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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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489 rein wie ein Posaunenstoß durch die Lande tönte. Man käinpfte um das Prinzip, über Einzelheiten aber wollte man nicht diskutieren; man empfand das Eindringen in die Details als etwas Lästiges, allzu Irdisches und Alltägliches gegenüber der erhabenen Idee." Allein, wie Wohl auch träumend und dichtend sich eine Weile im Wölkenkuckucksheim wohnen läßt, es verlangt den Menschen für die Dauer doch nach festerem Boden unter den Füßen. Immer größer wurde die Zahl der Zweifler, Unzufriedenen, Ungeduldigen und zugleich damit immer stärker der Ruf nach Taten und Handlungen und immer gebieterischer die Forderung nach Leistungen und Erfolgen. Es mußte etwas geschehen! Da tauchte das Ugandaprojekt auf. Aber es wurde bald fallen gelassen. Und darüber starb Theodor Herzl, dessen überragende Persönlichkeit auch die Schwarzseher immerhin noch in Bann zu halten vermocht hätte. In dieser kritischen Zeit voll Bangens und Suchens nahm man zur Palästinaarbeit wieder seine Zuflucht. Der Plan der Erlangung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte, dessen Verwirklichung ja erst die Vorbedingung einer jüdischen Kolonisation in Palästina bilden sollte, war nicht etwa aufgegeben worden. Aber man erinnerte sich, daß Herzl auch einmal von einer „schleichenden Krise im Orient" gesprochen hatte, bei der „die kommende Stunde der Auslösung sich mit der Uhr in der Hand berechnen lasse." Man konnte also immerhin Vorbereitungsmaßnahmen treffen, um aus alle Fülle gerüstet zu sein. So galt die Paläshinaarbeit als vorsorgendes Hilfsmittel, damit im gegebenen Momente, wenn das Endziel nahe sein würde, nicht unnütz Zeit auf Nebensachen verloren zu werden brauchte. Freilich haben gerade die letzten Jahre gelehrt, wie wenig mit der Erlangung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für die Juden in Palästina gerechnet werden dürfe. Wenn es je eine günstige Konjunktur gab, in der das israelitische Volk seine Anwartschaft auf das Heilige Land hätte anmelden können, dann waren es zweifellos die verflossenen zwei Jahre, die das politische Bild der Türkei von Grund auf umgestaltet haben. Aber der Kladderadatsch des Osmanenreichs brachte nicht auch den verheißenen Zukunstsstaat in Palästina, und was den Albanern beschieden war, sollte nicht zugleich schon den Juden blühen. Daraus haben nun die Zionisten für ihr weiteres Verhalten die Konsequenzen gezogen. Unter Verzichtteistung auf den Anspruch eines völkerrechtlichen Besitztitels wollen sie ihre Tätigkeit in Palästina entfalten und als Gastvolk unter türkischer Herrschaft hinfort im Lande der Väter auf ökonomische und kulturelle Erwerbungen trachten. In diesem Sinne stellt sich die dritte Periode als die Folge einer völligen geistigen Umgestaltung des Jdeenkomplexes, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt, dar. Die Palästinaarbeit ist jetzt nicht mehr die Ausführung, nicht mehr ein Hilfsmittel der politischen Arbeit, sondern Selbstzweck. Ihre Ausgabe besteht darin, das jüdische Volksleben in Palästina möglichst zu kräftigen und zu organisieren, den jüdischen Einfluß zu erweitern und das jüdische Prestige zu heben, um so eine möglichst starke wirtschaftliche Position in Stadt und Land dort zu erreichen. „Allein, damit ist der Zionismus an dem Wendepunkt angelangt, den alle großen Bewegungen zu passieren haben: von der Herrschaft allgemeiner Begriffe, in welchen man die Notwendigkeit des Zieles und den Willen des Volkes zur ersten Orientierung zusammenfaßte, ging er zu den Einzelhandlungen über, die zu diesem Ziele führen. Der Zionismus hat sein Pro spe kt stad i um, von dem er gleich anderen Bewegungen ausgegangen ist, verlassen und ist endlich an die Dinge selbst heran getreten.' Dies der