Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
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Selbst an Wochentagen , ist der Gvttetzdienst in der k l e i n e n Synagoge Fasanenstraße — dank einer s ei erlich en Gesta l t u n g — so reichlich besucht, daß die Minjanleute unter den übrigen Betenden verschwinden und der Eindruck eines bezahlten Gottesdienstes hier ganz und gar nicht entsteht. Man kann das ohne Uebertreibung als eine wahre Renaissance unseres jüdischen Gemeindelebens bezeichnen, welche auch jeder Orthodoxe, wenn er gerecht sein will, anerkennen muß. Würde es nun eine kluge oder fromme Handlung unserer Gemeindebehörden chein, den'Kartenzwang in der Synagoge Fasanenstraße auch an anderen Tagen als den beiden hohen Festen einzuführen und den Trieb zum Besuch des - Gottesdienstes zu ertöten? Wer das der- . langt, weiß nicht, daß die meisten Synagogew die Inschrift über ihrem Eingang haben: „Mein Haus ist ein Bebhaus, alle Völker sind eingeladen." Deshalb, liebe Glaubensgenossen, murret .nicht, wenn ihr mal an einem christlichen Feiertag „euren" Platz in der Synagoge nicht erreichen könnt, an anderen Tagen wird es kaum Vorkommen; freut euch als Juden, daß solch Andrang zu den Synagogen besteht, besetzt aber „euren" Platz so oft als möglich im Jahre, damit die Gemeindebehörden immer wieder von dem Bedürfnisse für Synagogen überzeugt werden. Grund zu Beschwerden habt. ihr nicht, wenn mal eine Uebersüllnng - stattfindet, und wenn dann die verantwortlichen Personen Maßregeln treffen, welche Lebensgefahr zu verhüten imstande sind, wodurch also auch eure Person mit geschützt wird. Uebrigens war es schon immer Gewohnheitsrecht, daß bei der Feier von Chanukka und Purim sowie von Simchath-Dhora jedem Mer Matz in den Synagogen zugänglich war. Für die Gemeindebehörden bietet der zahlreiche Besuch der Synagoge Fasanenstraße an den Freitagabenden wie an den Wochentagen einen Fingerzeig, wie der Gottesdienst eingerichtet sein muß, wenn er die Besucher erheben und die religiös indifferenten Glaubensgenossen veranlassen soll, nicht nur an den drei hohen Feiertagen die Synagoge zu besuchen. Von Ser Milchen Kekormgememde in Lerlm. 1. Di e neue Orgel. ie Einweihung einer neuen Orgel im Tempel der jüdischen Resormgemeinde zu Berlin, die am 28. September stattfand, von der im Gemeindeboten Nr. 40 bereits kurz die Rede war, gibt mir Gelegenheit, noch einmal von diesem prächtigen Werk und der Gemeinde zu sprechen, die sich nun an diesem Prachtwerk erfreuen soll. Zur Ergänzung des Konzertberichts sei.nur darauf hingewiesen, daß die Violinenbegleitung des einen-Stücks in den Händen des Herrn Sanitätsrats Holz lag, und daß die Orgel selbst durch ihren vollen und schönen Ton einen vortrefflichen Eindruck macht. Aus zwei Gründen komme ich noch einmal aus dies Ereignis zurück, das für die Geschichte der Reformgemeinde von großer Wichtigkeit ist. Es möge zunächst aus der Ansprache des ersten Vorsitzenden, der Reformgemeinde, des Herrn Direktors Minden, ein kurzer Auszug geboten werden, und es sollen sodann einige Notizen folgen, die das Bild des Genannten zu begleiten bestimmt sind. Schon im Jahre 1822 versuchte der bekannte Förderer aller liberalen Bestrebungen, Israel Jacobsohn, in Berlin einen Gottesdienst einzurichten, bei dem die .Begleitung durch Musikinstrumente zur Hebung der Andacht dienen sollte. Der Gottesdienst wurde aber durch die berüchtigte Kabinettsorder vom . Jahre 1823 untersagt. Im Jahre .1843, also vor mehr als 80 Jahren, begründete Sigismund Stern die .Reformgenossenschafr, aus der sich 1844 die Reformgemeinde entwickelte. Man schritt zum Bau eines neuen Gotteshauses,, das 1853/54 in der ■ Johannisstraße durch Gustav Stier errichtet wurde. Als ein notwendiger Bestandteil des von dieser eingerichteten deutschen .Gottesdienstes wurde die- Orgel betrachtet. Die musikalische Liturgie schuf Julius Stern; sie wurde 1857 unter Mitwirkung Lewandowskis durch . zahlreiche neue Gesänge vermehrt. 1894 fand eine Revision des Gebetbuchs statt, ber der viele neue Psalmen eingefügt wurden. Der erste Organist der durch den Orgelbauer Buchholtz erbauten Orgel war Hugo Schwänzer, der 1861 in den Dienst der Hauptgemeinde überging und seines Amtes in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße waltete; ihm folgten Engelhardt,, Robert Radecke, endlich Franz Kunicke, der 28 Jahre lang sein Amt bekleidete und erst, vor einigen Wochen gestorben ist. Der neue Organist Karl Stabernack führte sich bei dem ersten Konzert höchst vorteilhaft ein. Durch das freundliche Entgegenkommen von Frau Direktor Minden sind wir in der Lage» unseren Lesern die Ansicht des Tempels der Resormgemeinde, sowohl der äußeren als dex inneren, zu geben und zugleich den ersten Vorsitzenden der Resormgemeinde vorzusühren. 2. Georg Minden. . Herr Direktor Georg Minden, der unseren Lesern als Reise-! schilderer wohl bekannt ist und in der ersten und dep nächst folgenden Nummer dieses Quartals Proben seiner anmutigen Schilderungswöise vorlegt, verdient Wohl in unserer , Reihe hervorragender Israeliten zu figurieren. Ueber sein LeM"erzählt er selbst folgendes: ■ -' „Ich bin 1850 zu Berlin geboren. Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater, der zu den Füßen seines Vaters auf dem alten-Friedhof in der Hamburger Straße ruht, waren alle geborene Berliner. Den ersten Leseuntericht erhielt ich noch vor der Schulzeit bei dem Mathematiker Dr. Max Simon, Direktor Dr. jur. Georg Minden.