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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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492 „Gewiß! Als ich ihn kennen lernte, war er ein trefflicher Jüngling mit der Weisheit des Mannes und der Herzensgute des Kindes; von Verstand scharf wie ein Messer, von Herzen weich wie Wachs." „Weshalb ist er übergetreten? Wohl «der Karriere halber?" „Nein! Er empfing gleich nach seiner Doktorpromotion von mir die Taufe und die erste Kommunion, und ich Pflege jeden zurückzuweisen, von dessen christlicher Ueberzeugung ich nicht selbst überzeugt wäre. Der junge Goldenberg war aber schon als Student innerlich vom Judentum gelöst, ehe er auch das äußere Band zerschnitt und aus dem ungetauften Christen zum getauften wurde. Der schwere Kampf, den er kämpfte, galt nicht sowohl der Annahme des neuen Glaubens als vielmehr dem Kummer, seinem Vater den schwersten Schmerz bereiten zu müssen, den ein jüdischer Sohn seinem strenggläubigen Vater nur bereiten kann." „Und wie hat er als Christ sich im Leben bewährt?" „So viel ich weiß, ganz vortrefflich." „Hat er den Vater nicht zu versöhnen gesucht?" „Gewiß; aber alle seine Versuche scheiterten, und sie mußten bei der Orthodoxie des alten Goldenberg scheitern. Ich selbst habe diesem vergebens mehrmals geschrieben, vergebens mit ihm und auch mit dem damaligen alten Rabbiner gesprochen. So verließ der Sohn denn Mondenstein für immer, und er berichtete mir nur in seinen Neujahrsgratulationen, die bis zu seinem Todesjahr mit großer Pünktlichkeit eintrasen, über sich und sein Ergehen." „Und wie gestaltete sich sein Lebensgang?" „Er schrieb mir, daß er die Bewilligung zur Namensänderung empfangen, die drei juristischen Staatsexamen glücklich bestanden, sich verlobt und vermählt habe." „Aber wie erhielt er sich, nachdem der Vater seine Hand von ihm abgezogen hatte?" „Er hatte nie große Bedürfnisse und verdiente sich bis zur Anstellung den Unterhalt als Student durch Privatunterricht in den Gymnasialfächern und literarische Arbeiten, später durch Vorbereitung zu den juristischen Prüfungen." (Sortseirung folgt.) HMchsaal. Aufruf! Ein schreckliches Unglück ist über einen Teil der Bewohner unseres Ortes hereingebrochen. Ein Brand hat 31 Häuser niedergelegt. 34 Familien sind obdachlos. Die Not ist groß, da bei der rasenden Ausbreitung des Feuers fast sämtliches Hab und Gut verbrannt ist. Das Unglück ist um so größer, als der Winter bevorsteht und eine Reihe von armen Leuten getroffen wird. Um der dringendsten Not abzuhelfen, treten wir an die Allgemeinheit mit der Bitte, die schwer betroffenen Familien zu unterstützen. Gaben nimmt der Amtmann oder der Gemeindevorsteher entgegen. M einerz Hagen i. Wests., den 28. September 1913. Namens des Hilfskomitees: Thomee, Landrat. Rößler, königlicher Amtmann. Hedseld, Gemeindevorsteher. Knollmann, evangelischer Pastor. Grosche, katholischer Pastor. Siemon, Amtsrichter. Rauls, Rechtsanwalt und Notar. *■ Herr Redakteur! Legenden sind immer interessanter als Geschichte und haben deshalb ein sehr zähes Leben. In Nr. 34, Seite 399 Ihrer geschätzten Zeitschrift drucken Sie aus der „Frankfurter Zeitung" einen angeblichen Stammbaum der Familie Sassoon ab, dessen legendarische Natur wiederholt nachgewiesen wurde. Die Sassoons sollen danach von der Familie Jbn Schochan aus Toledo stammen. Die Etymologie ist beiläufig so überzeugend wie die, welche einer Ihrer Korrespondenten vor Jahrzehnten (1852, Seite 587) für Schalet, das in seiner Heimat im Posensch'en „Schulent" ausgesprochen wird, gegeben hat. Er meint, der Name komme daher, weil das Gericht gegessen wird, wenn die Schul zu End' ist. Ist schon die Etymologie schwach, so fehlt es an geschichtlichen Beweisen gänzlich. Nicht ein einziges Dokument beweist die Hypothese, die dadurch nicht wahrscheinlicher wird, daß uns sonst von direkten Wanderungen spanischer Marannos nach Mesopotamien nichts bekannt ist. Der Gründer des Hauses David Sassoon and Company ist David Sassoon, 1792 in Bagdad, geboren, der die Firma in Bombay gründete, und dessen Urenkelin die künftige Lady Rocksavage