Standpunkt des offiziellen Z i o n i s m u s — nicht der Zionisten schlechthin. Es fiel gleich auf, daß von den Führern, den „großen Kanonen", wie ein Berliner Journalist neben mir scherzhaft sagte, sich diesmal eine besonders große Zahl durch Abwesenheit auszeichnete. Die englische und französische Phalanx war erheblich gelichtet, und selbst von Wien fehlte mancher, den man nur ungern auf dem Kongreß mißte. Eine Weile schien es, als ob auch Herr Wolffsohn, der nach Herzl Tode die Führung der zionistischen Bewegung übernommen und sie bis vor zwei Jahren innegehabt hatte, dem Kongresse fernbleiben würde. Herr Wolfssohn hat aus dem vorigen Kongresse die Leitung aus Gesundheitsrücksichten! niedergelegt. Aus Gesundheitsrücksichten mit und ohne Gänsefüßchen. Denn-tatsächlich ist er-leidend; aber es machte sich auch eine starke Opposition gegen ihn geltend. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin", wie's im Gedichte heißt. Diesmal war er wirklich krank, und sein Arzt riet ihm vom Besuche des Kongresses ab. „Sie werden mit dem Herzen reden, und Ihr Herz ist krank/. sägte-er>-KM--wa-r-N'enid. Aber er glaubte, daß zuviel auf dem Spiele stände'; um sein Fortbleibenvor. sich rechtfertigen, zu können. - Und er sprach mit dem Herzen; schön, warm, -ergreifend. Als Herr Wolffsohn sich auf dem zehnten Kongresse dazu bereit fand, die Zügel der Organisation aus der Hand zu geben, geschah es unter der Bedingung, daß die Finanzinstitüte, an deren Spitze er seit ihrer Begründung stand, auch weiterhin seiner Leitung unterstellt bleiben sollten. Nur auf dieser Basis war es möglich, den. damals drohenden Konflikt abzuwenden. Aber Herr Wolffsohn ist ein Mann, der die Tradition liebt. Er war H'erzls treuer Paladin, dem er bis zum Ende in geradezu rührender Anhänglichkeit blindlings Gefolgschaft leistete. Er ist noch.immer „politischer" Zionist, huldigt also Anschauungen, die man längst zum alten Eisen tun zu müssen geglaubt hat. Und in diesem Sinne suchte er dann auch, sehr zum Leidwesen der jetzigen Machthaber, die Geschästsgebarung der zionistischen Finanzinstitute zu bestimmen. Nun galt es also, das Kompromiß zu revidieren.und jenen Faktoren, denen man auf dem vorigen Kongreß die Leitung der Organisation eingeräumt hatte, in Zukunft auch den entscheidenden Einfluß auf die Banktätigkeit zu überlassen. Gegen dieses Vorhaben wandte sich indessen Herr Wolffsohn mit aller Energie und Entschiedenheit, indem er dem gegenwärtigen Aktionskomitee nicht nur Parteilichkeit der Amtsführung, sondern, vor allem auch große Unkenntnis auf finanztechnischem Gebiete zum Vorwurf machte. Es erschien gerade bei der schroff kontradiktorischen Gegenüberstellung des komischen Beigeschmacks gewiß nicht ganz frei, wenn die „praktischen" Zionisten den „politischen" mangelhaften praktischen Sinn, und die „politischen" den „praktischen" unpraktische Arbeitsweise zur Last legten. Aber es war doch von hinreißender, ja geradezu überwältigender Wirkung, als das frühere Haupt der Bewegung sein gewaltiges ^aeeu8e dröhnend in wen Saal schleuderte. Und man konnte sich eines starken tragischen Mitgefühls nicht erwehren, wenn man tiefer schaute und sich sagen mußte, daß hier ein Mann um seine Persönlichkeit, um seine Ueberzeugung, um sein im Dienste einer Sache aufgebrauchtes Leben ringt! . . . Gewitterschwüle gleich lag es schwer in der Luft und im Saale war alles wie elektrisiert, zur Entladung bereit, alles erregt, alles gespannt, alles an die Worte des Redners gebannt. Und wie glänzend verstand er es, das ganze rhetorische Register spielen zu lassen! Mit welcher Geschicklichkeit wußte er zu grollen und zu schmollen, mit welcher virtuosen Wirksamkeit zu schmeicheln und zu drohen und. durch Einflechtung, von historischen Reminiszenzen und witzigen Wendungen alles zu heben und zu L

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