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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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steigern. . Glauben Sie, daß es ein Vergnügen ist,^für unsere Geldinstitute jahraus,-jahrein zu arbeiten, dafür als einzige Tantieme, die man bekommt, alle zwei. Jahre von oben bis unten herunterkritisiert zu werden? Die Leitung der Bank hat schwer gearbeitet und den Beweis erbracht, daß die Bank, die alle Fachleute für verloren gehalten, existenz- und entwicklungsfähig ist. Wir haben die Gelder nicht nur bewahrt, sondern sogar vermehrt. Nun, meine Herren, ich verlange keinen Lohn, .keinen Dank. Was ich aber verlange, ist, daß Sie endlich begreifen, warum wir uns dagegen sträuben, unsere Banken zum Spielballe von Parteiinteressen machen zu lassen . . . Es ist traurig, daß man unsere Banken der Bankleitung, die seit deren Gründung an der Spitze derselben gestanden hat, nun aus den Händen nimmt, und daß man. Männern, die ihr Vermögen, ihre Gesundheit, ihr Leben geopfert haben, es unmöglich macht, weiter mitzuarbeiten. (Rufe: Warum?) Warum? Weil, es gewisse Grenzen gibt, wieweit man sich selbst für eine Bewegung, die einem teurer ist als das Leben, opfern darf. Wenn es sich um fremde Gelder handeltwenn unsere Bank einer bestimmten Parteirichtung ausgeliefert wird, und ich die Verantwortung nicht mehr tragen kann, dann wird mich keine Macht der Welt zwingen, ein Amt darin anzunehmen. Ich wiederhole, ich würde die Verantwortung nicht übernehmen können, wenn mit den Banken so verfahren werden sollte, wie man jetzt vovschlägt . . . Ich bitte Sie, zerstören Sie nicht, was wir in fünfzehnjähriger fchwerer Arbeit geschaffen haben. Kommen Sie in die Generalversammlung, üben Sie Kritik, aber hüten Sie sich vor einem Schritte, der vielleicht geeignet ist, unsere Banken zugrunde zu richten. Das wollen wir nicht erleben." Nun ist es in 'der Streitfrage, allerdings zu keinem Austrag gekommen. In zwölfter Stunde ist der Konflikt dadurch beigelegt worden, daß das Aktionskomitee sich mit der Bankleitung verständigt und infolgedessen auf die Durchdringung seiner ursprünglichen Forderung keinen Wert mehr gelegt hat. Eine Spende von rund 100 000 Frank für die Grün-' -düng einer Universität in Jerusalem hatte im übrigen bewiesen, daß Herr Wolffsohn auch „praktischer" Zionist großen Stils zu sein versteht und für die Bestrebungen im Heiligen Lande ein offenes Herz und eine offene Hand besitzt. Aber das Zugeständnis an die Bankverwaltung war, wie dies aus dem Kongreß auch von einer Seite direkt hervorgehoben wurde, „nur unter dem Druck der Verhältnisse" erfolgt. Prinzipiell also blieb die Forderung, die Organisationsleitung mit weitgehenden Befugnissen über die Finanzinstitute auszustatten, bestehen, deren Erfüllung man indessen aus Opportunitätsgründen auf einen geeigneten Zeitpunkt hinauszuschieben für geeignet fand. Es war der Schwanengesang des ehemaligen Hauptes der Zionistenbewegung ... -fc ' Hoch auf der Empore hängt im Hintergrund das Bild Theodor Herzls, dessen Geist von der einen wie von der anderen Seite immer heraufbeschworen wird, so oft in der Versammlung die Erregung besonders hohe Wellen zu schlagen anfüngt.' Er schaut aus seinen' großen Augen, und sein Blick gleitet in tiefem Ernst über den' Saal, erstaunt und verwundert ob des seltsamen Schauspiels. War.es Zufall, war es Absicht,.daß gerade in Wien der zionistische Gedanke, wie ihn ein Herzl gedacht und geschaut hatte, pveisgegeben wurde? Auf alle Fälle eine feine Ironie des Schicksals, das gar nachdenklich zu stimmen angetan ist. Gott Satyr ist der mächtigste der Götter, sagt.heiter-resigniert einmal Nietzsche. Hier wäre es wohl am Platze, die Kontroverse in ihren wichtigsten Phasen, darzulegen, wie sie vor