Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 41 Der Oemeindrüote. Vetlage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums. korrelponden?rn und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 7. Oktober. Am Sonntag den 28. v. M. fand eine Sitzung des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes statt, die sich mit der von ihm einzunehmenden Stellung gegenüber den Verhandlungen und Beschlüssen des Lehrerverbandes vom 7. September und mit dem Anträge der Provinzialverbände in Rheinland und Westfalen, die Frage der Errichtung jüdischer Volksschulen auf die Tagesordnung des bevorstehenden Gemeindetages zu setzen, beschäftigte. Entsprechend der außerordentlichen Bedeutung der Verhandlungsgegenstände hatten sich die Ausschußmitglieder in verhältnismäßig großer Anzahl, es waren 28 Herren, darunter 14 von auswärts erschienen, eingefunden. Es wurde beschlossen: „Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes nimmt Kenntnis von den Verhandlungen und Beschlüssen des Vorstandes des Lehrerverbandes, die gleichbedeutend sind mit der Loslösung vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. Er erklärt, daß er seinerseits auf Entsendung eines Delegierten in den Vorstand des Lehrerverbandes verzichtet und geht zur Tagesordnung über." Diese Erklärung trägt den Beschlüssen des Lehrerverbandes und der Stimmung, unter der sie gefaßt wurden, Rechnung. Diese Stimmung ging, wie zweifellos aus dem Protokoll ersichtlich ist, auf eine Loslösung des Lehrerverbandes vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund hinaus. Wenn im Hamburger Familienblatt (Rr. 68 vom 18. September) an leitender Stelle diesen Beschlüssen eine Deutung gegeben wird, die die beklagenswerte Trennung der beiden lange verbundenen Körperschaften als vermeidlich erachtet, so mußte diese Hoffnung nach dem Bekanntwerden des Protokolls, wonach mehrere Redner die Erwartung ausgesprochen habeü, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund auf seine Vertretung im Vorstande des Lchrerverbandes verzichten werde, und angesichts der in der Ausschußsitzung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes abgegebenen Erklärung des Verbandsvorsitzenden Herrn Feiner ausgegeben werden, denn letzterer sprach sich dahin aus, daß in der Generalversammlung des Lchrerverbandes, die im Dezember in Breslau stattfinden wird, der Antrag, daß die statutenmäßige Vertretung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes im Vorstand des Lehrerverbandes beseitigt werde, gestellt und höchstwahrscheinlich' angenommen werden würde. Unter diesen Umständen war der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes es seiner Würde schuldig, aus dieses Recht freiwillig zu verzichten. Sebstverständlich. wird der Deutsch-Israelitische Gemeindebund gemäß seiner bisherigen Tradition seine Sorge nach wie vor in unverminderter Energie den Kultus- und Gemeindebeamten zuwenden. — Zu dein anderen wichtigen.Punkte der Tagesordnung wurde beschlossen: „Der Ausschuß steht aus dem Standpunkt, daß es der von ihm stets gewahrten Autonomie der Gemeinden entspricht, wenn alle Gemeinden in der Schulsrage diejenige Stellung einnehmen, die sie aus Grund ihrer Beurteilung der örtlichen Verhältnisse für richtig halten." Den Erwägungen dieses Beschlusses dürste sich kaum jemand verschließen, sie erscheinen geeignet, auch in dieser Frage den Weg zur friedlichen Beilegung des Streites herbeizuführen. Berlin, 7. Oktober. Der Vorstand und Ausschuß des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin haben sich wiederholt mit der Frage der Verhältniswahl beschäftigt und sind in gemeinsamer Sitzung zu folgendem einstimmigen Beschlüsse gekommen: Der Liberale Verein tritt für die Verhältniswahl als für diejenige Wahlsorm ein, die allen religiösen Richtungen in der Gemeinde eine Vertretung sichert. B. T. Berlin, 7. Oktober. Der Begründer und 'Direktor des Kaiserin-Friedrich-Haus.es fürdas ärztliche Fortbildungswesen, Professor Dr. Robert K u t n e r, ist am 5. d. M. nach kurzer Krankheit gestorben. Er nahm Anfang August noch in völliger Frische an dem internationalen medizinischen Kongreß in London teil. Von dort zuruckgekehrt, fühlte er sich plötzlich nicht wohl. Sein Zustand verschlimmerte sich schließlich derart, daß er in der Klinik in der Derfflingerstraße 21 Ausnahme suchen mußte. Dort trat