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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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491 Lüm Vrrlöhmmgstsge. (Gebet vor dem Sündenbekenntnis.) ^ör' unsre Stimme, Ewiger, unser Gott, v/ Sei milde uns, die wir hier reuig stehen; Verschließ des Himmels Gnadenpforten nicht Dem bangen Bitten und dem ernsten Flehen, Führ' uns zurück zu dir und deinem Wort, Ja, führ' uns, Vater, und wir wollen gehen. Laß uns erstrahlen neuer Tage Licht, Daß rein und gut wie einst wir vor dir stehen. — ■ Und was die Lippen bebend flüstern heut, Vernimm, o Herr, das Wünschen und das Lallen, Und was die Herzen schütten hin vor dich Mein Hort und Heil, nimm's aus in Wohlgefallen. Verwirf uns nicht vor deinem Angesicht Und nimm nicht von uns deinen heil'gen Geist; Wenn nah' die Zeit, da's uns an Kraft gebricht. Wenn Greisensrost die Glieder übereist, O bleib, dann du bei uns mit deinem Licht, Verwirf nicht, Vater, ach verlaß uns nicht. Verlaß uns nicht, mein Gott, in Leidesbanden, Halt' deiner Gnade Zeichen uns nicht fern. Und alle Feindesbosheit mach' zuschanden, Du, unsres Trostes, unsrer Hoffnung Stern. R. K. Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XV. 3 n der Tür des Gewölbes stand der Verkäufer, ein altes Männchen mit klugem und doch gutmütigem Gesichtsausdruck. Nach dem Ladenschilde hieß er Josua Aron. Da durchzuckte mich der Gedanke, ob nicht der Hebräer über den Hauptzweisel, ob Jesus überhaupt gelebt, mir einen Aufschluß geben könne. War doch sein Vorname Josua, hebräisch Jehoschua oder Jeschua, selbst sprachlich soviel wie Jesus. Ich trat heran und kaufte eine Kleinigkeit, ohne zu feilschen, und kam dann aus die unpunktierte hebräische Inschrift des Ladens. Der Alte wurde zutraulicher, "als er meine hebräischen Kenntnisse wahrnahm. Ein Wort gab das andere, und endlich rückte ich mit meiner Hauptfrage heraus. Nun, der Trödler Aron war kein Lessingscher Nathan, aber doch nicht ohne ein gewisses Verständnis und jedenfalls talmudisch geschult. Er sah mich eine Zeitlang kopfschüttelnd an. Dann wiederholte er bedächtiglich zweimal die Frage, ob „Jener" wirklich gelebt habe, und ob er in Jerusalem gekreuzigt worden sei, und ich, fuhr er fort, ich soll Ihnen ganz offen meine Ansicht darüber sagen, ich, der Jud', Ihnen, dem Goi? Und Sie nehmen mir nichts dabei übel? Als ich ihn darüber beruhigt hatte, betrachtete er mich wieder kopfschüttelnd und sprach langsam: „Wir Juden nennen ihn nie bei Namen, ist uns doch um seines Namens willen zu viel Leid zugefügt worden. Wir nennen ihn auch nicht den Gekreuzigten, sondern den Ausgehängten, den T ... — er unterdrückte das hebräische Wort, wohl um mich nicht zu kränken — aber gelebt hat er in Jeruschalajim und ans Marterholz aufgehängt haben sie ihn auch." „Er hat gelebt", jubelte es in mir. „Der rechte Meschiach, der Davidsohn war er freilich nicht," fuhr der Alte fort. „Denn er hat uns Juden das Reich nicht gebracht und auch der Welt gab er nicht den Frieden. Noch weidet nicht der Wolf mit dem Lamm, und noch ist nicht auf Erden des Ewigen Name nur einer, wie doch für die Meschiachzeit ist verheißen worden von den Propheten. Und der Herr Zebaoth selber kann er ja auch nicht gewesen sein, denn wie könnten Menschenhände den Ewigen, gelobt sei sein Name, ihn, der gemacht hat Himmel und Erde und Sonne, Mond und Sterne, binden und aushängen an einem Stück Holz? Auch von seiner Mutter Mirjam steht etwas im Tcrlmud, der Akiba hat es erzählt. Aber gelebt und auch gelitten hat ex, und es steht in unseren Schriften. Und mein Vater selig, er ruhe in Frieden, hat mir oft gesagt, daß viele Betörte jenen für den Meschiach haben gehalten." „Also unser Heiland hat gelebt, hat gelitten am Kreuze in Jerusalem." So jauchzte mein Herz. Zu den Zeugnissen der Synoptiker und des Paulus, zu Tacitus, Josephus, Sueton, Papias, Tertullian und Zephornus und Eusebius und zu all den Späteren tritt die jüdische Tradition selbst, das Zeugnis der Feinde. Ich hätte den alten Trödler umarmen können. Er hatte mir die größte Wohltat erwiesen, mir das Fundament des Glaubens geschenkt und damit das Leben. Daß der alte Jude die Göttlichkeit des Sohnes und den Gedanken des Opfertodes nicht zu fassen vermochte, das tat und tut meinem Glauben und meiner Dankbarkeit keinen Eintrag, da ja die Existenz Jesu seither mir eine unanfechtbare Wahrheit ist." Der Pastor schwieg bewegt. „Ich gebe zu," sagte der Freiherr, „daß die Existenz des Judenvolkes für uns Christen ein Hauptunterstützungsbeweis für die Wahrheit der Evangelien ist." „Ja, das sagte zu ihrem Schutz schon der große Papst Jnnocenz IV.," bestätigte der Pastor. „Und auch in der Instruktion Markgraf Albrechts von Brandenburg vom Jahre 1462 steht, daß man die Juden zu einem Gedächtnis leben lassen soll." „Und doch hat man sie so oft gemordet und vertrieben, gemartert und verbrannt, und all das leider, leider im Namen der Religion der Liebe." „Der Markgraf," replizierte der Freiherr, „wollte sie ja auch nicht alle am Leben erhalten wissen, sondern nur „ein lützel Anzahl zu einer Gedächtnus." Und dagegen hätte auch ich gar nichts einzuwenden." Das Gespräch wendete sich den Ehen zu und der Pfarrer sagte: „An.' den jüdischen Ehen könnte übrigens sich so manche christliche ein Beispiel nehmen." „Das ist doch wohl nur eine kable eonvenue. Ich wenigstens habe amtlich genug Ehescheidungsakten in Händen gehabt, die ein trauriges Bild dieser angeblichen Musterehen ergeben." „Gewiß gibt es auch unter den Juden zerrüttete und kinderarme Ehen, wenn auch mehr unter den sogenannten aufgeklärten. als unter den eigentlich orthodoxen Juden und auch wohl mehr in den Großstädten als in den kleinen israelitischen Gemeinden. In unserem Mondenstein zum Beispiel ist mir keine unglückliche Ehe bekannt geworden, .und die elterliche Aufopferung ist eben so häufig wie die rührende Dankbarkeit der jüdischen Kinder. Wie ideal und zartfühlend hat nicht zum Beispiel der Dr. Loewisohn an Mutter und Schwester gehandelt." Immer und immer wieder dieser fatale Doktor, dachte der Freiherr, und nur, um vom Doktor abzulenken, warf er ein: „Aber der alte Goldenberg hat doch den ältesten Sohn wegen seiner Bekehrung zum Christentum verstoßen." „Leider wahr! Würde nicht aber mancher .christliche Vater ähnlich handeln, falls der Sohn zum Judentum oder Islam überträte?" „Allerdings. Haben Sie übrigens den Sohn gekannt? Er soll Jurist gewesen sein."

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