längerer Zeit bereits im zionistischen Lager eingesetzt hat und deren momen¬ 490 - tanen Ausgang auf dem Kongreß wir in den obigen Zeilen kurz geschildert haben: die ablehnende Stellungnahme in der englischen Landsmannschaft; die vernichtende Kritik, welche Märmorek und Nordau in ihren Reden anläßlich der neunten Wiederkehr des Todestages Herzls in Paris geübt.haben; die scharfe Auseinandersetzung, die der Belgier Jean Fischer in und mit der „Welt", dem zionistischen Zentralorgän, geführt hat, u. dgl. m. Aber das würde den Rahmen dieses Aussatzes überschreiten, zudem seiner Tendenz, die der Versöhnung, nicht der Polemik dienen will, zuwiderlaufen. Unbekümmert um Sym- und Antipathie für die eine oder andere Richtung werden wir, wie die Dinge einmal liegen, nicht umhin können, die Entwicklung des Zionismus zu einer Organisation der produktiven Tätigkeit in Palästina nicht nur als konsequent, sondern, bei dem natürlichen Verlangen des Menschen nach greifbaren Resultaten, auch als berechtigt anzusehen. . - ' Wie' die praktische Erprobung bei politischen Beweg, ungen nicht selten zur Spaltung führt, haben da ledig-!, lich theoretische Erörterungen häufig Verwirrung und selbst Versumpfung zur Folge. Die zionistische Bewegung wäre un-. fehlbar in den Sand verlaufen oder zu einer rein pilpulistisehen Doktrin ausgeartet, hätte sie nicht früher oder später ihren Anhängern mit positiven Tatsachen aufwarten können.' Der Zionismus mußte also notgedrungen daran denken, ans dem Elfenbeinturm der Begriffsbildung herauszutreten und zu einer mehr realen Beschäftigung.überzugehen. Freilich erhebt - sich da gleich die Frage, was dann nocH vom ursprünglichen Begriffe übriggeblieben ist. ' Als Herzl die Welt mit dem Zionismus überraschte, hatte’ er etwas Neues, noch nicht Dagewesenes, von allem bisherigen qualitativ Verschiedenes im jüdischen Leben geschaffen. Aber d e r Z i o n i s m u s, w i e e r sich nach der F o r m u l i e ' r u n g des letzten Kongresses dar stellt, bedeu-j tet in diesem Sinne faum no ch eine Erschei n u n g 8 u i g e n e r i s. Was die zionistische Bewegung jetzt; will, haben im wesentlichen die. Chowawe Zion,, die Alliance »’ Jsradlite, der Baron Rothschild, die Jca, der Verein Esra auch! schon erstrebt. . ';:j Mit seiner überaus straffen und unstreitig vorst züglichen Organisation gedenkt der Zionismus alles auf viel breiterer Basis und in viel größerem Maßstabe durchzuführen. Möge ihm hierin der Erfolg in reichem -Maße be--/ schieden sein. Allein, die Ausgabe, die er sich gestellt hat, läßt sich nicht mehr als Queues Werk", sondern nur noch als „neue; verbesserte Auflage" charakterisieren. So ist es auch höchst, bezeichnend, daß gerade die Hauptfühver der Ehowawe Zion in Rußland auf dem Kongreß in Wien eine ausschlaggebende. Rolle gespielt haben. Herr Ussifchkie erklärte: „Wir sind mit' unserer Leitung zufrieden." Und Herr Dr. Tschlenow ist direkt dem Engeren Aktionskomitee, der zionistischen Exekutive, beigetreten. Nicht aber etwa, daß der Zionismus die Chowawst Zion in sich ausgesogen, sondern umgekehrt, indem, er sich diesen aufs engste angepaßt hat. ij Damit entsteht jedoch die schwerwiegende Frage, ob die' Scheidewand, die im Laufe der Jahre teils von zionistischer^ teils von anderer Seite innerhalb des Judentums aufgerichtet' worden ist, in unseren Tagen noch Sinn und Berechtigung hat.;1'; Wenn es - nicht mehr prinzipielle Momente, sind, welche'' die Teile voneinander trennen, gäbe es da wirklich keine' Möglichkeit, daß alle, die das gleiche wollen und das gleiche erstreben, sich endlich einträchtiglich zusammenfinden in gemeinsamer Arbeit zum wahren Nutzen und Frommen der Gesamtjudenheit? Eine . Frage, die einigen Nachdenkens wohlschon wert ist! ...

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