vorgestern früh gegen 8 Uhr der Tod infolge Herzschlags ein. Professor Dr. Kutner stand im 47. Lebensjahr und hinterläßt einen dreizehn Jahre alten Sohn. Der Entschlafene war eine in der ärztlichen Welt sehr geschätzte Persönlichkeit. Er erwarb sich besonders dadurch Verdienste, daß er bekannte Gelehrte auch aus dem Auslande zu Vorträgen in seinem Institut gewann, in dem er als Erster den Film für medizinische Zwecke verwandte. Am kommenden Freitag mittag 12 Uhr findet für den Verstorbenen im Kaiserin-Friedrich-Haus eine Trauerseier statt. Im Anschluß daran wird die Leiche nach dem Friedhof in Weißcnsee übergeführt, wo der Dahingeschiedene an der Seite seiner vor vier Jahren verstorbenen Gattin die letzte Ruhestätte finden wird. 22! Berlin, 7. Oktober. Ueber die ausländischen Studierenden an den deutschen Universitäten veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" folgende bemerkenswerte Mitteilung: Bekanntlich werden seit einiger Zeit in steigendem Maße Klagen darüber geführt, daß durch das übermäßige Anwachsen der Zahl der ausländischen Studierenden die Inländer in der zweckentsprechenden Benutzung unserer Universitätseinrichtungen behindert würden. Die Prüfung hat ergeben, daß diese Klagen der Berechtigung nicht entbehren. Der Kultusminister hat sich deshalb veranlaßt gesehen? eine bestimmte Höchstziffer sestzusetzen, die von den Studierenden keiner fremden Nation überschritten werden darf. Wegen der Ausführung dieser Anordnung sind die Universitätskuratoren mit Anweisung versehen. Die Maßregel erstreckt sich nicht auf diejenigen Studierenden, die jetzt schon zugelassen sind, sondern hat nur für die künftigen Immatrikulationen Bedeutung. 22 Berlin, 7. Oktober. Die Jüdische Arbeiterkolonie i n Weißensee besteht nun ungefähr 12 Jahre und hat bis honte etwa 6000 armen jüdischen Männern, die bisher Almosen suchend das Land durchstreiften, Obdach, Nahrung, Arbeit und Gelegenheit zu Ersparnissen aus Ueberverdienst gewährt. Wie es nicht anders sein kann, treffen die Schützlinge meistens in reduzierter Kleidung ein. Da im Laufe eines Jahres mehr als 700 Personen durch die Arbeiterkolonie hindurchpassieren, so besitzt diese nicht die Mittel, den Ankömmlingen passende Kleidung zu verschaffen. Es ergeht darum in der Zeit der heiligen Festtage, die zugleich die Vorboten der kühlen Jahreszeit sind, an alle Wohltäter die herzliche und dringende Bitte, gebrauchte Kleidungsstücke nach Weißensee, Wörthstr. 20 zu senden oder durch eine Postkarte bzw. telephonischen Anruf — Amt Weißensee 192 — die Abholung zu veranlassen. W. Posen, 30. September. Die fünfzehnte ordentliche Generalversammlung des Verbandes der S y n a g o g e n g e m e i n d c n des Regierungsbezirks Pos e n hat im Sitzungssaale der Repräsentantenversammlung der Synagogengemeinde Posen stattgesunden. Der Verbandsvorsteher, Herr Bankdirektor Ignatz Goldschmidt, erössnete als Versammlungsleiter die Tagung, begrüßte namens des Verbandsausschusses die erschienenen Gemeindevertreter, persönlichen Mitglieder des Verbandes und die Bezirksrabbiner und erstattete hieraus den Jahresbericht. Zurzeit gehören 35 Gelneinden dem Verbände an. Zur Vertretung des Verbandes zum 13. deutsch-israelitischen Gemeindetage wurde der Verbandsvorsteher Herr Goldschmidt einstimmig gewählt. Zu 2 der Tagesordnung: Betreffend den Anschluß von rabbinerlosen Gemeinden an ein Bezirksrabbinat, wurde das auf die Rundschreiben an die Gemeinden der Provinz Posen eingegangene Antwortmaterial Herrn Rabbiner Dr. Cohn-Rawitsch mit dem Ersuchen überwiesen, nach Sichtung des Materials geeignete Vorschläge zur praktischen Durchführung des Anschlußplanes vorzubereiten. Zu 3 der Tagesordnung: Vermehrung der Einnahmequellen für den Verband, wird beschlossen, zunächst einen Versuch zur Erlangung von Beitragsleistungen durch persönliches Vorsprechen der Mitglieder der Propagandakommission zu unternehmen. — Zu 4 der Tagesordnung: Antrag des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche wegen Berufung von Lehrern in den Verbandsausschuß, soll dem Anträge in der Weise Rechnung getragen werden, daß in die Fachkommission bei einer Neuwahl ein Lehrer berufen wird, sofern sich die Notwendigkeit hierzu herausstellt. — Zu 5 der Tagesordnung: Verschiedenes, wurde zur Kenntnis genommen, daß die Angelegenheit, betreffend die beantragte Verdoppelung des