ist. Der Name Sassoon bedeutet Wonne und kommt wie viele andere glückverheißende Abstrakte häufig bei orientalischen und sefardischen Juden vor, so Rachimim, Berakah, Jeschuah, Mazaltob usw. Selbst bei aschkenasisch'en Juden finden sich die Namen Chajim, Schalom und Simchah sehr häufig, und der ebenfalls nicht seltene Name Nisan ist wahrscheinlich eine Korruption des bei den Orientalen häufigen Nissim. Der Stammvater der englischen Baronets hieß David, Sohn des Schon, und der letztere Name ist als Vorname noch jetzt in der Familie gebräuchlich. Nicht besser sieht es mit der Nasiwürde aus. Als ein Amt hat diese Würde sicherlich nicht seit dem 16. Jahrhundert bestanden, und als Ehrentitel ist er bei den Orientalen noch billiger als manche der Ritterschaften von — Nomina sunt odiosa, sagen wir — Fürstlich Krähwinkelschen Hahnenschwanzorden. Selbst mir wurde diese Ehre unter der Bedingung angetragen, daß ich für eine sogenannte Jeschibah in Jerusalem amerikanische Dollar sammeln solle. Das Wesentlichste dieser Bemerkungen habe ich schon am 10. Mai 1912 in „Jewish Chronicle“ veröffentlicht, wogegen ein „D. S. S." nur einzuwenden hatte, daß er ein nicht näher beschriebenes Dokument aus dem Jahre 1812 besitze, in welchem David Sassons Vater Nasi genannt wird. Dieser Herr ist aber so gütig, zuzugeben, daß David Sassons soviel bedeutet wie David, Sohn des Sason. Dasselbe hat schon Jakob Obermayer in seinem geistreichen, nicht nach Verdienst gewürdigten Buche „Modernes Judentum im Morgen-? und Abendland" (Wien und Leipzig, 1907) Seite 45 bis 46 gesagt, schwerlich mit bleibendem Erfolge. Die Legende von dem spanischen Premierminister, der nach Mesopotamien geflohen, dort zum erblichen Nasi ernannt wurde, und dessen Nachkommen daher ein noch um eine Nuance blaueres Blut besitzen als englische Marquis, ist ja viel interessanter. Könnte man nicht Mayer Amschel Rothschild mit dem sagenhaften deutschen Neichsrabbiner Kalonymos in Verbindung bringen, den Karl der Große zu diesem Amte ernannt hat? Miß Schibyl Sassvn, die künftige Marquise Rocksavage, ist ja durch ihre Mutter eine Ururenkelin Mayer Amschels. Eine Stütze hätte die Annahme darin, daß ein Sohn Mayer Amschels Kalmann hieß. Es wäre vielleicht besser, die Jbn Schoschans fallen zu lassen und die Nasiwürde des Hauses Sasson aus Harun Alraschid zurückzuführen. Die beiden Herrscher waren ja Freunde und Mögen den Schidduch zwischen den Nachkommen der beiden Familien geplant haben. Gotthard Deutsch. * Garmisch. Garmisch hatte bisher kein rituelles Speisehaus, doch endlich, in diesem Sommer, war die Eröffnung eines solchen, das sogar unter der Aussicht des „Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser" steht, angekündigt. Nun waren auch alle Bedenken für jene beseitigt, die bisher nicht längere Zeit in Garmisch' weilen konnten. Getrost wurde das Nänzel geschnürt, froh der Wanderstab zur Hand genommen und lustig dem ersehnten Ziele zugesteuert. Welch unangenehme Enttäuschung mußten diejenigen aber erfahren, deren Beutel nur mit bescheidenen Mitteln ausgestattet waren? Sie fanden wohl den „rituellen" Speisewirt, aber sie hatten die Rechnung ohne diesen Wirt gemacht. Essen zu bürgerlichen, oder, wie man sagt „zivilen" Preisen konnte man nicht haben. Wer da glaubte, er könne ä la carte — sagen wir für 2 Mark — speisen, der hatte sich gewaltig geirrt, man mußte ein Diner für 4 Mark bezahlen können, wollte man den Gebräuchen seiner Väter treu bleiben. Ich halte dies geradezu für einen Unfug. Die Welt und ihre Wunder sind nicht nur für Nabobos geschaffen. Unter solchen Umständen muß das Verlangen nach ritueller Beköstigung aus Reisen immer mehr zurückgehen. Der obengenannte Verein sollte sich nicht nur die Förderung ritueller Speise Häuser, sondern auch die „Förderung des r i t u e l l e n Speise n s" angelegen sein lassen, dann hat die Sache einen Zweck. — Das anzuregen ist die Veranlassung zu diesen -Zeilen. Der Weg dahin geht aber nicht über ein „4-Mark-Diner", was ich zu beherzigen und zu beachten bitte. B e t l i n, im September 1913. N. C o h n.

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