Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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im- D er Ljomitrndongrktz in der hrr-lltsdt. Von Hiero s o l y mi t a n u s. tpt r figuriert als elfter in der Reihe; er könnte aber ebensogut als „erste neue Folge" bezeichnet werden. Denn der Kongreß von Wien stellt die Abkehr von den bisherigen Anschauungen, stellt das Aufgeben der seit dem ersten Kongreß für den Zionismus als sakrosankt geltenden Prinzipien dar. Und dies nicht zufällig, unbewußt, aus einer momentanen .Stimmung heraus, sondern mit vollem Bedacht, nach reiflicher Ueberlegung und in abwägender Würdigung der gegebenen Tatsachen und Verhältnisse. Darin liegt die fundamentale Bedeutung des letzten Zionistenkongresses, der eine neue Phase in der zionistischen Bewegung eingeleitet zu haben scheint, In der Herzlstadt hat der Herzlzionismus seinen Geist aufgegeben . . . # „Die Juden haben, wie die Dinge jetzt stehen, kein Interesse, auch nur einen einzigen Kolonisten nach Palästina zu schicken. Die schon dort sind, mögen bleiben, und es gibt im Heiligen Lande jüdische Bettler genug, die man durch Arbeitshilfe zu Bauern und Handwerkern machen kann und muß. Aber wir erklären klar und deutlich, daß wir unter den jetzigen Umständen eine weitere Einwanderung nicht wollen. Der Baseler Kongreß hat es ausgesprochen, daß die ' Erhaltung der bisherigen jüdischen Ackerbaukolonien, die vortreffliche Resultate ergeben haben, zu wünschen ist, daß aber zunächst keine neue Anstedlung hinKukommen soll. Wir wollen keine schutzlosen Kolonien stiften, die ohne politischen Gegenwert das Land wertvoller machen und zugleich' jedem Wechsel der Negierungsabsichten und jedem Umschlag in der Gesinnung der Bevölkerung preisgegeben' wären. Die sogenannte Infiltration muß zum Stillstand gebracht werden, bis die vom Kongreß einstirmmg verlangten öffentlich-rechtlichen Garantien geschaffen sind." So Herzl. Und Nordau, sein getreuester Interpret, erklärt ganz kategorisch: „Ich protestiere auf das schroffste und entschiedenste gegen jeden Versuch, den Zionis¬ Innenansicht des Tempels mit der neuen Orgel. mus mit den bestehenden Kolonien in Palästina zusammenzuwerfen und sie als etwas Zusammenhängendes hinzustellen. Dieser Versuch kann entweder von offenen und verhüllten Feinden des Zionismus oder von denkunfähigen, verworrenen Gehirnen gemacht werden, denen es unmöglich ist, die Dinge klar und scharf zu sehen, wie sie sind." Immer deutlicher traten freilich in der Folge die bei einer Verwirklichung des im ersten Augenblick so leicht durchführbar erscheinenden Planes zu überwindenden Schwierigkeiten zutage. Schöpferische Geister erschauen hellsehend das Ziel in der Luftlinie allein, fatamorganaartig, nicht sel-, ten schon ganz in greifbare Nähe gerückt. Auch Bebel soll sich, aus einem der ersten sozialdemokratischen Parteitage dahin geäußert haben, daß er und der größte Teil der Anwesenden mit ihm noch den Einzug ins gelobte Land ches 'Zukunststaates erleben werden. In dieser Schwäche des Urteils lag die Stärke seiner Wirkung, lag sein gewaltiges Pathos, seine Äpostelleidenschaft. seine Jünger werbende Ueberzeugungskraft. Aber Bebel hat darauf noch fast ein volles Menschenalter gelebt und mit ihm sein Glaube und sein Erfolg. Herzl war über die ersten Kinderjahre der von ihm ins Leben gerufenen Bewegung nicht hinausgekommen, und die Epigonen, die sein Erbe übernommen hatten, wußten sich auf den dornenvollen Wegen, die zum werkkrönenden Endziele führen sollten, kaum aus. Statt' Jdealpolitik begann man Realpolitik zu treiben, und an Stelle des großangelegten Eharterplanes setzte man die in Kleinarbeit sich auflösende pen^tration pacifique. Schritt für Schritt vollzog sich dieser Umschwung in der Auffassung und Zielsetzung des Zionismus, und in seiner Rede zur Eröffnung des Kongresses konnte Herr Professor Marburg drei Entwicklungsstufen im Wandlungsprozesse der zionistischen Bewegung feststellen, die sich wohl am treffendsten als die Phasen der Jdeenkonzeption, der unsicher Lastenden Versuche und der Detailarbeit bezeichnen ließen. „In der ersten Periode verhielt sich die Organisation der praktischen Arbeit - in Palästina gegenüber ablehnend. Die Ablehnung ist verständlich, wenn man sich erinnert, wie sehr diese Periode unter dem Zeichen der einen großen neuen Idee stand, die nur dann stark genug wirken konnte, wenn sie ohne Beiwerk und Ballast hell und