalter,.. im 47. Lebensjahre, und gehörte der Czernowitzer Universität seit 1893 an. Im Jahre 1895 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und bekleidete einige Jahre, später die Würde eines Dekans der philosophischen Fakultät. Für das'Studienjahr 19O6'bis 1906 wurde, er zum Rektor der Czernowitzer Universität - gewählt und erhielt dadurch die Virilstimme im Bukowinäer Landtage. Professor Herzberg- Fränkel, der - den . Ruf eines der hervorragendsten österreichischen Historiker genoß, war und blieb ein treuer Sohn seines Glaubens; er trat zwar nicht gern öffentlich hervor, aber er war immer und überall zu finden, wo es galt, jüdische Interessen zu fördern und zu vertreten. Sein frühzeitiger, plötzlicher Tod bedeutet nicht nur einen Verlust für .die Wissenschaft - und die Stätte seines langjährigen, segensreichen Wirkens, sondern auch für das Judentum. Ehre seinem Andenken.' — In Wien wird die Gründung eines Asyls für jüdische Obdachlose geplant. In dem bezüglichen Ausrufe heißt es u. a.: „Die Zahl der jüdischen Obdachlosen hat in letzterer Zeit geradezu eine ' erschreckende Vermehrung ersähren. In den befugten und unbefugten Masson.q>närtieren sind in kleinen- Räumen 15 bis 20 Personen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.